Seine Begeisterung für die heimische Berufsbildung kann Johann Schneider-Ammann manchmal kaum zügeln. Das merken auch ausländische Staatsbesucher, denen der Wirtschaftsminister die Vorzüge des Systems mit viel Freude ausführlich erklärt.

Als finaler Beleg für die Überlegenheit der Schweizer Berufsbildung dient Schneider-Ammann jeweils die rekordtiefe Jugendarbeitslosigkeitsrate. Gemäss Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) liegt sie unter den 15- bis 24-Jährigen bei bloss rund 3 Prozent. Das können ausländischen Gäste, daheim von grassierender Jugendarbeitslosigkeit geplagt, jeweils kaum fassen.

Kürzlich wurde jedoch kräftig am Weltbild des FDP-Bundesrates gerüttelt. Ausgerechnet von der liberalen «NZZ». Schneider-Ammann solle nicht mit «eher irreführenden» Zahlen hausieren, sie würden die Schweiz «zu rosig» darstellen. Aus dem Umfeld des Bundesrates war später zu erfahren, er habe sich über die Zurechtweisung geärgert.

Die «NZZ» hatte zwar nicht unrecht. Mit den Seco-Zahlen, die Schneider-Ammann vortrug, ist ein fairer Vergleich nicht zu haben. Gemäss Seco gelten Jugendliche nur dann als arbeitslos, wenn sie so registriert sind. Wer sich nicht meldet, gilt nicht als arbeitslos. Der internationale Standard ist indessen genauer. Es wird als arbeitslos gezählt, wer eine Arbeit sucht, aber keine findet.

Nach diesem internationalen Standard erscheint die Schweizer Welt nicht mehr so heil. Es sind nicht mehr 3 Prozent, sondern im Jahr 2014 gleich 8,6 Prozent Jugendliche ohne Arbeit. Fast dreimal so viel. Als das leuchtende Vorbild, als das es Schneider-Ammann wähnt, darf sich die Schweiz nicht fühlen. Japan (6,3 Prozent), Norwegen (7,8) und Deutschland (7,8) sind allesamt besser.

Und doch ist das alles so nicht ganz richtig. Auch die international vergleichbaren Zahlen ergeben ein verfälschtes Bild. «Anhand der Jugendarbeitslosigkeit allein darf man eine Berufsbildung nicht beurteilen», sagt Ursula Renold, Arbeitsmarktexpertin bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). So gehe es nicht nur darum, ob Jugendliche eine Arbeit hätten. «Man muss auch schauen, was das für eine Arbeit ist.» Etwa ob eine Stelle zeitlich befristet sei, oder ob sie reine Routine-Arbeit sei.

Das hat die KOF gemacht. Eine Fülle von Statistiken hat sie zum Arbeitsmarkt für Jugendliche gesammelt und daraus einen Index gebaut. Damit lassen sich rund 180 Länder miteinander vergleichen, auch wenn nicht für alle Länder sämtliche Daten vorhanden sind. Das Resultat ist eindeutig. Schneider-Ammann könnte es als Retourkutsche auf die Kritik der «NZZ» einsetzen.

«Die Schweiz liegt im KOF-Index vor Japan, Norwegen oder Deutschland», sagt Renold. Das liege daran, dass viele Indikatoren für die Bewertung eines Jugendarbeitsmarktes wichtig seien. Schweizer Jugendliche müssen sich gemäss KOF-Index weniger mit temporären Jobs herumschlagen als deutsche. Sie müssen weniger an Wochenenden arbeiten. Und im Vergleich zu ihren norwegischen Altersgenossen dürfen sie ihre Fähigkeiten eher im Job einsetzen.

Dennoch hat auch die Schweiz ein handfestes Problem. Geht man nämlich einige Jahre zurück, zeigt sich ein negativer Trend. «Die Arbeitslosenrate für Jugendliche steigt seit Anfang der Neunzigerjahre fast stetig an», sagt Renold. 2002 zum Beispiel waren 5,6 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit. 2003 schon 8,5 Prozent. Danach lief die Wirtschaft meistens gut. Dennoch sank die Jugendarbeitslosigkeitsrate nicht mehr auf das frühere Niveau zurück.

Diesem Phänomen ging die KOF jüngst in einer Studie auf den Grund. Demnach könnte eine «erhöhte Nachfrage nach bestimmten Fähigkeiten und Erfahrungen» die Jugendarbeitslosigkeit nach oben getrieben haben. Eines ist nämlich unbestritten: Die Unternehmen verlangen mehr und mehr. Der technische Fortschritt zwingt sie dazu. Der Wettbewerb ist ebenfalls schärfer geworden, weil sich Unternehmen auch über Grenzen hinweg konkurrenzieren.

Das alles könnte Jugendliche besonders treffen, da sie keine Berufserfahrung haben. Ältere Arbeitnehmer sind dagegen offenbar nicht gleichermassen tangiert. «Bei den über 50-Jährigen haben wir keinen vergleichbaren Aufwärtstrend festgestellt», sagt Renold.

Eigentlich müsste die Schweizer Berufsbildung gegen diese Entwicklung gefeit sein. Es ist gerade ihre Stärke, dass Lehrlinge Erfahrung sammeln. Doch dem ist nicht so. Die Unternehmen verlangen, was Jugendliche nicht bieten können. Wie der «Stellenmarkt-Monitor Schweiz» festgestellt hat, nimmt der Anteil der Stelleninserate zu, die Berufserfahrung verlangen. Jedoch zähle die Berufserfahrung, die sich Jugendliche in der Lehre aneignen, dafür oftmals nicht, sagt die Monitor-Leiterin Marlis Buchmann, Professorin an der Universität Zürich. «Als ‹Berufserfahrung› werden Berufsjahre in einer passenden Stellung nach Lehrabschluss angesehen.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper