VON HANS-JÜRGEN MAURUS AUS BERLIN

Donnerstagnachmittag in der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Auf einem Podium sitzen ein halbes Dutzend Chefs deutscher Grosskonzerne, die ein «Leitbild für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft» vorstellen möchten. Kameras surren, Blitze zischen. Doch die deutschen Journalisten interessieren sich nur für einen Mann: Dr. Josef Ackermann (62), Schweizer Chef der Deutschen Bank und zum «Banker des Jahres» gewählt. Die Zeitung «Die Welt» titelte diese Woche: «Josef Ackermann hat alles richtig gemacht».

Banken hätten «viel Vertrauen eingebüsst», referiert Ackermann, aber sie seien «auf Vertrauen angewiesen». Es sei ihr wichtigstes Kapital. Banken dürften «nicht nur der Realwirtschaft» nützen, sondern «auch den Menschen». Dann sein hinlänglich bekanntes Bekenntnis zu «Leistung, Wettbewerb und Gewinnstreben», doch man wolle auch ein «guter Unternehmensbürger sein».

Nach der Fragerunde stürzen sich die Reporter auf das Podest, um dem Deutsche-Bank-Chef eine Schlagzeile über Irlandkrise und Euro-Rettungsschirm zu entlocken. Der Schweizer ist vorsichtig, aber er sagt einige Sätze, die zwei Journalisten sofort an ihre Zentrale durchtelefonieren. «Es ist wichtig, dass Europa für den Euro kämpft. Wer dagegen wettet, muss einen Preis bezahlen.» Und zur aktuellen Debatte um die Aufstockung des EU-Rettungsschirms meint Ackermann trocken: «Wenn es nötig würde, sollte man dies prüfen.»

Der Mann aus Mels SG schickt Botschaften, die man von Regierungschefs erwartet, er weiss, dass jede Aussage in diesen Tagen Märkte bewegen kann, und agiert behutsam. Letzteres ist in den vergangenen Wochen zu oft von Politikern aller Couleur ignoriert worden.

In deutschen und internationalen Bankenkreisen ist man gerade über die Taktik der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel entsetzt. Ihre fast täglichen Attacken auf die Finanzindustrie und ihr Vorstoss, ab 2013 private Gläubiger in Haftung zu nehmen, hat die Märkte gewaltig verunsichert. «Man solle den Mund halten und hinter den Kulissen agieren», echauffiert sich der CEO einer Schweizer Bank, der namentlich nicht genannt sein will. Durch das Herumschwadronieren werde «viel Glaubwürdigkeit» zerstört. Sein vernichtendes Urteil: Die Kanzlerin verstehe die Märkte nicht. Wichtig sei jetzt ein klares Signal, dass man zum Euro stehe und niemand rausgehe. Dieses Signal kam aber nicht von Merkel – sondern von «Schattenkanzler» Ackermann.

Bei der Deutschen Bank rätselt man derweil über die Motive der Kanzlerin. Die «Haircut-Debatte» sei schädlich, heisst es auf Vorstandsebene, das habe die Märkte extrem verunsichert. Hinzu kam der Fauxpas ihres Regierungssprechers Steffen Seibert, der von erheblichen Belastungen deutscher Banken wegen der Irlandkrise gesprochen, dabei die Deutsche Bank explizit erwähnt und einen Kursrutsch ausgelöst hatte.

Ackermann war empört. Es soll sogar das Wort «Rufschädigung» gefallen sein. Im engsten Umfeld Ackermanns wurde spekuliert, ob Merkel ihren Sprecher eigenhändig instruiert habe.

Ein klares Zeichen, wie schlecht es derzeit um das Verhältnis Merkel-Ackermann bestellt ist. Die Beziehung zwischen Kanzlerin und dem wichtigsten deutschen Bankenchef ist angespannt. Nicht zuletzt, weil Merkel auf dem Arbeitgebertag in dieser Woche ihre Strategie als Machtkampf zwischen Politik und Finanzmarktakteuren hochstilisierte. Es gehe darum, so Merkel, das «Primat des Handelns» zurückzugewinnen.

Da die Kanzlerin aufgrund schlechter Umfragewerte und der im März anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg derzeit eine Wandlung von der bisherigen Konfliktmoderatorin zur angriffslustigen Parteivorsitzenden durchmacht, gerät sie in Gefahr, Fakten zu ignorieren. Auch in den eigenen Reihen wächst die Kritik am Krisenmanagement der Kanzlerin. Von Überheblichkeit ist die Rede und vom politischen Kollateralschaden. So hätten sich die deutsch-französischen Beziehungen merklich abgekühlt. Auch international hagelt es Kritik von Griechenland bis Spanien.

Josef Ackermann versucht derweil, als Krisenmanager auch aussenpolitische Akzente zu setzen. Vorgestern Freitag diskutierte er nicht nur mit Russlands Ministerpräsident Vladimir Putin, sondern komplettierte auch noch die Übernahme der Postbank für 6,3 Milliarden Euro. Ihm scheint fast alles zu gelingen.

Das grösste Lob erhielt Ackermann diese Woche von Russlands Ministerpräsident Putin. Er lobte den Schweizer Topmanager am Freitag mit den Worten, er habe «richtig gehandelt», als er auf dem Höhepunkt der Finanzkrise staatliche Hilfe für seine Bank schroff abgelehnt habe. «Das ist ein richtiger Fachmann», so Putin anerkennend – wohlwissend, dass ebendiese Entscheidung vor allem die Bundeskanzlerin schwer verärgert hatte.

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