Knatsch in der Kabine: Swiss knöpft sich die Blaumacher vor

Fluggesellschaft will ab dem 4. Krankheitstag ein Arztzeugnis – Kabinengewerkschaft prüft Klage.

Wenn ein Flight Attendant der Swiss krank war, musste er bisher ab dem 8. Tag ein Arztzeugnis vorweisen. Doch nun hat die Swiss die Regelung verschärft. Neu verlangt sie bereits ab dem 4. Tag ein Attest. Damit soll vorab dem Treiben von wenigen, die kerngesund der Arbeit fernbleiben, ein Riegel geschoben werden.

Die Kabinen-Gewerkschaft Kapers reagiert heftig: «Wir sind entrüstet über dieses Vorgehen der Swiss», sagt Kapers-Präsident Denny Manimanakis. «Das ist ein Affront.» Die Swiss ignoriere die zusätzlichen Belastungen bei der Arbeit im Flugzeug, die es beispielsweise im Büro nicht gibt. Diese würden viel schneller zu Krankheiten führen. Dazu zählt er die Zeitverschiebung, die tiefen Temperaturen an Bord, den Schlafmangel auf Nachtflügen oder den Kontakt mit Passagieren auf engstem Raum. «Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass all diese Faktoren den Körper und das Immunsystem übermässig strapazieren», sagt Manimanakis. Genau dieser Tatsache habe die bisherige Regelung Rechnung getragen. «Erkältungen können zwischen sieben und zehn Tagen dauern, benötigen aber nicht immer eine teure Arztkonsultation.» Nun würde das Personal gezwungen, auch bei leichten Erkrankungen wie Schnupfen oder Herpes sofort zum Arzt zu rennen. Die Änderung, kurz nach Annahme des neuen Gesamtarbeitsvertrages, zeuge von wenig Vertrauen gegenüber dem Personal.

Manimanakis räumt ein, dass es schwarze Schafe gebe. Aber dies seien Einzelfälle. Komme hinzu, dass die Swiss ihren Pflichten nicht nachkomme. Man klage seit Monaten über die Kälte an Bord des Airbus-330. «An den Türen, wo die Crew Ruhepausen verbringt, herrschen oft Minus-Temperaturen.» Doch noch immer gebe es zu wenig Duvets an Bord.

Nun würden wohl die Flight Attendants vermehrt krank zur Arbeit erscheinen, weil sie die Arztkosten nicht tragen könnten, sagt Manimanakis. «Damit steigt auch die Ansteckungsgefahr.» Im schlimmsten Fall würden chronische Erkrankungen der Atemwege drohen. «Wir werden deshalb das Gespräch mit dem Bundesamt für Gesundheit suchen für eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen. Und wir prüfen eine Klage gegen die Swiss.» Bei den Piloten verlangt die Swiss erst ab dem siebten Tag ein Zeugnis.

Allerdings: Bei anderen Schweizer Fluggesellschaften herrscht schon länger eine strengere Handhabung. «Wir verlangen von allen Mitarbeitern ab dem dritten Tag ein Arztzeugnis», sagt Tobias Pogorevc, Finanzchef von Helvetic Airways. Bei Auffälligkeiten, zum Beispiel wenn sich jemand regelmässig vor oder nach einem Wochenende krank melde, suche man das Gespräch. «Vor etwa einem Jahr haben wir einen verschärften Kontrollprozess lanciert, weil solche Krankheitsmeldungen vor allem bei jüngeren Mitarbeitern zugenommen haben», sagt Pogorevc. In solchen Fällen würde er ab dem ersten Tag ein Zeugnis verlangen. Easyjet und Edelweiss Air verlangen dies ab dem vierten, die Skywork Airlines ab dem fünften Tag.

Als Arbeitgeber sei man dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass sich die Mitarbeiter frühzeitig in ärztliche Konsultation begeben, falls dies nötig sei, sagt Swiss-Sprecher Stefan Vasic. So möchte man die Zahl der längeren Krankheitsfälle minimieren. Auch wegen des Gesundheitsmanagements sei die Swiss jüngst mit dem Label «Friendly Work Space» ausgezeichnet worden.

Der Streit reisst alte Wunden zwischen dem Management und dem Kabinenpersonal auf. In einer Umfrage kam vor einem Jahr ein äusserst angespanntes Klima zum Vorschein, das der Führung schlechte Noten aussprach. Daraufhin führte die Swiss zahlreiche Workshops durch, um eine Verbesserung zu erzielen.

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