Die Credit Suisse widerspricht Thomas Jordan und geht von einem anhaltend starken Franken aus. In einer Studie, die nur an ausgewählte Kunden der Investmentbank adressiert ist, gehen der globale Chefstratege für Devisen Shahab Jalinoos und seine Kollegen hart ins Gericht mit dem epochalen Entscheid der Schweizer Nationalbank (SNB).

Das «Erdbeben», das die globalen Finanzmärkte erschüttert hat, untergrabe die Glaubwürdigkeit in die Politik der Zentralbanken weltweit. Das werde dazu führen, dass die Märkte wieder deutlich volatiler werden und die Unsicherheit zunehme – mit all ihren negativen Folgen. Die SNB sei offenbar bereit, makroökonomische Kosten in Kauf zu nehmen, um eine Geldpolitik betreiben zu können, die nicht mehr so stark dem fallenden Euro und anderen weltweiten geldpolitischen Strömungen ausgesetzt sei.

Brisant ist, dass die CS nicht an die Wirksamkeit der beschlossenen Massnahme glaubt. In allen wesentlichen Punkten kommt sie zu anderen Schlüssen. So gehen die Devisenstrategen davon aus, dass der Euro-Frankenkurs in den nächsten drei Monaten bei 1.00 verharren wird. Auch in einem Jahr werde der Kurs auf diesem Niveau bleiben, heisst es in der Studie.

Damit nimmt die zweitgrösste Bank der Schweiz eine fundamental andere Sicht ein als Nationalbank-Präsident Thomas Jordan, der die Reaktion der Märkte auf die Aufhebung des Mindestkurses als «Überreaktion» bezeichnete. Im Interview mit der NZZ vom Samstag sagte Jordan: «Der Markt wird nach und nach feststellen, dass diese Überbewertung nicht gerechtfertigt ist.»

Zweiter Punkt: Die CS-Investmentbanker aus New York erwarten, dass der Franken trotz der jüngsten massiven Aufwertung und der Einführung der Negativzinsen als Fluchtwährung attraktiv bleibt. Wörtlich heisst es in der Studie: «In unserer Sicht ist der Franken nicht so extrem bewertet, um Investoren den Appetit für Schweizer Franken zu nehmen.» Auch hier sieht Geldtheoretiker Thomas Jordan die Lage komplett anders: «Der Franken ist nach Aufhebung des Mindestkurses für Anleger äusserst unattraktiv. Wir haben nun eine deutlich überbewertete Währung, und die Anleger sind erst noch mit deutlich negativen Zinsen konfrontiert.»

Dritter Punkt: Die CS ist überzeugt, dass sich der Druck auf den Schweizer Franken in den nächsten Wochen und Monaten verstärken wird. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) wird aller Voraussicht nach nächsten Donnerstag die Geldschleusen massiv öffnen und im Umfang von Hunderten Milliarden Euro Anleihen aufkaufen. Deshalb prognostizieren auch die CS-Analysten, dass der Druck auf den Franken nochmals grösser wird. «Steigende Volatilität und ein kleinerer Risikoappetit (der Investoren) dürften den Schweizer Franken als sicheren Hafen attraktiv machen.»

Vierter Punkt: Die CS geht davon aus, dass der eingeführte Negativzins nur teilweise Wirkung entfalten werde. Im Vergleich zum Ausland bleibe der Schweizer Franken nach wie vor eine gute Anlage. Zudem würden bei weitem nicht alle Gelder von Negativzins erfasst, auch sei noch nicht entschieden, ob auch Privatkonten bei den Geschäftsbanken mit einem Negativzins belastet werden. Thomas Jordan dagegen behauptet: «Die negativen Zinsen sind ein sehr wirksames Instrument.»

Und noch einen fünften Punkt machen die CS-Strategen fest. Sie gehen zwar davon aus, dass der Entscheid der Nationalbank einen negativen Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft haben wird, aber die Entwicklung des Frankens dürfte davon kaum beeinträchtigt werden. In anderen Worten: Selbst wenn die Geldpolitik von Thomas Jordan zu einem markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit führt, weil Firmen die Produktion in der Schweiz schliessen und ins Ausland verlagern, dürfte dies die Aufwertung des Frankens nicht bremsen.

Wer von den beiden recht behalten wird, ob die CS-Devisenstrategen obsiegen oder Thomas Jordan, entscheidet sich in den nächsten Monaten. Der Ausgang ist für die Zukunft des SNB-Präsidenten und der Nationalbank entscheidend. Jordan muss recht behalten, sonst ist seine Glaubwürdigkeit, die diese Woche tiefe Furchen erlitten hat, vollends zerstört. Unterstützung kann er von niemandem erhoffen, weder von den anderen Notenbanken noch von den Märkten.

Und auch nicht von den Schweizer Banken, wo Jordans Ruf ebenfalls Schaden genommen hat. Viele Banker schüttelten den Kopf. «Die Art und Weise, wie die SNB die Aufhebung kommuniziert» habe, «war stümperhaft», sagt ein ranghoher Banker. «Wie ein Schuljunge hat Jordan gewirkt, unwürdig für den obersten Chef einer der weltweit wichtigsten Währungen.» Ganz übel nehmen die Banken der SNB, dass sie den Entscheid während des Börsentages kommunizierte. Das zeuge von fehlendem Praxiswissen über die Finanzmärkte. Erstaunlich ist, dass tatsächlich keiner der drei obersten Notenbanker der Schweiz jemals bei einer Bank gearbeitet hat. Der Letzte mit MarktKnow-how war Philipp Hildebrand.

Die abrupte Aufhebung des Mindestkurses sorgte am Donnerstag denn auch für ein riesiges Chaos in den Banken. Etliche Institute waren nicht in der Lage, während Minuten richtige Kurse zu stellen. Die Telefonleitungen brachen zusammen, beim Online-Broker Swissquote funktionierte das Internet nicht mehr. Sogenannte Stop-Loss-Aufträge griffen ins Leere. Das sind Sicherheitslimiten, die bei Unterschreitung automatisch Verkaufsaufträge auslösen.

Der Kurs sackte so schnell ab, dass die Stop-Loss-Aufträge nicht ausgeführt werden konnten, da es gar keine Kurse gab. Erst bei einem Kurs von 1.02 wurden die Euros dann abgestossen. Die meisten Kunden sicherten ihre Europositionen jedoch bei einem Kurs von 1.1950 ab. Es ist gut möglich, dass Kunden jetzt gegen Banken klagen werden.

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