Sergio Ermotti reagierte dünnhäutig. «Die UBS steht überhaupt nicht im Zentrum», wischte der Bankchef bei der Präsentation des mageren Quartalsergebnisses am Dienstag Fragen zur Rolle der Schweizer Grossbank im Libor-Fall vom Tisch.

Die heftige Reaktion zeigt das Ausmass des Skandals. Händler verschiedener Finanzmultis haben jahrelang die London Interbank Offered Rates (Libor) zu ihren eigenen Gunsten gefälscht. Auf den Libor-Sätzen basieren weltweite Zinsprodukte, unter anderem viele Schweizer Hypotheken. Behörden rund um den Globus ermitteln, zahlreiche Sammelklagen sind eingereicht, weitere dürften folgen. In angelsächsischen Medien ist von kurz bevorstehenden Verhaftungen die Rede.

Ermotti hat recht, weil die UBS zu einer Gruppe von vielen beschuldigten Banken zählt. Doch die Rolle der Schweizer in der Libor-Affäre ist speziell: Die UBS steht am Anfang jenes Kapitels, welches das Potenzial zur entscheidenden Zäsur im weltweiten Banking hat. Ab 2011 nahm die Bank hohe Rückstellungen für mögliche Bussen und Schadensersatz vor. Die Abschreiber summieren sich auf mehrere Hundert Millionen Franken. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Parallel dazu hat sich die Bank von gegen zwei Dutzend Händlern und Managern getrennt. Die Händler könnten Teil eines Betrugsrings in mehreren Banken sein, die Manager sollen ihre Kontrollpflicht nicht wahrgenommen oder die interne Untersuchung boykottiert haben, sagt eine UBS-Quelle.

Im ersten Quartal 2011 berichtete die Bank erstmals von Aufforderungen von drei US-Behörden, darunter dem «scharfen» Justizdepartement, Unterlagen zu möglichen Manipulationen rund um die Fixierung von Libor-Sätzen einzureichen. Diese werden täglich um 11 Uhr Londoner Zeit von 8 bis 16 Grossbanken durch Selbstdeklarationen für zehn Währungen festgelegt.

Damals verbuchte die UBS Rückstellungen von 122 Millionen Franken. Weil sie gleichzeitig zum ersten Mal den anrollenden Libor-Fall erwähnte, ist davon auszugehen, dass der grösste Teil dieser Summe für potenzielle Libor-Bussen und weitere Zahlungen zurückgestellt wurde. Die Bank kündigte weitere Ermittlungen der Finanzaufsichten von Japan und England an.

In den Folgequartalen blieben die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten und Aufsichtsverfahren hoch. Sie betrugen zwischen 70 und 111 Millionen Franken. Wie viel davon für den Libor-Fall zurückgestellt wurden, geht aus der Berichterstattung nicht hervor. Einen deutlichen Hinweis, dass die UBS mit einem ständig wachsenden Schadensberg rechnet, liefert das jüngste Quartal. Für die Zeit von April bis Juni schossen die Rückstellungen für Rechtsfälle auf 210 Millionen Franken hoch.

Insgesamt addieren sich Rückstellungen für hängige rechtliche Fälle seit Anfang 2011 auf fast 700 Millionen. Laut einer UBS-Quelle soll der Libor-Anteil unter 500 Millionen liegen. Zum Vergleich: Die englische Barclays-Bank musste umgerechnet über 400 Millionen Franken für einen Vergleich mit Aufsichtsbehörden bezahlen. Offen bleiben darüber hinausgehende zivile Schadenersatzklagen. Eine UBS-Sprecherin wollte sich nicht zur Höhe der Libor-Rückstellungen äussern.

Die UBS begann früh mit der Aufarbeitung des Libor-Falls und sass zuletzt auf 20 Millionen Dokumenten. Das Ausmass der Untersuchung übersteige jenes des US-Steuerfalls, sagt die interne Quelle. Mit Hilfe einer externen Anwaltskanzlei ging die Bank ersten Hinweisen in der US-Presse im Jahr 2008 nach, wonach die Libor-Banken die Zinssätze absichtlich tief hielten, um in der Finanzkrise als sichere Gegenpartei zu gelten.

Laut dem UBS-Manager stiessen die Ermittler 2010 auf «verräterische» E-Mails von Händlern. Diese hätten auf Absprachen zwischen Managern bei verschiedenen Grossinstituten hingedeutet. Es sei erstmals der Verdacht auf einen «Betrugsring» aufgekommen, der Positionen bei verschiedenen Banken manipuliert haben könnte.

Laut einem Reuters-Bericht von letzter Woche wird Thomas Hayes verdächtigt, der von 2006 bis 2009 für die Schweizer Grossbank arbeitete und danach kurz zur Citigroup wechselte. Mit Bezug auf kanadische Gerichtsakten schrieb Reuters von zwei Händlern der Royal Bank of Scotland, die UBS-Mann Hayes bei Manipulationen des Yen-Libors geholfen hätten.

Laut der UBS-Quelle ergab die eigene Untersuchung, dass die Libor-Manipulationen zwischen 2005 und 2009 stattgefunden haben könnten. Es gehe um den Yen-Libor, den Euroyen-Tibor (das japanische Pendant zum Libor) und Schweizer Libor-Sätze. Als die UBS 2010 zum Schluss gekommen war, dass sie Teil eines globalen Libor-Betrugsnetzes sein könnte, informierte sie alle betroffenen Behörden. Am Ende wurden Straf- und Aufsichtsämter in den USA, Kanada, England, Japan und der Schweiz aktiv.

Die UBS erhielt für jene Fälle Strafverschonung zugesichert, in denen sie konkrete Informationen über mögliches Fehlverhalten ihrer eigenen Leute beisteuerte. Teil des Deals war somit, dass der Schweizer Finanzmulti Banker anderer Grossinstitute an den Pranger stellte. Die schweizerische Wettbewerbskommission will kartellrechtliche Fragen bis 2014 klären und hat der UBS eine bedingte Straffreiheit gewährt.

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