Keiner ist so präsent wie Pikachu. Das gelbe Pokémon ist überall zu sehen, wenn man durch die Halle der Computerspielmesse Gamescom geht. Dutzende von Besuchern haben sich als ihr Lieblings-Monster verkleidet. Spielen kann man «Pokémon Go» hier aber nicht – um den Fluss der Menschenmenge nicht noch mehr ins Stocken zu bringen, wurden auf dem Areal keine Pokémons versteckt.

Spielen soll man hier anderes, nämlich die neusten Games auf den grossen Konsolen von Sony, Microsoft und Nintendo. Eine halbe Million Spiele-Fans sind diese Woche dafür nach Köln gepilgert. Um einen der beliebtesten Titel wie etwa das Horror-Game «Resident Evil 7» zehn Minuten zu spielen, standen einige drei Stunden Schlange.

Was die Besucher geboten bekamen, war grösstenteils altbewährte Kost. Die Figuren, die Spielmechaniken und die Themen haben sich längst etabliert. Spieler schiessen auf Aliens, ziehen in den Krieg, zerhacken Zombies und rasen über den Asphalt. Viele der Games sind Fortsetzungen bewährter Serien – etwa «Fifa 17», «Forza 3» oder «Gears of War 4». Noch immer wird grosser Wert auf Akkuratesse und Fotorealismus gelegt. Ewige Wiederkehr der geilen Grafik.

Beeindruckend, all das. Doch die Schritte sind in den letzten Jahren kleiner geworden. Zwar entwickelt sich die Computertechnologie nach wie vor exponentiell. Je besser aber computeranimierte Figuren und Landschaften aussehen, desto mehr Rechenpower wird benötigt, um sie noch realistischer erscheinen zu lassen.

18 Trillionen Planeten
Statt mit grafischer Power liesse sich das Computerspiel natürlich mit neuen Konzepten weiterentwickeln. Doch da sind die grossen Hersteller vorsichtig. Zu sehr fürchten sie, damit zu floppen. Mut zur Innovation zeigen hingegen Independent-Studios. Die beiden spannendsten Games des Jahres stammen von kleinen Teams.

Da wäre zum einen das eingangs erwähnte «Pokémon Go». Das nicht etwa von Nintendo selber entwickelt wurde, sondern von einer Firma namens Niantic aus San Francisco, die zwanzig Mitarbeiter beschäftigt. Der japanische Spieleriese selber, der über die Tochterfirma Pokémon Company die Rechte an den Figuren hält, hat im Wesentlichen nur seine Einwilligung dazu gegeben. «Wir wurden von dem Riesenerfolg regelrecht überrumpelt», erklärte ein Nintendo-Manager an der Gamescom. Noch nie zuvor wurde mit einem Mobile-Game innerhalb eines Monats so viel Geld umgesetzt.

Die Erfolgsstory zeigt, was für Potenzial andere Nintendo-Charaktere wie Super Mario, Link oder Donkey Kong auf dem Smartphone hätten. Doch die japanische Firma hat sich bisher gesträubt, ihre populärsten Figuren in die Handywelt zu entlassen, und setzt stattdessen weiterhin auf das traditionelle Konsolengeschäft.

Das zweite grosse Spiel des Jahres wurde von einem noch kleineren Team entwickelt: Lediglich ein Dutzend Entwickler haben unter der Leitung von Mastermind Sean Murray «No Man’s Sky» kreiert, das eigentlich mehr ist als ein Spiel, nämlich die Simulation eines Universums. «Grösser, gewaltiger, unvorstellbarer war kein Spiel zuvor», schrieb die «Süddeutsche Zeitung» in ihrem Feuilleton. Über 18 Trillionen Planeten gibt es, mit ganz unterschiedlicher Flora und Fauna. Die Programmierer haben natürlich nicht jeden Himmelskörper selber gestaltet, sondern viel mehr eine Weltformel kreiert. Aufgrund dieses Algorithmus erschuf dann der Computer den Kosmos.

Sony hat das Potenzial des Spiels als erster grosser Computerspielverlag erkannt und Murry und seine Firma Hallo Games unter Vertrag genommen. Diese Woche ist «No Man’s Sky» nun für die Playstation 4 und den PC erschienen. Es stellt punkto Spielkonzept alles in den Schatten, was Sonys grosse Entwicklerteams, die oft über 100 Leute zählen, in den letzten Monaten selber zustande gebracht haben.

Auf der Brücke der Enterprise
Für die Gamebranche ist es deshalb ein Glück, dass dieses Jahr eine neue Hardware-Technologie die Marktreife erreicht hat: Virtual-Reality-Brillen, die den herkömmlichen Bildschirm ersetzen und den Spieler selber zum Mittelpunkt der computergenerierten Welt machen. Sony wird im Oktober für die Playstation 4 (PS4) eine solche Brille auf den Markt bringen. An der Gamescom liessen sich über 20 dafür konzipierte Games anspielen.

Dinge, die in herkömmlichen Games mittlerweile etwas an Reiz verloren haben, sind in der Virtuellen Realität (VR) wieder ungemein faszinierend. Die Autoverfolgungsjagd inklusive Schiesserei, die man in «London Heist» erlebt, ist extrem intensiv. Ebenso die Achterbahnfahrt durch das surreale Horror-Game «Until Dawn: Rush of Blood» mit seinen Schockeffekten. In «Star Trek: Bridge Crew» nimmt man selber Platz auf der Brücke der Enterprise und hat das Gefühl, man sei tatsächlich im Weltall, dort, wo noch nie zuvor ein Mensch gewesen ist.

Grafisch kann die Playstation VR zwar nicht mit den bereits erhältlichen Brillen Oculus Rift von Facebook und Vive von HTC mithalten. Sie sind aber teuer und setzen einen leistungsstarken Computer voraus. Für die Brille von Sony, die mit einem Preis von 400 Euro nur etwa halb so viel kostet, wird lediglich eine PS4 gebraucht. Über 40 Millionen Mal wurde diese Spielkonsole bereits verkauft. Sony kann also auf eine breite Nutzerbasis zählen und könnte VR so zum Durchbruch auf dem Massenmarkt verhelfen.

Und Microsoft? Die Amerikaner haben etwas überraschend noch keine VR-Brille angekündigt. Auf die Frage, ob man nicht gerade eine grosse Sache verpasse, meinte ein Microsoft-Manager an der Gamescom vielsagend: «VR ist spannend. Warten Sie ab, was wir damit machen werden.» Für Microsoft ist zu hoffen, dass das Abwarten nicht allzu lang andauern wird. Denn mit den an der Gamescom gezeigten Spielen alleine kann der in den letzten zwei Jahren eingeheimste Rückstand auf Sony nicht aufgeholt werden.

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