Herr Bär, im März ist Ihr Vater Hans J. Bär gestorben. Er galt als Bankier mit Visionen – so sagte er schon sehr früh das Ende des Bankgeheimnisses voraus. Welches sind Ihre Visionen?
Raymond Bär: Visionen zu entwickeln, ist in der schnelllebigen globalisierten Wirtschaft schwieriger geworden. Was heute visionär ist, kann morgen schon wieder veraltet sein. Auf die Schweiz bezogen scheint mir die wirtschaftliche Offenheit gegenüber Europa zentral. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, wenn nun versucht wird, die Personenfreizügigkeit aufzukündigen. Das könnte den ganzen Bilateralismus mit der EU gefährden – und das wäre verheerend.

Wirtschaftliche Offenheit gegen über der EU – aber politische Unabhängigkeit?
Ja. Wir liegen im Herzen Europas, und darum geht es uns gut. Dass wir politisch nur teilweise dazugehören, ist ein Glück; das sieht man jetzt bei den Euro-Turbulenzen. Der bilaterale Weg ist nach wie vor richtig. Wäre die Schweiz EU-Mitglied, hätte sie nicht wirklich mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Rosinenpickerei kann man uns deswegen nicht vorwerfen: Wir leisten einen Beitrag und zahlen heute Milliarden an die EU, etwa für die Osterweiterung.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schweizer Finanzplatzes?
Die Schweiz ist gut bedacht, anzuerkennen, dass der Finanzplatz ein fester Bestandteil ihres wirtschaftlichen Erfolges ist. Das Banken-Bashing, das wir seit einigen Jahren erleben, hilft niemandem. Wenn die Abgeltungssteuer tatsächlich kommt – und die Vorzeichen stehen gut –, haben wir klare Leitplanken für die Zukunft. Geld wird künftig in die Schweiz fliessen, weil hier die Leistung und der Service am besten sind – und nicht, weil Steuern umgangen werden. Aber es müssen auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Banken stimmen. Wir müssen wettbewerbsfähig sein.

Und das ist nicht mehr der Fall?
Der Test wird sein: Welche Banken siedeln sich in Zukunft in der Schweiz an? Wenn die grossen Banken der aufstrebenden Länder China, Indien und Brasilien nicht in die Schweiz kommen, dann müssen wir politisch über die Bücher. Dann haben wir etwas falsch gemacht.

Welche Fehler meinen Sie?
Durch die Finanzkrise ist die Schweiz in einen Regulierungsaktivismus geraten. Wir müssen zu einem gesunden Pragmatismus zurückfinden. Ihm haben wir zu verdanken, dass es heute in der Schweiz über 300 Banken gibt.

Wo sehen Sie Übertreibungen seitens der Politik?
Die Vermögensverwaltung ist für unser Land zentral, und sie ist sehr international. Es gibt leider vermehrt die Tendenz, dass die Schweiz vorauseilend handelt und den übereifrigen Musterschüler spielt. Das sah man zum Beispiel beim Umgang mit Vermögenswerten aus Tunesien und Ägypten.

Dort hat der Bundesrat Potentatengelder sehr schnell gesperrt.
Man kann einfach von «Potentatengeldern» reden und diese mal schnell sperren. Aber was ist ein Potentat, wie weit reicht sein Umfeld? Wie entstehen Listen, auf deren Grundlage Konten blockiert werden? Diese Fragen wurden bei den jüngsten Fällen im arabischen Raum nicht vertieft genug geprüft. Die ganze Welt hat mit dem Mubarak-Regime zusammengearbeitet – und dann war es über Nacht ein Schurkenregime. Da stimmt etwas nicht.

Schnell Konten zu sperren, ist in solchen Fällen wichtig und hat der Schweiz Lob aus dem Ausland eingebracht.
Aber das Vorgehen muss berechenbar sein. Sonst entsteht Rechtsunsicherheit. Ein indonesischer Unternehmer beispielsweise kommt vielleicht nicht in die Schweiz, wenn er den Eindruck hat, dass hier willkürlich Konten gesperrt werden. Er weiss nicht, was mit seinem Vermögen geschieht, sollte dereinst seine Regierung gestürzt werden. Oder ein Staatsfonds aus Abu Dhabi sagt sich dann: Ich gehe lieber nach Singapur als in die Schweiz.

Haben Sicherheit und Stabilität abgenommen?
Leider gibt es Anzeichen dafür. Stabilität und Berechenbarkeit sind entscheidende Stärken unseres Standortes. Sie sind bedroht, wenn wir auf jedes Ereignis am schnellsten reagieren wollen – und dabei auch in Kauf nehmen, willkürliche Entscheide zu treffen.

Es ist doch nachvollziehbar, wenn man etwa im Fall Libyen lieber einmal ein Konto zu viel als zu wenig sperrt.
Das mag politisch verständlich sein, nach der ganzen Vorgeschichte mit Libyen. Aber der wirtschaftliche Schaden, der daraus resultiert, ist eine Realität. Die arabischen Länder sind nicht der erste Fall. Es gab zuvor schon Russland mit Chodorkowski, wo die Schweiz vorauseilend Pensionskassengelder eingefroren hat – obwohl international festgestellt wurde, dass die Unabhängigkeit des russischen Justizsystems nicht über alle Zweifel erhaben ist.

Haben Sie beim Bundesrat interveniert?
Darüber rede ich nicht in der Presse. Aber ich habe den Eindruck, dass die Politik die Komplexität des Problems erkannt hat. Wir sind ein zu kleines Land, um den Vorreiter zu spielen und zu hoffen, dass die Welt uns folgt.

War Julius Bär von Kontensperrungen betroffen?
Wir sind erst seit 2005 im Nahen Osten präsent, darum sind wir nur sehr marginal betroffen.

Was halten Sie von der neuen Finanzmarktaufsicht? Sehen Sie da auch einen Übereifer?
Die neue Finma hat stark an Präsenz gewonnen, und sie hat gute Leute. Aber vonseiten der mittleren und kleinen Banken ist das Echo sicher nicht brillant, da man den Eindruck hat, teilweise etwas «beübt» zu werden. Die Banken sehen sich mit stark vermehrten und umfangreichen Anfragen konfrontiert, was vor allem für kleinere Institute ein riesiger Aufwand bedeutet. Man kann hoffen, dass sich das Ganze nun setzt und dass sich das Know-how bei der Finma und auch bei den Banken festigt.

Die Finma muss letztlich auf die Erfahrungen mit der UBS reagieren, wo die Aufsicht zu wenig genau hinschaute.
Uns scheint manchmal, dass aufgrund des Falls UBS alle Banken stärker beobachtet werden. Es gibt eine Art Sippenhaftung, die ich für nicht fair halte. Banken sollten spezifisch, aufgrund ihrer Geschäftsmodelle, überprüft werden.

Ist Julius Bär eigentlich interessiert an der Bank Sarasin, die auf den Markt kommt?
Einzelgeschäfte kommentieren wir nicht. Aber wir haben immer gesagt, dass wir Kapital für Akquisitionen haben und dass wir zugreifen, wenn ein Institut kulturell zu uns passt.

Sarasin wäre eine grössere Akquisition. Könnten Sie sich das leisten?
Wenn alle unsere Kriterien erfüllt wären, dann könnten wir selbstverständlich die nötigen Voraussetzungen schaffen. Wir haben gezeigt, dass wir Banken integrieren können. Der Grundsatz muss immer sein, eine Transaktion freundlich, also mit den Mitarbeitern zu gestalten.

Seit Jahren spricht man von einer Konsolidierungswelle bei Privatbanken, viel geschehen ist dann aber nicht.
Wie sehen Sie das?

Langsam zeigt sich, dass es ohne eine gewisse Grösse nicht geht. Eine Bank muss heute ins Ausland gehen können, das kostet sehr viel Geld. Kleinere Banken werden sich zu Instituten zusammenschliessen, die Kundengelder in der Höhe von 200 bis 300 Milliarden Franken verwalten. Ganz kleine Banken dürften verschwinden, weil es schwierig ist, diese profitabel zu führen.

Sie haben in Deutschland 50 Millionen Euro bezahlt, damit Ermittlungen wegen Beihilfe zu Steuerhinterziehung eingestellt werden. Warum?
Wir haben uns für eine pragmatische Lösung entschieden, um die gute Dynamik in unserem Deutschlandgeschäft nicht zu gefährden. Andere Banken hätten vielleicht anders gehandelt.

Ist Ihre Zahlung aber nicht eine Einladung an andere Länder wie Frankreich, gleich vorzugehen wie Deutschland?
Das sehe ich nicht so. Und für uns war die starke lokale Präsenz in Deutschland ausschlaggebend, diesen pragmatischen Weg überhaupt einzuschlagen. Grundsätzlich ist es viel einfacher für die Schweiz und die betroffenen Länder, auf politischem Weg die Vergangenheit mit einer Abgeltung zu lösen. Das ist zweckmässiger, als auf Banker, Anwälte und Treuhänder einzeln loszugehen.

Das hindert aber die Staaten nicht daran, weiter gegen eine einzelne Bank vorzugehen.
Ich gehe davon aus, dass die Verträge für die Abgeltungssteuern entsprechend ausgestaltet sind, dass dies nicht mehr möglich sein wird.

Stammt die CD vom letzten Oktober mit gestohlenen Daten von Rudolf Elmer?
Dafür gibt es keine Hinweise. Wir haben gesagt, dass die Behörden einerseits aufgrund der Selbstdeklarationen an viele Daten herangekommen sind. Andererseits hat das Bundesland Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr eine CD mit rund 200 Datensätzen gekauft.

Angenommen, die Abgeltungssteuer kommt und die Offshore-Gelder in der Schweiz werden legalisiert. Aus welchem Grund soll ein Deutscher sein Geld in der Schweiz behalten?
Letztlich entscheidet die Qualität unserer Dienstleistung. Es gibt Hinweise, dass die Beratungsqualität in gewissen europäischen Ländern tatsächlich schlechter ist als in der Schweiz und Gelder daher in der Schweiz bleiben.

Verhandeln die Schweizer gut?
Der Deal wird teuer und er wird dem Finanzplatz wehtun. Ich hoffe nur, dass wir rückblickend sagen können, dass wir gut verhandelt haben. Der Verdacht steht jedoch im Raum, dass wir alle möglichst schnell ein Verhandlungsresultat haben wollen. Es ist niemandem gedient, wenn die Konditionen so ausgestaltet sind, dass die Kunden auf die Bahamas abwandern. Für den Schweizer Finanzplatz wäre das fatal. Viele Jobs würden verschwinden.

Wohin kann ein Kunde gehen, wenn er sein Geld nicht versteuern will?
Er hat nicht mehr viele Möglichkeiten. Am besten beraten ist er aber, wenn er seine steuerliche Situation so schnell wie möglich bereinigt. Denn eines ist klar: Der nächste Deal in vielleicht fünf Jahren wird bestimmt teurer. Nichtsdestotrotz wird es Kunden geben, die die die Schweiz verlassen.

Wird Steueroptimierung und -vermeidung auch in Zukunft Teil des Angebots einer Privatbank sein?
Steuervermeidung sicher nicht. Optimierung ist zu Unrecht ein negativ belastetes Wort. Es ist völlig legitim, dass man den legalen Raum ausnutzt, um Steuern zu sparen.

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