Von Shamiran Stefanos

Wir werden Rom erobern», lautet die stürmische Ankündigung der Anhänger des Islamischen Staates (IS), die seit Monaten per Videobotschaft auf diversen Netzwerken gestreut wird. Auch die angebliche Strategie wird offenbart: Tausende von Dschihadisten sollten den aktuellen Flüchtlingsstrom nutzen, um als Asylsuchende nach Europa eingeschleust zu werden.

Fest steht: Bei einem der Pariser Selbstmordattentäter vom 13. November 2015 fanden die Ermittler einen syrischen Pass – offenbar eine Fälschung. Die Behörden vermuten, dass er und mindestens ein weiterer Attentäter über die Balkanroute nach Europa gelangen konnten. Darum stellt sich die Frage: Wie einfach können sich potenzielle Terroristen unter die Asylsuchenden mischen?

Der gefundene Ausweis lautet auf den Namen Ahmad al-Mohamed, der 25 Jahre alt sei und aus Syrien stamme. «Der Inhaber des Passes, der an einem Tatort (in Paris) gefunden worden ist, war am 3. Oktober 2015 nach den Regelungen der EU auf der Insel Leros (als Flüchtling) registriert worden», teilte am darauffolgenden Tag das zuständige Ministerium in Athen mit.

Kurz darauf liess die serbische Polizei vermelden, dass ein weiterer Mann festgenommen wurde, der einen beinahe identischen Pass bei sich trug. Einzig das Foto sei anders. Die Nachrichtenagentur AFP gab daraufhin bekannt, dass der eigentliche Ausweis vermutlich einem getöteten Soldaten der syrischen Armee gehöre, der für den Präsidenten Bashar al-Assad gekämpft habe. Noch ungeklärt ist, ob der entdeckte Pass zufällig oder absichtlich von den Attentätern hinterlassen worden ist.

Wie problemlos es geht, sich eine syrische Identität anzueignen, weiss der freie Journalist Simon Jacob. Auf seiner laufenden Nahostreise befand er sich Ende Oktober in der südosttürkischen Provinz Mardin. «Einen echten syrischen Pass hat man mir für 2000 US-Dollar angeboten», erzählt er. Jeder könne einen Ausweis machen lassen. Bei der zuständigen Stelle habe man ihm gesagt: «Bring uns einfach ein Passfoto von dir und 2000 Dollar – und du wirst zum Syrer.»

Früher lag der Preis bei 1000 Dollar. Seitdem man vernommen habe, dass die deutsche Kanzlerin jedem syrischen Flüchtling den Zugang nach Zentraleuropa gewähre, habe sich die Nachfrage mindestens verdoppelt. Das Geschäft blühe entlang der türkisch-syrischen Grenze: Waffenhandel, Schmuggel, Erpressungen. «Eine AK-47 erhält man für 500 bis 600 Dollar. Milizen aus dem Irak und Syrien decken sich ebenfalls hier ein», so Jacob. Er wisse zudem aus sicheren Quellen, dass einige Geschäftsleute aus dem syrischen Raum komplette Druckerpressen mit den notwendigen Rohdokumenten über die Grenze in die Türkei geschmuggelt haben sollen. So könne man echte Ausweise herstellen.

Francis Mamdouh, ein 23-jähriger Syrer, ist sich sicher: Extremisten, die die Flüchtlingsroute nutzen, sind keine Einzelfälle. Mamdouh verliess seine Heimatprovinz Hama über die türkisch-syrische Grenze. Erst gelangte er nach Griechenland und nutzte die übliche Strecke vom Balkan nach Österreich, bis er nach der gesamthaft dreimonatigen Odyssee Anfang August in die Schweiz nach St. Gallen kam. Die Route legte Mamdouh unter anderem in einem Lastwagenanhänger zurück, zusammengepfercht mit anderen Flüchtlingen. Die restlichen Abschnitte erfolgten über erschwerten Seeweg und per Fussmarsch.

Man begegne vielen, erzählt der 23-Jährige, die aus unterschiedlichen Motiven nach Europa auswandern möchten: «Die Kontrollen waren nicht sehr streng. An der Grenze zur Türkei wurde man hauptsächlich gegen Geld durchgelassen. Wer nicht genügend zahlen konnte, dem nahm das türkische Militär das Reisegepäck und die Kleidung ab. Die Grenzbehörden prüfen die Reisenden nicht wirklich, vor allem geht es um Geld. Leute, die versucht haben, zu fliehen, weil sie nichts abgeben wollten, wurden von türkischen Soldaten beschossen.» Viele nutzen das herrschende Chaos als Gewinnmache: «Auch an anderen Stellen und Übergängen nach Europa ging es um finanzielle Abgaben und nicht um wirkliche Kontrollen. Die Flüchtlinge werden ausgenommen.»

Mamdouh sagt, dass er in diesen drei Monaten auf eine nicht geringe Anzahl von potenziellen Extremisten traf: «Wenn ich anhand meiner persönlichen Reiseerfahrung schätzen müsste, würde ich sagen, dass sich unter zehn Flüchtlingen ein radikaler Islamist befindet.» Der ehemalige Polizist kennt sich mit solchen aus: Im Kampf gegen verschiedene Terrororganisationen war er unter anderem in Damaskus stationiert. Dort wurde der junge Syrer im Gefecht von der IS entführt und zehn Tage lang als Geisel gehalten, bis eine Zahlung von Lösegeld erfolgte. Ein anderes Mal wurde er von dschihadistischen Kämpfern so verletzt, dass sein Oberkörper voller Splitter war. Eine sichtbare Narbe an seinem Hals zeugt von dieser Zeit.

Grausame Erzählungen wie diese scheinen spätestens seit den Anschlägen in Frankreich nicht mehr so weit entfernt. Der kollektive Schock sitzt tief und der sonst so sicherheitsverwöhnte Westen muss sich neu orientieren. Wohin mit der Angst, der Trauer und der Wut? Alte Debatten werden neu ausgelöst. Die Antwort auf politischer Ebene äussert sich mit einem schärferen Ton. Nachdem Länder wie Polen und die Slowakei bereits im Sommer verkündeten, nur Christen aus Syrien willkommen zu heissen, gaben seit den Pariser Attentaten bereits 34 Gouverneure der Vereinigten Staaten bekannt, dass sie in ihren jeweiligen Gliedstaaten gar keine syrischen Flüchtlinge mehr aufnehmen werden. Laut Francis Mamdouh sei es allerdings zu spät: «Daesh hat es schon nach Europa geschafft. Ich weiss nicht, was sie genau vorhaben und ich will keine Ängste schüren, aber sie sind bereits da. Ich habe viele von ihnen auf dem Weg hierher getroffen, die sich jetzt in Deutschland befinden.»

Seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs zählt die UN 4,6 Millionen Syrer, die aus ihrem Land geflohen sind. 8 Millionen Vertriebene leben innerhalb von Syrien. Die EU hat vom vergangenen Januar bis September 700 000 neue Asylbewerber registriert, von denen die meisten nach Deutschland wollten. Von Anfang September bis Mitte Oktober 2015 betrug laut der EU die Zahl der allein nach Deutschland einreisenden Flüchtlinge 409 000. Der Strom reisst nicht ab: Von griechischen Behörden wird prognostiziert, dass die Ankunft von 3,7 Millionen Menschen aus der Türkei in den nächsten Monaten zu erwarten sei.

Eine langfristige Lösung für das wachsende Problem scheint nicht in Sicht – im Gegenteil. Die Terrormiliz hat unter anderem solche Ausmasse erreicht, dass der politische Graben grösser wird und einen tiefen Riss in die westliche Gesellschaft zeichnet. Verschiedene Meinungen über Flüchtlinge, religiösen Extremismus und Sicherheitsmassnahmen kollidieren nun stärker. Auch Mamdouh befürchtet: «Das wollte der IS doch genau: Dass ihr uns echten Flüchtlingen, die selber vor solchen Extremisten fliehen mussten, misstraut. Dass die freien Menschen anfangen, einander zu hassen.»

Europa scheint erschöpft und die Türkei erweist sich als zweifelhafter Partner in Sachen Flüchtlingskontrollen. Ein Patentrezept wird hier nicht mehr ausreichen, wenn man einerseits Massen von schutzbedürftigen Menschen aufnehmen und darunter sicherheitsgefährdende Extremisten heraussieben möchte. Dass es sich bei den restlichen Pariser Terroristen grösstenteils aber um französische und belgische Bürger handelt, löst weitere Fragen aus, die die Flüchtlingsthematik zwar nicht ausschliessen, aber weit darüber hinaus gehen.

Wer finanziert die Ausrüstung möglicher Attentäter eigentlich? Von wem werden sie unterstützt? Welche Kreise fangen sie auf, um sie als Schiesspulver für ihren ideologischen Wahnsinn einzusetzen?

Gerade in Deutschland findet sich das Phänomen der sektenähnlichen Netzwerke von bekannten Islamisten – allen voran Pierre Vogel und Ibrahim Abou-Nagie –, deren Ideologie sich kaum von derjenigen des IS und der al-Nusra unterscheidet. Von Arabischen Golfstaaten finanziell und ideologisch unterstützt, sind sie im Internet als missionierende Demagogen tätig, verteilen über «LIES!» Korane auf europäischen Strassen oder rufen in Vorträgen ausdrücklich zur Verachtung des westlich-freiheitlichen Lebensstils auf.

Aus ihren Dunstkreisen sind mittlerweile mehrere hundert Anhänger von Deutschland nach Syrien in den Dschihad gezogen. Ebensolche Vereine mit ähnlicher Einstellung und fragwürdigen Verbindungen findet man in anderen europäischen Ländern. Sind es doch auch die Golfstaaten, die keine Flüchtlinge aufnehmen, aber dafür Terroristen in Syrien ausstatten, lassen sich zusammenhängende Vermutungen erschliessen. Auch in der Schweiz gibt es Verbindungen zu den diversen Extremisten.

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