Während des World Economic Forum (WEF) ist das Belvédère das Herz von Davos. Hier steigen die Konzernlenker, Staats- und Regierungschefs ab. Und hier laden Weltfirmen wie Google, Microsoft oder Coca-Cola praktisch nonstop zu Partys, Empfängen, geheimen Sitzungen und Galadinners. Insgesamt 240 Anlässe sind es in vier Tagen.

Jetzt ist das Fünfsternehotel in die Krise geraten. Seit dem überraschenden Abgang des langjährigen Direktors Ernst Wyrsch im März 2011 kommt das Haus nicht zur Ruhe. Innerhalb von 16 Monaten gab es fünf Wechsel in der Direktion. Zuerst waren zwei Interimsdirektoren am Ruder, dann sollte im September 2011 mit dem erfahrenen Hotelmanager Conrad Meier ein fester Nachfolger antreten. Doch Meier hatte ein wenig glückliches Händchen. Er verliess das Hotel Ende März bereits wieder, worauf erneut ein Interimsdirektor einzog.

Zuerst hatte es sich Meier mit den Davoser Gewerblern verscherzt, als er bekannt gab, dass sie nur noch einen Bruchteil dessen liefern können, was bislang bei ihnen bestellt wurde. Dann, am WEF von diesem Januar, zeigte sich, dass er im Gegensatz zu «Aschi» Wyrsch keinen Draht zu den hochrangigen Politikern und Managern fand und auch nicht suchte.

Als Nachfolger Nummer fünf versucht es nun seit Ende Juni Michael Hoferer. Er hat keine leichte Aufgabe. Denn im Kader ist es zu einem eigentlichen Aderlass gekommen. Der Vizedirektor, der Küchenchef und der langjährige Gästebetreuer Hans Escher, der die geheimsten Wünsche vieler Stammgäste kennt, haben das Haus verlassen. Zusammen mit weiteren Ex-Belvédère-Angestellten wechselten sie ins Hotel Kulm nach Arosa (siehe unten). Das ist kein Zufall: Dessen Verwaltungsrat wird neu von Ernst Wyrsch präsidiert.

Die Unruhe fordert ihren Tribut bei den Gästen. Gemäss mehreren Beobachtern der Hotelszene in Davos, die nicht namentlich genannt sein wollen, hat das Belvédère etliche Stammgäste verloren. Der Grund: Sie fühlen sich nicht mehr so persönlich betreut wie zu Wyrschs Zeiten. «Die Gäste laufen davon», sagt ein Insider. Das einstige Vorzeigehaus sei zum «Problemhotel» geworden, sagt ein Zweiter.

«In Davos machen sich viele Sorgen, weil das Belvédère eines der Aushängeschilder der Region ist», sagt ein dritter Beobachter. «Es hat sich von seinen Gästen entfernt. Ich weiss von vielen Gästen, die wegen mangelnder Betreuung reklamiert haben.» Das Problem sei, dass die Frankfurter Firmenzentrale der Steigenberger-Gruppe das Hotel an der kurzen Leine führe. «Die Zentrale schaut das Personal als austauschbar an, wie Figuren in einem Schachspiel. Das ist aber in einem Ferienhotel fatal. Hier sind sehr viele Emotionen im Spiel, und der Gast sollte im Zentrum stehen. Management by Excel-Sheet funktioniert hier nicht.»

Beunruhigt ist auch der Tourismusdirektor von Davos, Reto Branschi. Er sagt: «Die vielen Wechsel machen uns Sorgen, weil das unweigerlich zu Gästeverlusten führt.» Er bestätigt auch, dass das Belvédère wirtschaftliche Probleme hat. Was die Zahl der Logiernächte anbelange, sei das Fünfsternehotel zwischen Mai und Juli nur noch Mittelmass gewesen. Unter Wyrschs Führung war das laut Branschi noch anders: «Früher war das Belvédère in den vordersten Rängen.»

Der aktuelle Direktor Michael Hoferer sagt, die sinkende Gästezahl habe nichts mit den internen Schwierigkeiten zu tun, sondern mit der wirtschaftlichen Lage. Er bestätigt aber gewisse Probleme: «Es gab Unruhe, das ist richtig. Aber wir sind jetzt auf dem Weg, wieder Ruhe hineinzubringen bei den Mitarbeitern, in der Führung und auch bei den Gästen.»

Hoferer muss es vor allem gelingen, den Draht zum WEF wieder zu finden. Das ist für das Belvédère überlebenswichtig. Denn 30 Prozent des Jahresumsatzes erzielt es mit dieser Veranstaltung. «Wenn das WEF das Belvédère nicht mehr im bisherigen Umfang nutzen würde, dann sieht es schlimm aus», sagt ein Davoser Branchenbeobachter. «Wenn man hier eine Einbusse hat, geht das jedem Davoser Hotel ans Lebendige.»



30 Prozent mehr Übernachtungen in Aroser Hotel

Von Patrik Müller

Während die Schweizer Hotellerie für dieses Jahr mit rund 15 Prozent Umsatzrückgang rechnet, gibt es im Kanton Graubünden ein erstaunliches Gegenbeispiel: Das Fünfsternehaus Kulm in Arosa vermeldet knapp 30 Prozent mehr Belegung für diesen Sommer, verglichen mit der Vorjahressaison. Dies trotz um drei Wochen verkürzter Öffnungszeit.

Wie ist das möglich, im aktuellen Umfeld mit starkem Franken und Wirtschaftskrise in Europa? Es brauche in solchen Zeiten gute Ideen, sagt Hoteldirektor André Salamin, und eine solche glaubt man im «Kulm» gefunden zu haben: «Wanderwochen» wurden eingeführt, und die scheinen bei den Gästen der Renner zu sein. Diese können in vier verschiedenen Gruppen wandern – es gibt leichtere und schwierigere Wanderungen. Geleitet werden sie unter anderem vom Hoteldirektor und vom neuen Concierge Hans Escher, der vom Davoser «Belvédère» zum «Kulm» wechselte (siehe oben). Laut Salamin sind die Wanderwochen für den «grossen Aufschwung» verantwortlich. Sie hätten neue Gäste gebracht, zudem seien die Stammkunden dem «Kulm» treu geblieben. Salamin beziffert deren Anteil auf 75 Prozent.

Hinzu kommt, dass das Hotel stark auf Familien setzt und als eines der wenigen in der Schweiz die österreichischen Familienhotels konkurrenziert. Die Ehefrau des Hoteldirektors ist studierte Pädagogin und hat beispielsweise dafür gesorgt, dass die Kinder sich in Spielzimmern austoben können, während die Eltern dinieren. Draussen gibts einen grossen Spielplatz und eine Eisenbahnanlage. Viele Schweizer Hotels haben Familien mit Kindern sträflich vernachlässigt und dieses Feld den Österreichern überlassen.

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