Es ist der Traum jedes Pharmaunternehmers: Nach langen entbehrungsreichen Forschungen kann er das positive Ergebnis einer Phase-III-Studie bekannt geben, die den Weg für eine Marktzulassung ebnet. Für Jean-Paul Clozel, Mediziner und CEO von Actelion, ging dieser Traum am Montag in Erfüllung. Doch wie Recherchen zeigen, sickerten möglicherweise entscheidende Informationen zur Studie bereits früher durch. Börsentransaktionen in den Tagen zuvor deuten darauf hin, dass Insider am Werk gewesen sein könnten.

Am Montag, 16. Juni, ereignete sich ein Kurssprung, den man an der Schweizer Börse nur sehr selten sieht. Die Aktien von Actelion explodierten um 15 Prozent von 90 auf deutlich über 100 Franken. Der Grund für den Sprung waren vorbörslich veröffentlichte Studienergebnisse, die einem in der Testphase befindlichen Wirkstoff gegen Lungenhochdruck gute Erfolgsaussichten bescheinigen. Das entsprechende Medikament könnte dem Basler Pharmaunternehmen Umsätze von bis zu

2 Milliarden Franken einbringen. Die Marktkapitalisierung von Actelion kletterte nach diesem positiven Studienergebnis auf 13,6 Milliarden Franken. «Die Daten könnten Actelion verwandeln», schrieb darauf ein euphorisierter Analyst der Bank of America Merrill Lynch in einer Studie.

Laut einem Börsenhändler zeigt das Kursbild der letzten Woche verdächtige Auffälligkeiten. Von Mittwoch, 11. Juni, bis zum frühen Freitagnachmittag (13. Juni) verloren die Actelion-Titel kontinuierlich an Wert. Dann, urplötzlich und ohne relevante News, die über den Ticker gelaufen wären, dreht der Kurs: Die Actelion-Aktien zogen ab 13.20 Uhr an und machten bis Börsenschluss sämtliche Verluste der Vortage wett. Auffällig ist das gehandelte Volumen: Wechselten am Donnerstag 304 042 Stück den Besitzer, verdoppelte sich das Volumen am Freitag vor Bekanntgabe der Studie auf 689 323 Aktien. Im Durchschnitt wurden in den letzten 12 Monaten rund 473 000 Aktien gehandelt.

Noch deutlichere Gewinne konnten Anleger erzielen, die statt Aktien Call-Optionen gekauft hatten. Zum Beispiel Kontrakte aus drei Optionsreihen mit einem Ausübungspreis von 90, 92 und 94 Franken mit Verfallsdatum vom 20. Juni 2014. Mit dem Kauf einer solchen Option erwirbt sich der Käufer das Recht, eine Aktie zum entsprechenden Ausübungspreis zu kaufen. Bei steigenden Aktienkursen winken ihm überproportionale Gewinne.

Beide Optionsreihen waren allerdings während Wochen praktisch wertlos, da sie «nicht im Geld» waren, wie die Börsianer sagen. Es war nahezu ausgeschlossen, dass der Aktienkurs bis zum Verfalldatum die Schwelle des Ausübungspreises überschreiten würde, wodurch die Optionen «ins Geld» gekommen wären. Nur ein Wunder oder eben ein positives Studienergebnis könnte dies bewirken.

Tatsache ist, dass in den zwei Wochen vor der Bekanntgabe zahlreiche dieser wertlosen Call-Options-Kontrakte gekauft wurden. Für die Käufer war es ein lohnendes Geschäft: Der Wert der drei Optionsserien explodierte um 375 bis 435 Prozent. Theoretisch können hinter den Transaktionen unwissende Hasardeure stehen, die auf ein positives Studienergebnis spekulierten. Dem widerspricht der Umstand, dass es gleichzeitig kaum Anleger gab, die sich mit Put-Optionen auf einen fallenden Aktienkurs, ausgelöst durch ein schlechtes Studienergebnis, eingestellt haben.

Bereits Anfang April kam es in einem anderen Titel zu auffälligen Transaktionen: Im Vorfeld der Fusion der beiden Zementriesen Holcim und Lafarge kauften mutmasslich Insider im grossen Stil Optionen von Holcim auf, wie die «Schweiz am Sonntag» aufdeckte. Die Bundesanwaltschaft startete darauf eine Voruntersuchung wegen Verdachts auf Insiderhandel.

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