VON FLORENCE VUICHARD

Bis Ende Juli mussten die Krankenkassen ihre Prämien 2011 beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) zur Bewilligung einreichen. Wie hoch der Prämienschub diesmal ausfallen wird, wollen die Versicherer aber nicht verraten. Denn das BAG hat ihnen einen Maulkorb verpasst: «Vor der Genehmigung der Prämien durch das BAG sind diese in keiner Form zu veröffentlichen», heisst es im Kreisschreiben, das jetzt dem «Sonntag» vorliegt.

Die Kassen halten sich eisern daran. Sogar die Redseligen wollen diesmal nichts sagen. Mit «gutem Beispiel» geht der Krankenkassenverband voran: «An einer Besprechung mit Bundesrat Didier Burkhalter am 8. Juni 2010 haben wir zugesichert, als Branchenverband keine Prämienprognosen 2011 mehr zu veröffentlichen», heisst es im Rundschreiben, mit dem Santésuisse auf die BAG-Weisung aufmerksam macht.

Das BAG begründet den Maulkorb damit, dass keine «Falschinformationen an die Versicherten» abgegeben werden. BAG-Sprecher Daniel Dauwalder verweist auf Fehler aus der Vergangenheit: «Für 2010 hat das BAG rund 300000 Prämien genehmigt, davon mussten rund 30000 korrigiert werden.» Mit anderen Worten: Zehn Prozent der eingereichten Prämien mussten angepasst werden. Die Öffentlichkeit wird sich heuer also bis Ende September oder Anfang Oktober gedulden müssen. Dann wird das BAG die bewilligten Prämien freigeben.

Trotz Maulkorb lassen sich heute schon erste Prognosen zur Prämienrunde 2011 machen. Branchenkenner rechnen mit einem durchschnittlichen Aufschlag von 8 bis 10 Prozent. Bei manchen Kassen ist der Bedarf aufgrund fehlender Reserven jedoch grösser. Doch das BAG gibt den Versicherern etwas Zeit, um ihre Bücher wieder in Ordnung zu bringen: «Ziel des BAG ist, dass die Kassen mit Reserveunterdeckung bis Ende 2012 die Minimalreserven wieder erreicht haben», sagt Dauwalder.

Stark aufschlagen werden 2011 die Prämien der kleinen Kassen. Denn das BAG hat die Minimalprämien massiv erhöht, welche die Kassen in jenen Kantonen anwenden müssen, in denen sie weniger als 300 Versicherte haben. In Basel müssen die Versicherten kleinster Kassen knapp 12 Prozent mehr zahlen, in Zürich zwischen 13,5 und 16,9 Prozent, in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn steigt die Minimalprämie um über 17 Prozent, in Luzern und Baselland sogar über 18 Prozent. Den grössten Prämienschub gibts für die Obwaldner mit einem Plus von 23,3 Prozent.

Neben den kleinen Versicherern sind auch die jungen Kassen der Grossen betroffen, so zum Beispiel das letzte Kind aus der Helsana-Familie, Maxi, oder die Neulancierung der Sanitas-Gruppe, Compact One. Die vom BAG geforderte Minimalprämie sei in «wenigen einzelnen Prämienregionen» relevant, sagt Sanitas-Sprecherin Isabelle Vautravers. Ähnlich klingt es bei Helsana. Bei der CSS erreichen Sanagate und Auxilia in «ganz wenigen Kantonen» die 300er-Marke nicht.

In wenigen Kantonen heisst in der Regel: in den kleinen Kantonen, wo viele Kassen nur kleine Versichertenbestände haben. So muss sich zum Beispiel Atupri, die mit rund 160000 Grundversicherten zu den 15 grössten Kassen zählt, in Appenzell Innerrhoden an die Minimalprämie des BAG halten, wie Sprecher Jürg Inäbnit einräumt. Gemäss BAG dient die Minimalprämie der Sicherung des Systems. «Bei einem Versichertenbestand von weniger als 300 ist eine sinnvolle betriebswirtschaftliche Rechnung schwer möglich», so Dauwalder.

Der Preissprung bei der Minimalprämie hat Folgen: Erstens können Versicherer keine neue Billigkassen mehr gründen, weil die Startprämien jetzt relativ hoch sind. Und zweitens fördern die hohen Minimalprämien den Konzentrationsprozess bei den Kassen. Denn verlieren kleine Kassen aufgrund des Prämienschubs viele Kunden, müssen sie sich mit anderen Kassen zusammenschliessen.

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