Die Schweiz ist zum Eldorado für Bancomatbetrüger geworden. Während es im Jahr 2009 gerade mal 32 Fälle von so genanntem Skimming gegeben hatte, hat sich diese Zahl 2010 bereits mehr als vervierfacht.

In den ersten dreieinhalb Monaten dieses Jahres sind die Manipulationsfälle nun regelrecht explodiert: An 225 Automaten, jedem 28.Bancomat der Schweiz, wurden Minikameras, falsche Kartenleseaufsätze oder andere Geräte installiert, um die Bankkartendaten zu kopieren und die Geheimcodes zu stehlen. Während in den ersten 105 Tagen dieses Jahres im Schnitt täglich 2,14 Bancomaten manipuliert wurden, sind es aktuell bereits rund drei pro Tag. Dies belegen Zahlen von SIX Card Solutions, welche den Zahlungsverkehr in der Schweiz regelt.

Bis Mitte April wurden 839 Karteninhaber Opfer von Skimming. Bereits 45 Minuten nach einem Bancomatgang in der Schweiz kann es zu Geldbezügen im Ausland kommen, vorab in den USA, Brasilien und der Dominikanischen Republik. Die 839 kopierten Magnetstreifendaten wurden dort auf einen Kartenrohling kopiert und die Kartenbesitzer so um rund zwei Millionen Franken erleichtert. Den Schaden tragen die Banken. Mit ein Grund für die Beliebtheit der Schweiz unter Betrügern könnten die Tageslimiten für Bargeldbezüge sein, die über dem Niveau des Auslands liegen.

Die Banken beteuern, mit technischen Umrüstungen an den Automaten gegen Skimming vorzugehen. Sie sind allerdings sehr unterschiedlich von den Attacken betroffen, wie eine Zusammenstellung zeigt, die dem «Sonntag» vorliegt. Mit Abstand am meisten Attacken wurden auf Bancomaten der Raiffeisen-Gruppe verübt. Hingegen ist es etwa bis heute nicht gelungen, Automaten der Zürcher Kantonalbank erfolgreich zu manipulieren.

Raiffeisen führt dies darauf zurück, dass die Bank mit 1500 Geräten das grösste Bancomaten-Netz der Schweiz unterhält. Sprecher Jens Wiesenhütter erklärt zudem, dass Raiffeisen als eine der ersten Banken mit der Installation von Anti-Skimming-Modulen begonnen habe. Diese sollen etwa mit einem magnetischen Störfeld das Kopieren des Karten-Magnetstreifens verhindern.

Solche Module vermögen die Betrügerbanden indes nur begrenzt abzuschrecken. Denn nur so ist erklärbar, dass weiterhin Raiffeisen-Bancomaten attackiert werden. «Die einzelnen Banden schiessen sich auf spezifische Automatentypen der Hersteller ein. Dabei vermeiden sie jene Bancomaten, die bereits mit zusätzlichen Schutzmassnahmen versehen sind», sagt Heinz Burkhardt, Leiter Betrugsaufklärung und Prävention bei SIX Card Solutions. Raiffeisen setzt auf Bancomaten der Hersteller NCR und Diebold. Welcher der beiden Bancomattypen mehr betroffen sei, kann man bei Raiffeisen nicht sagen.

Um die Täter erfolgreich abzuschrecken, braucht es Erfindungsgeist. Denn es war jeweils nur eine Frage der Zeit, «bis die Täter wieder auf dem neusten Stand der Technik waren und die getroffenen Abwehrmassnahmen umgehen konnten», sagt Betrugsbekämpfer Burkhardt.

Eine patente Lösung hat die St. Galler Kantonalbank gefunden, deren Automaten seit April von Attacken verschont geblieben sind. Deren Kartenleser wurden mit einem aufgeschraubten und verleimten Plexiglas-Noppen ausgerüstet, wie ein Sprecher sagt. Um einen Skimming-Kartenleser zu installieren, muss der eigenfabrizierte Noppen gewaltsam entfernt werden, was sofort auffallen würde. Denn inzwischen sind Skimming-Elemente so gut getarnt, dass selbst Profis diese oft nicht erkennen.

Trotz solcher Bemühungen sieht Heinz Burkhardt keine Anzeichen für eine Trendumkehr. Zwar konnte sein Team durch schnelle Kartensperrungen und andere Massnahmen seit Januar einen Schaden von rund 10 Millionen Franken verhindern. Nach Aufrüstungen bei Bancomaten seien die Täter aber teilweise auf Türöffner ausgewichen. Einzelne Banken überlegten sich deshalb, die Türöffnung per Bankkarte abzuschaffen.

Selbst eine Migros- und fünf Coop-Filialen sowie zahlreiche SBB-Kartenleser haben die Täter inzwischen heimgesucht. Die Migros-Generaldirektion hat deshalb Ende April eine Warnung an alle Genossenschaften versendet, wie Sprecher Urs Peter Naef bestätigt.

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