Herr Grantham, die Lebensmittelpreise ziehen wieder stark an. Ist das nur vorübergehend?
Jeremy Grantham: In den letzten fünf Jahren hat sich der Preis für Lebensmittel verdreifacht. In der westlichen Welt geben wir inzwischen 10 Prozent unseres Einkommens fürs Essen aus, früher waren es 3 bis 4 Prozent. Die Veränderung ist für uns schmerzhaft, aber kein grosses Problem. Doch viele ärmere Länder konnten diesen Preisschock bis heute nicht absorbieren. Dramatisch ist die Lage etwa in Ägypten, wo die Bevölkerung mittlerweile 40 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgibt. Früher waren es 15 Prozent.

Was bedeutet das für die Zukunft?
Wenn sich die Preise in den nächsten 20 Jahren nochmals verdoppeln, können sich die Ägypter nicht mehr selbst ernähren.

Wie kommen Sie darauf?
Ägypten hat heute einen Selbstversorgungsgrad von 55 Prozent, der Rest der Nahrungsmittel wird importiert. Zu Zeiten Napoleons lebten 2 Millionen Menschen am Nil; heute sind es 82 Millionen. Wahrscheinlich wird die Bevölkerung auf 120 Millionen anwachsen. Heute kann Ägypten jedoch nur 50 Millionen Menschen selbst ernähren. Auch wenn die Agrarwirtschaft nochmals deutlich effizienter wird, gibt es dann eine Lücke für 40 bis 50 Millionen Menschen.

Wer wird sie ernähren?
Die Ägypter können sich das nicht leisten. Das Land weist ja bereits heute ein Handelsdefizit von 5 Milliarden Dollar auf. Die westlichen Staaten haben kein Interesse daran, für die Menschen in Ägypten zu zahlen. Und sie haben auch kein Interesse daran, selbst eine vernünftigere Landwirtschaft zu betreiben, um den Druck von den Nahrungsmittelpreisen zu nehmen.

Derzeit tobt eine Debatte darum, ob die USA auf die Produktion von Ethanol verzichten sollen. Was halten Sie davon?
Ich mache ein Beispiel: Sie tanken einen Sportgeländewagen mit Biosprit. Mit einer Füllung reinen Ethanols können Sie dann eine Woche durch die Gegend brausen und verbrauchen dabei etwa so viel Kalorien, wie ein indischer Bauer für ein Jahr zum Leben braucht. Das zeigt: Wir im Westen kümmern uns überhaupt nicht darum, ob Menschen in ärmeren Ländern etwas auf dem Teller haben oder nicht.

Wo liegt das Problem?
Die Subventionen für reiche Farmer aus dem Mittleren Westen, die Mais für die Ethanol-Produktion anbauen, werden von ein paar wenigen Senatoren, die selber Farmer sind, durch alle Böden verteidigt. Die interessiert es nicht im geringsten, ob die Ägypter verhungern oder nicht. Ich ziehe jetzt einen brutalen Vergleich: Die Ethanol-Politik der USA hat den gleichen Effekt, wie wenn wir diese armen Bauern einfach erschiessen. Ja, sie ist noch viel qualvoller: Denn die Bauern würden lieber erschossen werden, als an Unterernährung sterben. Die Nahrungsmittelkrise kann zu einer kompletten Destabilisierung führen, die unkontrollierbare Migrationswellen mit dramatischen Konsequenzen nach sich ziehen.

Wieso kann der Kapitalismus die Probleme nicht lösen?
Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, sich um die drängendsten Probleme zu kümmern. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum, möglichst schnell reich zu werden, zu wachsen und für eine gute Bildung für unsere Kinder zu sorgen. All das erledigte der Kapitalismus hervorragend. Die grössten Probleme der Menschheit heute aber lauten: Gibt es genügend Wasser? Gibt es genug Ackerland? Genügend Düngemittel? Haben wir die richtige Landwirtschaft? Was machen wir, wenn uns die Metalle ausgehen? Wer baut das nächste Energienetz? Wer betreibt Kernenergieforschung? Wer macht Solarenergieforschung? Der Kapitalismus löst diese Fragen nicht, weil die Risiken und die Dimensionen schlicht zu gross sind.

Nach gängigen Demografiemodellen wird die Weltbevölkerung bis ins Jahr 2040 auf 9 bis 10 Milliarden wachsen und danach wieder schrumpfen. Lösen sich dann nicht viele Probleme wie von selbst? Zum Beispiel die Ressourcenknappheit?
Nein, stimmt nicht. Die Metalle kommen uns genauso abhanden. Das weiss jeder Science-Fiction-Autor, der Patrouillen durchs All fliegen lässt auf der Suche nach neuen Metallvorkommen.

Aber wenn wir weniger Menschen werden, gibt es doch alles im Überfluss?
Die Metalle werden uns schon vorher ausgehen. Selbst wenn wir kein Wachstum haben und 90 Prozent rezyklieren können, werden wir langsam, aber sicher sämtliche Metallvorkommen in der Erde verbrauchen. Ich gehe aber davon aus, dass wir in den nächsten Jahren physisches Wachstum haben werden. Wenn wir mehr Autos in China haben, heisst das, wir werden sehr schnell die Vorräte aufbrauchen, bis alles weg ist.

Wann werden die ersten wichtigen Rohstoffe verschwinden?
Der erste wirklich wichtige Rohstoff dürfte Kupfer sein. Bereits vorher werden die sogenannten seltenen Erden verschwinden. Doch die braucht es ohnehin nicht wirklich.

Aber die braucht es doch gerade, um all die riesigen Windturbinen zu bauen …
Stimmt, aber man kann Turbinen auch ohne diese exotischen Metalle produzieren. Nein, wirklich wichtig dürfte Kupfer sein. Vor 50 Jahren hatten wir Kupferminen mit einem Gehalt von 2 Prozent Kupfer im Erz. Die heutigen Minen haben einen Gehalt von 0,2 Prozent. In 50 Jahren werden wir Minen mit einem noch deutlich schlechteren Erzgehalt haben. Eine gute Mine hat dann vielleicht noch einen Gehalt von 0,1 Prozent. Das heisst, Bergbaukonzerne müssen 10-mal mehr Gestein abbauen, um die gleiche Menge Kupfer zu fördern. Die Gesamtenergiekosten, um eine Tonne Kupfer zu produzieren, sind in 50 Jahren dann 100-mal höher als heute.

Sie sagen, wir werden Wachstum auch in Zukunft haben. Aber ist das auch möglich?
Physisches Wachstum oder eine Zunahme des Energieverbrauchs werden wir nicht mehr haben. Aber es gibt qualitatives Wachstum, das sich in Glückseinheiten messen lässt oder im Bereich der Technologie. Bessere TV-Geräte, Bildschirme, ultraleichte Autos, die weniger als 500 Kilogramm wiegen. Nebenbei: Ich würde eine Steuer auf das Gewicht von Autos erheben …

Fahren Sie immer noch Ihren zehn Jahre alten Volvo?
Meine Message ist: Fahren Sie ein energieeffizientes Auto und fahren sie es so lange wie möglich, weil die Energiekosten, um ein Auto zu bauen, sehr hoch sind. Das Letzte, das sie tun sollten, ist ein fahrtüchtiges Auto wegwerfen, um ein energieeffizientes zu kaufen. Es braucht Jahre, um die Energiebilanz auszugleichen.

Sie gelten als langfristig denkender Investor. Was ist eine gute Anlage für mein Grosskind?
Ich kann Ihnen nur sagen, was wir damals machten. Wir kauften zwei heruntergekommene Rinderfarmen in einer warmen Klimazone und pflanzten darauf Teakbäume an. In 40 Jahren werden meine Grosskinder eine anständige Pension haben. Kaufen Sie also einen Wald mit kostbaren, langsam wachsenden Bäumen. Je langsamer sie wachsen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand anders diese Bäume kultiviert. Der Wert dieser Bäume wird in der Zukunft explodieren.

Sie machen somit genau das Gegenteil dessen, was ein guter Kapitalist machen würde. Der denkt kurzfristig.
Der Horizont eines Kapitalisten reicht nicht weiter als 20 Jahre. Was danach kommt, interessiert ihn nicht, ja, er möchte sich nicht einmal mehr darüber unterhalten.

Was eignet sich sonst noch fürs Grosskind-Portfolio?
Kaufen Sie einen Gutsbetrieb mit fruchtbarem Ackerland und lernen Sie, wie man die Erde noch fruchtbarer machen kann – das sind Werte für die Ewigkeit. Die Preise für Getreide werden in Zukunft real steigen, auch das Land wird an Wert gewinnen. In schlechten Zeiten können Sie sich immer noch selbst ernähren. Was wollen Sie mehr? Das ist konservativ und Sie können kein Vermögen in kurzer Zeit machen, aber eines Tages werden Ihre Grosskinder sich unendlich glücklich schätzen, einen Bauernhof zu besitzen.

Und wenn ich Aktien kaufen will?
Bei allen natürlichen Ressourcen, bei Metallen und Lebensmitteln wird es einen Engpass geben, der die Preise in die Höhe treibt. Das beeinflusst die Gewinne der Unternehmen, drückt auf die Wachstumszahlen. Das Spiel veränderte sich im Jahr 2002. Seither haben sich die Preise verdreifacht. Es macht keinen Unterschied, ob die Ressource Weizen, Kupfer, Öl oder Wasser heisst. Der Ökonom Kenneth Boulding sagte einmal: «Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann unendlich lange andauern in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.»

Sie werden bald 74 Jahre alt und arbeiten immer noch …
Weil das Leben Spass macht und die Arbeit auch. Ich kenne viele Kollegen, die den Tag ihrer Pensionierung verflucht haben, weil sie noch lange arbeiten wollten. Was ist das nur für ein schwachsinniges System?

Können wir in Zukunft die Renten noch bezahlen?
Ja, aber es müssen alle Leute länger arbeiten, mehr Frauen müssen in den Arbeitsprozess integriert werden, und wir müssen sie besser bezahlen. Es braucht kostenlose Krippen in den Firmen. Wir müssen alles machen, damit alle Leute, die arbeiten können, auch arbeiten. Das ist mehr als genug, um die Leute zu unterstützen, die wegen ihres Alters nicht mehr arbeiten können.

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