«Ich verdiene netto mehr Geld, als ich ausgeben kann»

Boris Collardi in seiner Heimatstadt Genf: «Manchmal staune ich, dass wir uns tatsächlich im Jahr 2016 befinden und nicht im Ancien Regime.» Foto: Sandra Ardizzone

Boris Collardi in seiner Heimatstadt Genf: «Manchmal staune ich, dass wir uns tatsächlich im Jahr 2016 befinden und nicht im Ancien Regime.» Foto: Sandra Ardizzone

Die Bank Julius Bär ist in zwei grosse Korruptionsskandale verwickelt. Chef Boris Collardi sagt im Interview, dass die Bereinigung dieser Fälle die Bank noch einige Jahre auf Trab halten wird.

Seit sieben Jahren steht Boris Collardi an der Spitze der Zürcher Privatbank Julius Bär. Nach einer stürmischen Wachstumsphase belasten Reputationsprobleme die Bank. Wir treffen den erst 41-jährigen Bankmanager in seiner Heimatstadt Genf. Collardi kam von einer mehrtägigen Geschäftsreise zurück, die ihn nach Hongkong, Tokio und Singapur geführt hatte. Das Interview findet in einem holzgetäfelten Sitzungszimmer eines Luxushotels statt. Er trinkt einen Grüntee.

Herr Collardi, es gibt Gerüchte, wonach Sie zu Lombard Odier wechseln. Was ist da dran?
Boris Collardi: Dass es diese Gerüchte gibt, erstaunt mich nicht. Ich bin in Genf aufgewachsen und kenne Patrick (Odier, geschäftsführender Teilhaber von Lombard Odier, Anm. d. Red.) sehr gut. Da liegt es auf der Hand, dass Leute glauben, der Boris geht jetzt wieder nach Genf zurück, wenn sie uns zusammen sehen. Aber es gibt überhaupt keinen Plan. Ich bin und bleibe bei Bär.

Ihr Name wird auch in Zusammenhang mit dem Präsidium der Bankiervereinigung genannt – interessanterweise gelten Sie zusammen mit Ihrem Schweiz-Chef Barend Fruithof als Topkandidat. Würde Sie das Amt reizen?
Das CEO-Amt einer börsenkotierten Gesellschaft ist zeitlich nicht vereinbar mit dem Amt des Verbandspräsidenten; zumindest nicht bei heutiger Definition des Aufgabenheftes.

Sie sind erst 41 Jahre alt und doch schon seit sieben Jahren an der Spitze der Bank. Wie lange wollen Sie noch bleiben?
Ich werde bei der Bank bleiben, solange ich motiviert bin und Julius Bär vorantreiben kann. Nach sieben Jahren spielt sich zwar eine gewisse Routine ein. Gleichzeitig bietet jedes Jahr neue Herausforderungen und ich bin überzeugt, dass wir das Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben.

Der Bank fällt es schwer, organisch zu wachsen. Wenn Bär zulegt, dann weil Sie andere Institute aufkaufen. Warum ist das so?
So kann man das nicht sagen. 2006 hatten wir Vermögen unter Verwaltung in der Höhe von 120 Milliarden Franken. Ende April 2016 waren es 305 Milliarden. Davon stammen 90 Milliarden aus rein organischem Wachstum, die andere Hälfte ist akquisitionsbedingt. Ende 2015 haben wir die Integration des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts von Merrill Lynch abgeschlossen. Ein Kauf bindet immer Managementkapazitäten. In diesem Jahr wollen wir diese voll auf organisches Wachstum setzen.

Schweizer Privatbanken setzten beim Wachstum vor allem auf Asien, auch Julius Bär. Wird das auch in Zukunft so sein?
Absolut. Ein Beispiel dafür: Wir haben seit Anfang Jahr in Asien rund 100 neue Mitarbeiter eingestellt. Allein in der Region Greater China, also Festland-China, Hongkong und Taiwan, sind seit Anfang Jahr 45 Kundenberater neu zu uns gekommen. In anderen Regionen Asiens rekrutieren wir ebenfalls. Ich bin überzeugt, dass 2016 bezüglich Einstellung von neuen Kundenberatern ein Rekordjahr werden wird. Wir sind in Asien in zehn Jahren von null auf Platz fünf gekommen.

Aber der Start ins Jahr verlief harzig. Das Zielband bei den Neugeldern (4 bis 6 Prozent Wachstum) wurde verfehlt. Was sind die Gründe dafür?
Sie müssen das mit einem 400-Meter-Lauf vergleichen. Wenn Sie auf den ersten 80 Metern etwas hinterherlaufen, haben Sie das Rennen auch noch nicht verloren. Der Neugeldzufluss verläuft nie linear. Wir hatten schon sehr gute Quartale, als die anderen Banken schlecht unterwegs waren. Im ersten Quartal haben wir eine Verlangsamung gesehen. Über das ganze Jahr gesehen, bin ich weiterhin zuversichtlich, dass wir uns innerhalb des Zielkorridors bewegen werden.

Derzeit gibt es viele Unsicherheiten. Die Wirtschaft ist fragil. Die Negativzinsen zehren. Es steht die BrexitAbstimmung bevor. Der Ausgang der US-Wahlen ist ungewiss. Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Zuversicht?
Manchmal staune ich, dass wir uns tatsächlich im Jahr 2016 befinden und nicht im Ancien Regime zu Zeiten Marie Antoinettes …

Wie meinen Sie das?
Es ist doch verrückt, dass wir zehn Tage vor der Brexit-Abstimmung immer noch nicht wissen, was herauskommt. Und in den USA stehen die Chancen bei 50 Prozent, dass tatsächlich Donald Trump ins Weisse Haus einziehen wird. Es geht hier nicht um Wirrungen von irgendwelchen Kleinstaaten, sondern um fundamentale Veränderungen in den grössten Wirtschaftsmächten der Welt.

Welche konkreten Auswirkungen hätte denn ein Ausstieg Grossbritanniens aus der EU?
Mittelfristig kann England einen Austritt verkraften. Das ist wohl unbestritten. Aber das Land, dessen Wirtschaft ohnehin schon schwächelt, wird kurzfristig in eine tiefe Rezession fallen. Auch Kontinentaleuropa wird unter gewaltigen Druck geraten. Und in der Schweiz wird der Aufwertungsdruck auf den Franken wieder zunehmen. Das sind Szenarien, die nicht unwahrscheinlich sind. Es wird dann wieder Diskussionen geben wie nach dem 15. Januar 2015, als die Nationalbank den Mindestkurs aufhob. Ein Brexit zieht nicht abschätzbare Kollateralschäden nach sich. Viel zu lange wurde die Abstimmung unterschätzt.

Wie positionieren sich die Kunden?
Es ist klar, dass jemand, der sich gegen ein schwächeres Pfund absichern will, in eine andere Währung flüchten wird. Und wo gehen Sie hin, wenn Sie wieder in eine starke Währung investieren wollen? Sie gehen in den Schweizerfranken. Das machen nicht alle unsere Kunden, aber es gibt welche, die das tun. Erfahrene und gut informierte Kunden dagegen halten sich derzeit zurück, weil es völlig offen ist, ob das Referendum durchgeht oder nicht.

Was bereitet die grössten Sorgen?
Die Geld- und Fiskalpolitik halte ich derzeit für die grösste Unsicherheit. Im Jahr 2016 sind wir an einem Punkt angelangt, wo wir sagen können, dass die Geldpolitik der Notenbanken schlicht und einfach nicht mehr funktioniert.

Wie geht es jetzt weiter?
Ich war gerade in Japan und habe gesehen, was Negativzinsen anrichten: Es verunsichert die Menschen stark. Die gleiche Verunsicherung spürt man auch in Europa und in der Schweiz. Bei den Leuten verfestigt sich die Gewissheit, dass die Wirtschaft nicht gut läuft, und sie fangen an zu sparen. Das ist Psychologie, die aber in der Theorie der Notenbanker keinen Platz hat. Das gleiche Verhalten zeigen auch Firmen und Banken. Sie fahren die Investitionen kontinuierlich herunter. Es gibt eine Investitionsabkühlung, die ich ziemlich dramatisch finde.

Was muss geschehen?
Irgendwann werden wir uns alle die Überlegungen machen müssen, wie wir langfristig mit einem negativen Zinsumfeld über die Runden kommen. Wir alle werden länger leben. Wovon werden wir leben, wenn das Zinsumfeld negativ ist? Wie können wir ohne Zinseinkommen leben? Woher soll das Einkommen sonst stammen? Diese Angst ist jetzt in den Köpfen der Leute angekommen. Ich sagen Ihnen, vielleicht muss alles noch viel schlimmer werden, bis die Regierungen in Europa endlich ihre Verantwortung wahrnehmen und langfristige strukturelle Veränderungen anpacken. Ich sehe jedoch noch keinen Willen, dies anzugehen. Deswegen glaube ich, dass 2016 und 2017 sehr schwierige Jahre werden.

Zurück zu Ihrer Bank. Ihr Eigenkapital ist geschrumpft. Wird nun der Spielraum für Akquisitionen kleiner?
Ja, wir sind limitierter als auch schon, aber immer noch massiv über den gesetzlichen Erfordernissen. Das hat neben Investitionen auch damit zu tun, dass die Klärung des Steuerfalls in den USA teurer als geplant wurde. Wir generieren aber genügend Cashflow, um diese Delle auszubügeln. Der Kapitalmarkt ist uns gut gesinnt. Für das richtige Investment könnten wir wohl ohne Probleme am Markt eine Milliarde Franken aufnehmen.

Die Bank Bär ist immer wieder in den Schlagzeilen wegen Korruptionsskandalen. Julius Bär ist bei Fifa und Petrobras dabei. Was lief schief?
Als global tätige Bank besteht ein gewisses Risiko, dass man via Geldtransfers und ähnliches in solche Skandale involviert wird. Wir haben Abklärungen aufgenommen und kooperieren mit den Behörden zur Aufklärung des Sachverhalts und des Verhaltens der Beteiligten.

Wie war es im Fall des brasilianischen Energieriesen Petrobras? Sie haben offenbar Konti von Dutzenden von korrupten Managern geführt.
Petrobras ist ein komplexer Fall. Wir sprechen hier von einem der grössten Ölproduzenten der Welt, mit dem weltweit zahlreiche Partner in geschäftlichem Kontakt stehen. Dass ein Manager ein Vermögen von beispielsweise zwei Millionen Franken hat, das er uns zur Verwaltung überlässt, ist per se nicht verdächtig. Wenn sich jedoch herausstellt, dass gewisse Akteure korrupt waren, muss abgeklärt werden, was im Rahmen der bestehenden Sorgfaltspflichten hätte erkannt werden müssen. Wir schauen in diesem Zusammenhang auch die Rolle der unabhängigen Vermögensverwalter an, über welche viele dieser Gelder zu uns kamen.

Ihre Aussage erstaunt. Spätestens seit dem Steuerthema ist doch klar, dass von den externen Vermögensverwaltern erhebliche Gefahren ausgehen.
Externe Vermögensverwalter sind Geschäftspartner, die im Auftrag des Kunden eine spezifische Rolle einnehmen. Wir haben heute etablierte Prozesse, welche klare Anforderungen enthalten und die Zusammenarbeit regeln.

Und bei der Fifa? Stimmt es, dass Bär 16 mutmasslich korrupte Fifa-Funktionäre als Kunden hatte?
Aufgrund des laufenden Verfahrens können wir keine Zahlen bestätigen. Nur soviel: Die von gewissen Kreisen verbreitete Zahl von angeblich 16 Fifa-Funktionären mit Konten bei Julius Bär stimmt nicht. Auch hier sind wir mit den zuständigen Behörden am Kooperieren. Ein Mitarbeiter, der in diesem Zusammenhang geltende Regeln und interne Bestimmungen verletzt hat, wurde umgehend entlassen. Das war für uns eine sehr unangenehme Überraschung. Dieser Ex-Mitarbeiter ist momentan in den USA und kooperiert ebenfalls mit den Behörden.

Warum sind Banken skandalanfällig?
Die Vermögensverwaltung befindet sich in einem gewaltigen Transformationsprozess. In den letzten zehn Jahren hat sie sich vor allem auf die Klärung von Steuerfragen fokussiert. Diese Thematik ist für Julius Bär in Europa, den USA und zahlreichen anderen Ländern geklärt. Aufgrund der politischen Dynamik wird uns Lateinamerika noch einige Jahre beschäftigen. Das Problem ist, dass die Kunden die Amnestieprogramme zum Teil nicht sehr attraktiv finden, weil sie das Geld zwingend repatriieren müssen, zum Beispiel in Mexiko.

Trennen Sie sich dann von den Kunden, die an den Amnestieprogrammen nicht mitmachen wollen?
Wir fordern unsere Kunden seit längerem auf, ihre Steuerangelegenheiten zu bereinigen, und unterstützen sie auch dabei. Stellt sich ein Kunde völlig quer, lösen wir auch Kundenbeziehungen auf.

Überraschenderweise kommen jetzt Themen wie Korruption und Geldwäscherei wieder aufs Tapet. Das zeigte auch der BSI-Fall. Ging da was vergessen in den letzten Jahren?
Die Identifikation der Kunden und Geldwäschereibekämpfung werden die Finanzbranche bestimmt bis ins Jahr 2020 auf Trab halten. Das sind die nächsten grossen Themen. Ich bin zuversichtlich, dass die Banken die Systeme bis dann so weit verbessert haben, dass Fälle wie Fifa und Petrobras so nicht mehr vorkommen sollten.

Wie packen Sie das konkret an?
Die Prozesse werden zentraler geführt. Konkret wird das gleiche Team, das sich um Steuerfragen und die Kundenidentifikation kümmert, auch die Einhaltung der Geldwäscherei-Bestimmungen kontrollieren. Die Geschäftsleitung hat dazu eine Agenda verabschiedet mit klar definierten Meilensteinen. Reputationsprobleme sind schlecht für jedes Institut.

Wo sehen Sie Ihre persönliche Verantwortung in diesen Fällen?
Ich bin der Chef und stehe daher immer in der Verantwortung.

Wie man im Fall BSI gesehen hat, bestraft die Finanzmarktaufsicht die Banken härter. Finden Sie das richtig?
Ich bin mir nicht so sicher. Man kann sich die Frage stellen, ob die Finma auch so hart vorgegangen wäre, wenn der Verkauf der Bank nicht schon eingefädelt gewesen wäre. Möglicherweise hätte sich die Firma den Lizenzentzug nochmals überlegt. Aber dass die Behörde bei diesem Thema ein Signal setzt, ist völlig verständlich. Die Reputation des Finanzplatzes Schweiz ist auch für uns Bankiers wichtig. Wenn wir als Branche intelligenter arbeiten und untereinander weniger Arbitrage betreiben, bin ich mir sicher, dass wir wieder ganz an die Spitze kommen.

Sie haben 2015 6,16 Millionen Franken verdient. Wie gerechtfertigt ist das gegenüber den 1,8 Millionen, die der Chef der ZKB verdient, einer Bank, die gleich viel Gewinn macht wie Julius Bär?
Da müssen sie den Verwaltungsrat fragen, der bestimmt meinen Lohn. Aber klar, es ist viel Geld, und ich sage es offen, es ist auch netto mehr Geld, als ich ausgeben kann. Letztlich ist es eine Frage von Angebot und Nachfrage. Zudem hatten wir mit der Bank Bär in den letzten Jahren auch viel Erfolg.

Aber wenn man den Aktienkurs anschaut, so hat vor allem das Management gewonnen. Der Aktionär hat kaum etwas verdient.
Gegenüber dem Gesamtmarkt haben Sie recht, aber unter den Finanztiteln gehören wir zu den Besten. Seit der Fokussierung auf das Private Banking im Jahre 2009 ist der Kurs um 11 Prozent gestiegen, während unsere Wettbewerber mit einer Ausnahme massive Rückschläge bei den Kursen hinnehmen mussten. Natürlich hätte die Performance noch besser sein können. Wir haben in den letzten drei Jahren stets auch die Dividende erhöht und wir denken, dass wir das auch in Zukunft tun können. Die Dividendenrendite beträgt heute fast drei Prozent. Ich halte meine Bär-Aktien und habe deshalb kein Geld verloren.

Sie betreiben private Immobiliengeschäfte. Was ist der Sinn davon?
Fast mein ganzes Vermögen ist in Aktien von Julius Bär investiert. Im Sinne einer ausgewogenen Asset-Allokation suchte ich nach festverzinslichen Anlagen. Da ich kein Fan von Anleihen bin, aber den Schweizer Franken liebe, kam ich zum Schluss, mein Geld in Immobilien zu investieren. Das ist ideal für die Altersvorsorge. Wir erzielten eine Nettorendite von über vier Prozent. Das ist in der heutigen Zeit nicht schlecht.

War es klug, dafür einen Kredit (12 Mio.) von der Bank zu nehmen?
Gemäss unseren Weisungen sollten alle Angestellten Kunden der Bank sein. Ich bin ebenfalls Kunde der Bank! So habe ich mich zu Bär gewandt, als ich einen Kredit brauchte. Ich verstehe daher die Aufregung nicht, die deswegen gemacht wird. Ich habe die gleichen Konditionen, die jeder Kunde auch bekommt. Alles ist transparent und offengelegt. Und es ist meine Privatsphäre. Vielleicht werde ich den Kredit ja irgendwann zurückzahlen.

Mehr Themen finden Sie in unserer gedruckten Ausgabe oder über E-Paper

Artboard 1