Der starke Franken droht in den Bergregionen die lokale Wirtschaft aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Woche zeigte die angekündigte Schliessung des Robinson- Club-Hotels Schweizerhof in Vulpera GR diese Gefahr exemplarisch auf. Bislang hatte die deutsche Robinson-Kette zuverlässig Gäste ins Unterengadin gebracht. Nun droht ihr Ausfall, die Bergbahn Scuol in Schieflage zu bringen.

Etwa 6 bis 10 Prozent des Umsatzes könnten verloren gehen, wie Bergbahn-Scuol-Direktor Egon Schweiwiller sagt. «Das sind rund 750 000 Franken, die wir nicht mehr im Portemonnaie haben. Unsere Kosten bleiben aber gleich.» Die Bergbahn versucht nun eigenhändig, das Hotel zu retten. «Wir sind im Gespräch. Hoteliers sind wir natürlich nicht. Aber wir können nicht wegschauen, wenn die ganze Region einen solchen Schlag erleidet.»

Die Hotellerie im Wallis, im Tessin und in Graubünden ist Opfer Nummer eins des überbewerteten Frankens. Wie gross die Anfälligkeit ist, hat die Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF) in mehreren Studien aufgezeigt. Studienleiter Yngve Abrahamsen, sagt: «Wenn der Euro um die 1.05 Franken bleibt, wird die Hotellerie in den drei Kantonen etwa ein Viertel der Logiernächte aus dem Euroraum verlieren.» Damit sei die Hotellerie in den Bergregionen der am stärksten betroffene Wirtschaftszweig.

In den Städten gleichen Gäste aus Asien oder den Golfregionen die Verluste im deutschen oder holländischen Markt aus. Andere Branchen leiden auch, aber weniger, wie etwa die Maschinenindustrie. «Die Logiernächte von Ausländern sind in der Vergangenheit jeweils stärker zurückgegangen als die Ausfuhren von Maschinen in den Euroraum.»

In den Grenzregionen wird der Schaden für den Detailhandel dadurch gemildert, dass die Kundschaft für Lebensmittel oft nicht weit fahren will. Zudem könne etwa Unterhaltungselektronik mittlerweile günstiger importiert werden. «Das schont die Margen.» Dagegen muss die Hotellerie in den Bergregionen das allermeiste lokal einkaufen.

Die Nerven sind angespannt. Andreas Züllig, Präsident von Hotelleriesuisse, greift Politik und Schweizerische Nationalbank (SNB) an. «Wie lang will die SNB noch zuschauen? Bei der Aufhebung des Mindestkurses ging sie davon aus, dass sich der Euro zwischen 1.10 und 1.15 Franken einpendeln würde. Davon sind wir auch fünf Monate der Aufhebung weit entfernt.» Klare Worte richtet Züllig an die Politik. «Immerhin hatte sie auch drei Jahre Zeit, um die Rahmenbedingungen für das Ende des Mindestkurses anzupassen. Sie ist keinen Schritt vorwärtsgekommen.»

So habe es die Politik verschlafen, Parallelimporte zu erleichtern. «Ausländische Konzerne setzen noch immer überzogene Preise durch.» Statt zu helfen, erlasse die Politik unsinnige Regeln. «Speisekarten sollen alle Bestandteile angegeben, die Allergien verursachen. Sie werden bald aussehen wie Beipackzettel von Medikamenten», sagt Züllig, der in der Lenzerheide GR das Hotel Schweizerhof führt. Die Politik solle daher einen Marschhalt einlegen.

«Nicht mehr stemmbar» sei die Belastung durch den Franken. Man habe sich schon verausgabt, um die Euroabschwächung von Fr. 1.50 auf 1.20 wettzumachen. «Nun sollen wir bis zur Wintersaison einen Preisunterschied von 15 Prozent aufholen. Das ist mit besseren Prozessen und Marketing allein nicht zu schaffen.» Daher würden auch Betriebe in Schwierigkeiten geraten, die mit einem Kurs von Fr. 1.20 eine Zukunft gehabt hätten. «Hotels, die ihre Hausaufgaben gemacht und auch investiert haben – selbst solchen könnte es an den Kragen gehen.»

Ein Hoffnungsschimmer sind die Schweizer Gäste. «Im letzten Winter hatten wir 2,5 Prozent mehr einheimische Gäste», sagt Züllig. Das zeige auch, dass man bei kurzen Reisen nach wie vor einen Vorteil habe. «Viele wollen nicht fünf Stunden lang Auto fahren.» Nicht zuletzt hofft Züllig auf das Wetter. «Wenn wir Glück haben, wird uns das Wetter in der kommenden Sommer- und Wintersaison sehr helfen.»

Dramatische Worte schlägt Ernst Wyrsch an, Präsident des Hotelierverbandes Graubünden. «In den nächsten Jahren werden wir eine Rüttel-und-Schüttel-Phase durchleben, wie in den letzten 30 Jahren nicht.» Die Hoteliers müssten unbedingt die Liquidität im Griff haben. Enge Kooperationen zwischen den Hotels seien dafür unabdingbar. In der gemeinsamen Werbung, beim Personalmanagement und beim Einkauf sieht er Einsparmöglichkeiten. «Wir müssen zusammenstehen.»

Wyrsch, der auch Verwaltungsratspräsident des Tophotels Arosa Kulm und der Seehof Selection Group ist, stellt brisante Forderungen: So verlangt er, dass die Bestimmungen des landesweiten Gesamtarbeitsvertrages gelockert werden. «Es geht nicht um Lohnkürzungen, aber wir wollen eine Flexibilisierung und eine Erhöhung der Arbeitszeiten.»

Hart ins Gericht geht der bekannte Bündner Hotelier mit den Landwirten. «Die Bauern sind unsere grössten Gegner», sagt Wyrsch, der während Jahren das Steigenberger Belvédère in Davos führte. Er macht einen Vorschlag, um die «überrissenen» Lebensmittelpreise zu bekämpfen. Die Hotelbetriebe sollten für ihre ausländischen Gäste Fleisch, Gemüse und andere Nahrungsmittel aus dem Ausland zollfrei importieren dürfen.

Die überteuerten Grundnahrungsmittel seien der Hauptgrund, warum der Tourismus kranke. Aber gegen die mächtige Bauernlobby sei kein Kraut gewachsen. Es sei geradezu «schamhaft», mit welcher Gier der Bauernverband seine Pfründen verteidige. «Politisch ist das Thema toxisch verseucht», sagt Wyrsch verärgert. Alle politischen Bemühungen für tiefere Preise würden vom «Bauernverband mit der SVP im Schlepptau» erfolgreich torpediert.

Trotzdem allem ist sich Wyrsch sicher, dass die Schweizer Hotellerie «gestählt» aus der schwierigen Zeit hervorgehen werde. «Ganz wichtig ist, dass wir die Zuversicht nicht verlieren.»

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