Novartis sorgt in Griechenland für hitzige Köpfe, trotz zurzeit eisigen Temperaturen. Der Pharmamulti soll in der Ägäis über Jahre einflussreiche Beamte und Ärzte bestochen haben. Der Vorfall wird in Athen als grösster Korruptionsskandal seit der Siemens-Affäre gehandelt.

Die Vorwürfe überraschen nicht. Korruption ist ein notorisches Problem in der Pharmabranche. Praktisch alle grossen Konzerne haben damit besonders in der letzten Dekade, als die Gesundheitskosten vielerorts explodierten, ihre Umsätze angekurbelt. Seit 2010 kommen immer mehr Fälle ans Tageslicht. Die Konzerne geloben seither Besserung. Doch immer wieder auftauchende Altlasten wie jüngst erneut bei Novartis nagen an der Glaubwürdigkeit solcher Predigten.

Bei den Verstössen taucht der Name des Basler Pharmamultis auffallend oft auf. Allein in den letzten zwei Jahren verzeichnete Novartis fünf Korruptionsfälle: in den USA, China und Südkorea. Laut den Drohgebärden in Athen könnte Griechenland bald dazukommen. Diese Situation steht im krassen Kontrast zur Rhetorik des Konzerns, der mit verschärften Compliance-Regeln seit 2016 Besserung gelobt.

Warum die Basler ein so langes Sündenregister haben, zeigt der Blick in die Vergangenheit des Konzerns. Nach der Fusion zwischen Ciba-Geigy und Sandoz 1996 war die neu gegründete Novartis über Jahre für besonders aggressive Verkaufspraktiken im Markt bekannt. Wobei die Grenzen ausgelotet – und überschritten wurden. Nun folgt die Retourkutsche. Novartis-Chefjurist Felix Ehrat versucht zu beschwichtigen: «Schon vor mehreren Jahren haben wir unsere Bemühungen intensiviert, diese Praktiken zu adressieren», sagt er zur «Schweiz am Sonntag». Ein «Kulturwechsel», so Ehrat, «bei dem wir schon vieles erreicht haben, aber noch ein gutes Stück Arbeit vor uns liegt». Der Konzern hat den Compliance-Bereich in den letzten drei Jahren mit aktuell 375 Angestellten mehr als verdoppelt und vor 18 Monaten neue Verhaltensregeln eingeführt.

Strafbehörden greifen härter durch
Damit reagieren skandalgeschüttelte Pharmakonzerne wie Novartis auf Imageschäden, den steigenden Druck der Öffentlichkeit und im Wesentlichen auch auf das härtere Durchgreifen der Behörden. Branchenübergreifend habe besonders seit der Siemens-Schmiergeldaffäre ein Sinneswandel bei Justiz und Strafbehörden stattgefunden, sagt Michael Faske, Leiter der Abteilung Betrugsermittlungen bei der Beratungsfirma EY. Die Gesetzesanwendung habe sich in der EU und den USA verstärkt, die Behörden seien immer öfter bereit durchzugreifen.

Das bekommt Novartis nun in Griechenland zu spüren. Die Regierung in Athen setzt bei der Untersuchung alle Hebel in Bewegung. Man habe unverzüglich eigene Untersuchungen eingeleitet, sagt Ehrat. Nach eigenen Angaben hat Novartis bis jetzt keine Kenntnisse über systematische Verstösse.

Eine verstärkte strafrechtliche Verfolgung von Bestechung beobachtet auch Gemma Aiolfi, Compliance-Chefin beim Basel Institute on Governance. Zudem habe die grenzübergreifende Kooperation der Behörden zugenommen. Sie hat sich als wirksam erwiesen, um Firmen in mehreren Ländern zur Verantwortung zu ziehen.

Dabei ist der Arm der US-Justiz besonders lang. Das könnte Novartis aktuell in Griechenland teuer zu stehen kommen – denn die US-Justiz hatte in vorhergehenden Fällen Novartis schon Strafen von bis zu 3,4 Milliarden Dollar angedroht. Bislang musste der Konzern aber im Einzelfall maximal 390 Millionen Dollar zahlen.

Qualität vs. Verkaufsperformance
Mit verschärften Compliance-Massnahmen will der Basler Pharmamulti sein Sündenregister reduzieren. Um künftige Grenzüberschreitungen beim Verkaufspersonal zu verringern, habe Novartis 2014 den Anteil der variablen Vergütung deutlich gesenkt, sagt Chefjurist Ehrat. Zur Bemessung gelte neben der Verkaufsleistung gleichermassen das integre Verhalten der rund 30 000 Mitarbeitenden im Aussendienst des Konzerns.

Wie eine Umfrage der «Schweiz am Sonntag» zeigt, drehen praktisch alle befragten Pharmafirmen an den gleichen Knöpfen, um Korruption in den Griff zu bekommen. Glaxo Smith Kline hat nach ihrem Korruptionsskandal in China 2013 die quantitativen Verkaufsziele bei der Sales-Mannschaft gestrichen. «Bei uns bemisst sich der Bonus nur noch an qualitativen Zielen», sagt ein Sprecher. Auch bei Merck & Co., Roche oder Eli Lilly zählt beim Bonus zunehmend Qualität statt Quantität.

Reicht das? Oder sind die Massnahmen vor allem Lippenbekenntnisse, mit denen sich Big Pharma reinwaschen will? «Solche Massnahmen sind effektiv», sagt Compliance-Expertin Gemma Aiolfi, «wenn Firmen ihren Mitarbeitern auch wirklich die Möglichkeiten einräumen, nicht jedes Geschäft um jeden Preis an Land ziehen zu müssen.» Für Betrugsexperte Faske steht fest: «Der öffentliche Druck ist heute viel zu hoch, als dass sich die Pharmakonzerne noch Schmiergeldskandale leisten könnten.» Ob dem so ist, wird einzig und allein die Rate künftiger Vorfälle zeigen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.