Ein Einkaufsbummel im deutschen Grenzstädtchen Waldshut zeigt Erstaunliches: Die Regale bei den Grossverteilern Edeka und Rewe sind voll mit typischen Schweizer Produkten wie Kägi-Fretli, Zweifel-Chips oder Lindt-Schoggi. Und diese sind zum Teil erheblich günstiger als zu Hause. So kostet der Caffè Latte von Emmi in der Schweiz 42Prozent mehr, die Lindt-Schokoladetafel ist 39Prozent teurer, die Zweifel-Chips 31Prozent.

Nebst den Markenartikeln aus der Schweiz findet man in den deutschen Läden zahlreiche Produkte, bei denen erst bei genauem Hinsehen klar wird, von welchem Schweizer Hersteller sie stammen. So verkaufen Edeka und Rewe Biskuits unter der Handelsmarke «Swiss Delice», die vom Migros-Industriebetrieb Midor in Meilen ZH hergestellt werden. Für das praktisch gleiche Guetzli zahlt man aber in der Schweizer Migros-Filiale bis zu 70 Prozent mehr.

Bei Aldi werden die Migros-Biskuits unter dem Eigennamen «Schweizer Gebäck» verkauft, bei Lidl heissen sie «Catago» und bei Penny «Almtaler». Alle sind unschlagbar günstig.

Gegenüber dem «Sonntag» bestätigt Migros-Sprecher Urs-Peter Naef, dass die Migros-Industrie die Grossverteiler Edeka und Rewe sowie die Harddiscounter Aldi, Lidl und Penny mit eigenen Produkten beliefert. Es seien aber nie die identischen Produkte, selbst wenn die Inhaltsangaben gleich seien. So könne das Guetzli in Deutschland aus günstigeren Nüssen hergestellt sein als jenes in der Schweiz.

Nebst Midor beliefern auch die Migros-Industriebetriebe Chocolat Frey und Bischofszell Nahrungsmittel AG deutsche Läden. Beispielsweise kostet eine Nougat-Schoggitafel der Marke Giandor in den Schweizer Migros-Läden 60Prozent mehr als die fast gleiche «Schweitzers»-Schoggi bei Edeka.

«Diese Unterschiede sind durch nichts zu rechtfertigen», sagt Sara Stalder, Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz. «In der Schweiz wird ohne Grund ein Schweiz-Zuschlag erhoben. Wieso sollen die Schweizer in der Schweiz mehr bezahlen für ein Produkt, das genau am gleichen Ort produziert wurde?»

Die Hersteller wehren sich gegen diese Kritik. Lindt & Sprüngli, die Kägi Söhne AG und die Migros sagen, Vergleiche zum heutigen Wechselkurs seien nicht statthaft, da die Preise langfristig festgelegt würden. Zudem liege die Preishoheit beim Handel. Dieser zahle in der Schweiz höhere Löhne, sagt Lindt-Sprecherin Sylvia Kälin.

Migros-Sprecher Urs-Peter Naef sagt, Midor habe die Lieferverträge mit den ausländischen Kunden nicht zu heutigen Kursen abgeschlossen, sondern zu Kursen von 1.50 bis 1.60. «Wir werden sicher nachverhandeln, wenn Neuverhandlungen anstehen.»

Für Konsumentenschützerin Sara Stalder ist diese Antwort fadenscheinig. «Die Migros hat es in der Hand, auch in der Schweiz ihre Preise zu senken. Stattdessen lockt sie die Schweizer Kunden mit eigenen Produkten über die Grenze. Das ist doppelzüngig.»

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich die Migros. «Die Midor fördert nicht den Einkaufstourismus mit ihren Exporttätigkeiten», sagt Urs-Peter Naef. «Sie sichert mit den Exportaufträgen vielmehr Schweizer Arbeitsplätze.»

Kennen Sie weitere Beispiele von Schweizer Produkten, die im Ausland günstiger sind? Dann schreiben Sie uns an wirtschaft@sonntagonline.ch

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