Als die SBB vor fünf Jahren beim Thurgauer Zugbauer Stadler Rail einen neuen Doppelstöcker orderten, erfüllte dieser genau das Anforderungsprofil für die Zürcher S-Bahn: Der «komfortable, innovative, spurtstarke S-Bahn-Zug» (KISS) kann rasch abbremsen, schnell anfahren und hat grosse Türen, damit die Passagiere schnell aussteigen können. Dass die Züge eher unruhig laufen und wenig komfortabel bestuhlt sind, nahm man dabei in Kauf. So wie viele andere. Der KISS ist ein Stadler-Verkaufshit.

Doch längst setzen die SBB den KISS nicht mehr nur für S-Bahnen ein. Er wird auch auf Strecken gesichtet, wo zuvor noch komfortable Langstreckenzüge verkehrten. Etwa zwischen Zürich und Chur, wo die SBB eine Intercity-Verbindung zum Regionalverkehr umdefiniert haben, um die S-Bahn-Doppelstöcker unter der Bezeichnung RegioExpress fahren zu lassen. Oder in einem ähnlichen Fall zwischen Chur und St. Gallen.

Seit kurzem sind die Stadler-Züge offiziell sogar im Fernverkehr unterwegs: Wer von Basel aus mit dem «Flugzug» zum Zürcher Flughafen fährt, tut dies ebenfalls in einem Stadler-Doppelstöcker. Die KISS-Züge seien seit letztem Fahrplanwechsel regulär auf der Interregio-Strecke durchs Fricktal unterwegs, bestätigen die SBB. Bereits seien zwei von drei Zugkompositionen ersetzt worden. Im Verlauf des Jahres werde auch der verbleibende Neigezug abgelöst.

Der «Flugzug» wird von der Airline Swiss als bequemer Zubringer für Nordwestschweizer Kunden beworben und trägt sogar eine Flugnummer. 80 Minuten dauert die Fahrt von Basel bis Kloten, mit Regionalverkehr hat das wenig zu tun. Entsprechend gross ist der Ärger bei Kunden vor allem der 1. Klasse. Sie ist, wie bei den meisten S-Bahnen, eher eng gestuhlt und hat wie die 2. Klasse vier Sitzreihen nebeneinander. In Fernverkehr üblich sind drei. SBB-Sprecher Stephan Wehrle spricht von einem «Spagat» zwischen Kapazität und Komfort. Dieser sei aufgrund der immer knapperen freien Sitzplätze nötig geworden.

Dass der Regio-Doppelstöcker selbst auf einer Interregio-Fernstrecke eingesetzt werde, bezeichnen die SBB als «Ausnahme». Schuld sei die Baustelle am Bahnhof Oerlikon. Offenbar wurde diese zu knapp kalkuliert, sodass bereits das etwas zu langsame Anfahren eines Zugs ein Kollabieren des Fahrplans verursachen könnte. Erst planten die SBB, den Halt in Oerlikon zu streichen. Weil dies aber zu viel Protest verursacht hätte, entschied sich die Staatsbahn für Plan B: den Einsatz von S-Bahn-Triebwagen.

Auch auf anderen Strecken haben die SBB Gefallen gefunden an den kargen, aber flinken Doppelstöckern. Laut der Website reisezuege.ch werden die Doppelstock-S-Bahnen zu Randzeiten unter anderem auch auf der Interregio-Strecke zwischen Basel und Zürich via Lenzburg eingesetzt. Weitere Strecken sollen noch auf den Stadler-Zug umgestellt werden, sagt SBB-Sprecher Wehrle. Etwa Ende Jahr zwischen Bern und Biel oder Ende 2015 die Strecke zwischen Bern und Olten via Burgdorf.

In Bahnforen wird vermutet, dass der Regionalzug teilweise als Notlösung dient, weil sich die Lieferung der doppelstöckigen Twindexx-Fernverkehrszüge von Bombardier weiter verzögert. Offiziell verneinen die SBB diesen Zusammenhang. Ob der Bombardier dereinst auf dem «Flugzug» zum Einsatz komme, sei noch nicht klar, sagt Wehrle. Die Swiss scheint jedoch bereits auf diesen zu warten. Auf ihrer Website hat sie die Werbung für den «Flugzug» mit einem Twindexx illustriert. Und nicht mit einer S-Bahn.

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