Spätestens seit die Schweizer Sängerin Anna Rossinelli im Internet 50 000 Franken für eine musikalische Reise durch die USA sammelt, hat Crowdfunding auch hierzulande Bekanntheit erlangt. Viele Einzelne – die «Crowd» – bezahlen einen kleinen Betrag, um gemeinsam ein Projekt zu finanzieren. Belohnt werden sie mit einer mehr oder weniger symbolischen Gegenleistung: von der Postkarte mit persönlichem Dank bis zum Rossinelli-Privatkonzert.

Crowdfunding funktioniert. Die Seite Wemakeit.ch vermittelte letztes Jahr 3,5 Millionen Franken. Nur bei Rossinelli wars harzig. Viele Schweizer sahen nicht ein, warum sie der Baslerin eine Reise bezahlen sollten. Er hagelte böse Sprüche der Crowd auf den Newsportalen.

Nun gibt es für Rossinelli eine Alternative: den Kredit aus der Menge. Noch dieses Jahr lanciert die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) als erste Bank eine «Crowdlending»-Plattform, wie Sprecher Christoph Loeb ankündigt. Der Unterschied: Es gibt keine Geschenke mehr. Die Empfänger müssen das Geld verzinsen und zurückbezahlen.

Das Vorgehen ist ähnlich. Wer Geld braucht, platziert sein Projekt auf der Internetseite der Bank. Er gibt an, wie viel er braucht und welchen Zins er maximal zu bezahlen bereit ist. Dann startet eine Versteigerung um den Zins. Nach Ablauf eines Monats werden die Geldgeber mit den tiefsten Zinsofferten berücksichtigt. Als Kreditnehmer seien nur Firmen zugelassen, keine Privatpersonen, erklärt Loeb. Als Kreditgeber können Privatpersonen mit Wohnsitz in der Schweiz teilnehmen. Es gibt eine Kredit-Obergrenze von 100 000 Franken. Maximal 20 Geldgeber finanzieren gemeinsam ein Projekt.

Die Bank hält beim eigentlichen Kredit ihre Finger raus. Weder führt sie eine Kreditwürdigkeits-Prüfung durch, noch laufen die Kredite über ihre Bücher. «Die Bank garantiert für nichts», betont der Pressesprecher. «Wir vermitteln nur.»

Die Zeit für ein solches Vorhaben scheint günstig. Sparer erhalten kaum noch Zinsen und dürften daher an einer Alternative mit höheren Renditen – bei höheren Risiken – interessiert sein. Gleichzeitig haben viele Banken die Kreditvorschriften für KMU verschärft. Auch auf Seite der Kreditnehmer dürfte daher Interesse an neuen Kreditformen bestehen.

Im Ausland ist das Banking aus der Crowd bereits voll am Laufen. Vor allem England hat sich als Vorreiter etabliert, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young zeigt. 2014 sind dort schon 2,3 Milliarden Euro über solche Vermittlungsplattformen geflossen, davon 1,7 Milliarden Euro als Kredite. Insgesamt betrug das Marktvolumen in Europa knapp 3 Milliarden Euro bei einer Wachstumsrate von stolzen 146 Prozent. Beliebt ist die Direktvermittlung vor allem in nordeuropäischen Ländern.

Hinter dem Angebot der BLKB steht die Swisscom. Sie hat letztes Jahr die Technologie vom Schweizer Pionier Wemakeit eingekauft und in Richtung Bankservices weiterentwickelt. «Die Kreditvermittlung wird jetzt mit der BLKB lanciert», sagt der Produktverantwortliche Andreas Pages. «Später könnte auch die Vermittlung von Eigenkapital dazukommen.» Selber will die Swisscom keine Plattformen betreiben. Sie sieht sich als reine Service-Anbieterin für die Banken, von denen 200 bereits heute Finanz-Informatikleistungen von der Swisscom beziehen. Nach der BLKB sollen denn auch andere Banken die neue Kreditvermittlung anbieten können.

Crowd-Financing tönt nach sozialem Internet. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Anbieter kommerzielle Absichten haben. «Wir betreiben das nicht als Marketing-Aktion, sondern weil wir an diesem neuen Markt teilnehmen und mittelfristig damit Geld verdienen wollen», sagt Bank-Sprecher Loeb. Wer einen Kredit nimmt, zahlt dafür eine Vermittlungsgebühr. Der Swisscom bezahlt die Bank eine jährliche Pauschale. Darüber hinaus strebe man eine Umsatzbeteiligung an, sagt Pages.

Ob Rossinelli für ihre Reise einen Kredit akzeptiert hätte, ist nicht bekannt. Das ist aber auch nicht mehr so wichtig. Allen Unkenrufen zum Trotz hat sie nach einem Drittel der Zeit schon 34 436 Franken gesammelt.

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