Paul McElhinney leitet einen der grössten industriellen Arbeitgeber der Schweiz: 5500 Mitarbeiter beschäftigt der US-Konzern General Electric (GE) hierzulande. Doch kaum jemand kennt McElhinney – kein Wunder, er hatte bislang keine Medienauftritte. Der Ire begrüsst uns bestens gelaunt, als wir ihn in Baden treffen: „Hi, I’m Paul!“ Er hat sein Büro in der Kleinstadt, von wo er das globale Power-Services-Geschäfts von GE mit weltweit 26 000 Mitarbeitern führt. Dieses hat in Baden seinen Hauptsitz.

Herr McElhinney, bislang haben Sie in der Schweiz noch kein Interview gegeben. Warum haben Sie so lange gewartet?
Paul McElhinney: Nun, am 2. November ist es genau ein Jahr her, seit GE das Energiegeschäft von Alstom übernommen hat. In dieser Zeit hatten wir intensive Kontakte mit den Behörden sowohl auf Bundes- wie auf Kantonsebene. Mit einem Ziel: GE soll in der Schweiz eine grosse Zukunft haben. Jetzt sind wir so weit, dass wir einiges dazu sagen können.

Was hat GE in der Schweiz im Sinn?
Wir haben langfristige Pläne. Unseren Hauptsitz haben wir nicht nach Baden verlegt, um nach fünf oder zehn Jahren wieder anderswo hin zu gehen. Es ist eine dauerhafte Entscheidung. Wenn GE Standorte verschiebt, tun wir das sehr sorgfältig und wohlüberlegt. Und ich kenne das Unternehmen: Ich arbeite seit 28 Jahren bei GE. Und wir haben ja zwei Hauptsitze nach Baden verlegt: Nebst dem Power Services auch das Steam-Power-Systems-Geschäft (Dampfturbinen für Kohle- und Kernkraftwerke, die Red.). Zudem ist die Leitung der Gas-Power-Systems ebenfalls in Baden.

Bisher war doch nur die Verlegung von zwei Hauptsitzen bekannt?
Das ist richtig. Gas-Power-Systems ist im Frühjahr noch dazu gekommen. Diese Verlegung hat zwar nicht ganz die Bedeutung der beiden anderen. Es werden deshalb nicht kurzfristig zusätzliche Arbeitsplätze aus den USA nach Baden verlegt. Aber der Chef von Gas Power Systems ist permanent nach Baden gezogen. Damit werden auch viele Entscheide in der Schweiz gefällt.

Es ist erstmalig, dass GE Power einen globalen Hauptsitz ihrer Geschäfte ausserhalb der USA ansiedelt. Warum?
Weil Baden und der Aargau grossartige Bedingungen bieten. Vor zwei Monaten haben wir mehrere Verwaltungsräte von GE hierher eingeladen. Wir haben die Geschichte dieses Standorts erklärt – sie ist weltweit einzigartig, wenn es um Stromerzeugung und Kraftwerke geht. Sie reicht über 125 Jahre zurück. An dem Standort, wo wir nun sind, haben BBC, später ABB und dann Alstom Produkte entwickelt, die auf der ganzen Welt Erfolg hatten. Wir sind uns dieses Erbes bewusst, wir sind stolz darauf und haben Respekt davor. GE hat die Chance, die Geschichte weiterzuschreiben.

Zählt diese Vergangenheit heute noch etwas?
Absolut. Sie können in jedes Land der Welt gehen, mit jedem Kunden reden – und jeder weiss, wofür Baden und der Aargau stehen. Das ist ein Stück Industriegeschichte, die nachwirkt: Hier gibt es das Knowhow, die technologischen Fähigkeiten und den nötigen Innovationsgeist. Das ist der ideale Standort für uns.

Das klingt richtig schwärmerisch. Kennen Sie denn die Region auch persönlich?
Mein ganzes Leben habe ich in Irland verbracht, bis ins Jahr 2003, als ich für GE mit meiner Familie – ich bin verheiratet und habe zwei Kinder - in die USA ging. Vor einem Jahr nun kamen wir in die Schweiz, wir wohnen in Zürich. Ich liebe Ihr Land und diese Region. Und ich habe Kindheitserinnerungen: Als Kind war ich hier zum Skifahren. Jetzt dauerhaft hier zu leben, ist fantastisch. Zumal auch meine Frau gern Ski fährt (lacht).

Wie nehmen Sie den Standort Schweiz nach einem Jahr wahr?
Ich wünschte, wir wären früher in die Schweiz gekommen! Ich habe beispielsweise die gute verkehrstechnische Anbindung schätzen gelernt. Weil die Schweiz mitten in Europa liegt, bin ich fast bei jedem Kunden auf der Welt innerhalb eines Tages. Wenn ich früher von Atlanta (USA) aus nach China reiste, dauerte das ungleich länger.

GE braucht Spezialisten aus aller Welt. Gibt es keine Probleme, ausländische Arbeitskräfte nach Baden zu holen?
Wir haben in Baden 90 Nationalitäten. Es ist einer der multikulturellsten Standorte innerhalb unseres Konzerns. Diversität ist uns sehr wichtig, und sie ist in der Schweiz einfacher als anderswo zu realisieren. Hinzu kommt eine wirtschaftsfreundliche Regierung, sowohl in Bern wie auch im Kanton Aargau. Wir spüren sowohl bei Bundespräsident Johann Schneider-Ammann wie auch bei Regierungsrat Urs Hofmann eine „pro-business“-Haltung. Und wir schätzen die liberalen Rahmenbedingungen, etwa was den Arbeitsmarkt betrifft. Als amerikanisches Unternehmen haben wir uns hier von Anfang an willkommen gefühlt.

Die Einwanderungsbedingungen könnten aber verschärft werden. Keine Sorge deswegen?
Sogar ich als Ire durfte ja hierher kommen (lacht). Wir sind zuversichtlich, dass die Rahmenbedingungen so gut bleiben.

Weltweit gibt es einen Trend gegen Freihandel und uferlose Globalisierung. Sowohl Donald Trump wie auch Hillary Clinton wollen das Rad zurückdrehen. Ist das ein Problem für GE als Konzern mit weltweit 300 000 Mitarbeitern, der fast überall präsent ist?
Natürlich sind wir für freie Märkte und freien Handel. Aber Sorgen mache ich mir nicht. Man muss in grösseren Zeiträumen denken. GE gibt es seit mehr als 100 Jahren und wir haben viele Krisen, ja sogar zwei Weltkriege überstanden. Was wir jetzt erleben, ist nichts Besonderes. Veränderungen, auch des politischen Umfeldes, sind normal. Erfolgreiche Unternehmen müssen sich immer anpassen. Ich respektiere jedes Ergebnis der US-Wahl. Wir haben unter demokratischen wie unter republikanischen Präsidenten erfolgreich gewirtschaftet.

Das Wachstum im Energiegeschäft ist nicht mehr so hoch wie vor zehn Jahren. Wo können Sie noch zulegen?
Die Effizienz der Stromerzeugung und die Reduktion von Emissionen ist ein politisches Top-Thema in fast jedem Land. Das Klima-Abkommen von Paris verdeutlicht das umso mehr. Wir begrüssen das und wollen einen Beitrag leisten. Nicht allein, sondern in der Schweiz zum Bespiel mit Universitäten zusammen. Ziel muss sein, die nächste Generation einer Technologie zu entwickeln, die die Welt sauberer und sicherer macht.

Konkret?
In diesem Jahr investieren wir in der Schweiz 200 Millionen Franken in Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Wir rekrutieren aktiv neue Mitarbeiter. Wir haben aktuell 5500 Angestellte hier, und wir suchen mehr, damit wir wachsen können. Der globale Markt ist herausfordernd. Wir müssen unser eigenes Wachstum finden, aber Chancen gibt es überall. China wächst nicht mehr so schnell, aber noch immer markant. Ebenso der Nahe Osten und Afrika. Und sogar in den USA sehen wir Chancen. Von Baden aus wollen wir Zukunftstechnologien für diese Märkte entwickeln. Clean Energy ist zentral dabei. Wir haben schon jetzt eine Technologie, mit der man die Emissionen weltweit um 10 Prozent reduzieren könnte. Das ist so viel, wie wenn man 250 Millionen Autos aus dem Verkehr ziehen würde.

Wenn Sie die Zukunft so rosig sehen, warum müssen Sie in der Schweiz erst Stellen streichen?
Die gute Nachricht ist ja, dass es nun weniger als 900 Mitarbeiter sein werden. Zuerst hatten wir mit 1300 gerechnet. Wir haben sehr gut mit unseren Personalvertretern zusammengearbeitet und mit dem Kanton Aargau. Mit Regierungsrat Urs Hofmann und seinem Team war dies sehr erfolgreich und ermöglichte teils die Reduktion des Stellenabbaus. Und was interessant ist: den Restrukturierungs-Plan, den wir nun in der Schweiz durchführen, hatte ursprünglich Alstom alleine entwickelt und war bereit zur Umsetzung. Als wir das Geschäft kauften, haben wir diesen Plan übernommen.

War das unvermeidlich?
Werden zwei grosse Unternehmen zusammengebracht, geht es nicht ohne Restrukturierungen, um das Unternehmen für die Zukunft zu positionieren. Wir sind sehr froh, dass der Abbau kleiner ausfiel als geplant.

Wie gross wird der Stellenabbau genau ausfallen? Zuletzt wurden 900 Mitarbeiter genannt, Sie sagen nun, es seien sogar „weniger“ als 900.
Wir kennen die finale Zahl noch nicht. Aber es werden weniger als 900 sein.

Werden Sie neue Arbeitsplätze aufbauen?
Ja, zurzeit haben wir 170 offene Stellen in der Schweiz, und dann schauen wir weiter.

Was für Mitarbeiter suchen Sie?
Es werden zumeist Ingenieure sein.

Wenn Sie zurück schauen: hätten Sie den Abbau damals besser erklären können?
Ich schaue nicht zurück. Nichts was wir heute tun können, wird etwas an den Geschehnissen von vor einem Jahr ändern. Ich glaube, der Fokus liegt heute auf der Zukunft unserer Geschäftseinheiten in der Schweiz. Wir haben zwei globale Hauptsitze in die Schweiz verlegt; von den 190 GE-Konzernleitungsmitgliedern werden nun 8 von der Schweiz aus arbeiten; wir investieren in der Schweiz in Forschung und Entwicklung; wir sprechen mit einer Reihe möglicher Partner über Zusammenarbeiten. Wir konzentrieren uns nun darauf, diese Geschäftseinheiten von der Schweiz aus weltweit wachsen zu lassen. Wie entwickeln wir global neue Technologien von der Schweiz aus. Wie erhöhen wir das Potenzial dieser Einheiten weltweit. Und schlussendlich: wie können wir als GE positiv etwas an den Standort Schweiz beitragen. Wir wollen uns etwa bei Swissmem und bei weiteren Wirtschaftsverbänden stärker einbringen. Wir wollen ein aktives Mitglied der Gesellschaft sein.

Wie wollen Sie sich einbringen?
Etwa zum Thema industrielle Digitalisierung. Wir als GE haben bereits eine Milliarde in die Digitalisierung investieren. Wir wollen unsere Erfahrungen mit anderen teilen.

Nach der Ankündigung des Stellenabbaus gab es in der Schweiz bereits Debatten über den Standort. Ob er nicht mehr attraktiv genug ist; ob der Abbau von Arbeitsplätzen zu einfach ist. Sie entliessen in Frankreich anteilsmässig ja weniger Mitarbeiter. Dafür gibt es Ihrer Ansicht nach keinen Grund?
Nein, die Schweiz ist ein sehr attraktiver Ort um ein globales Geschäft aufzubauen. Sonst würden wir nicht den Hauptsitz von zwei globalen Sparten hierhin verlagern.

Joseph Deiss war Verwaltungsratspräsident für Alstom-Schweiz. Was wird seine neue Rolle sein?
Joseph war für mich persönlich ein sehr hilfreicher Partner. Ich traf ihn zum ersten Mal als ich vor einem Jahr nach Baden zog. Joseph entschied sich, nicht weiter im Unternehmen zu bleiben. Wir respektierten diesen Entscheid. Ich schätzte die Arbeit mit ihm sehr. Seit Mai ist nun Urs Naef bei uns. Er wird uns bei der Integration in die Schweiz helfen, damit wir rasch möglichst ein konstruktiver Partner für die Gesellschaft werden. Wir möchten auf dem Weg fortfahren, auf den uns Joseph gebracht hat.

Welches wird genau die Funktion von Urs Naef sein?
Er wird für Governmental Affairs und Policy für die Schweiz zuständig sein. Er wird die Beziehungen organisieren nach Bundesbern und zu den Kantonen. Damit GE ein möglichst schweizerisches US-Unternehmen wird.

GE richtet sein Geschäftsmodell stark auf die Digitalisierung der Industrie aus. Inwiefern wird dies eine Chance für den Standort Baden als Hauptsitz von GE Power Services?
Wir sind sehr daran interessiert, von der Schweiz aus unseren Kunden in der ganzen Welt mit der Digitalisierung zu helfen. Wir wollen dafür die Kompetenzen in der Schweiz aufbauen. Und wir als GE arbeiten schon seit vier Jahren daran. Wir haben Milliarden von Daten, die wir schon immer gesammelt haben, die wir nun aber systematisch werden auswerten können. Damit werden wir uns in der Industrie abheben können.

Was werden Ihre Kunden davon haben?
Es geht etwa darum, früh erkennen zu können, wann eine Maschine eine vorbeugende Reparatur benötigt. So werden Totalausfälle vermieden und Kosten eingespart. Oder wir werden in der Energiebranche unseren Kunden helfen können, schneller Strom in das Netz bringen zu können und schneller von dort wieder weg zu nehmen. Unsere Kunden werden Geld verdienen können, wenn sie genau zu Nachfragespitzen werden liefern können.

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