VON BENJAMIN WEINMANN

Die Verhandlungen über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag für die Swiss-Langstreckenpiloten sind in vollem Gang. Die Stimmung zwischen den Langstrecken-Piloten und der Airline ist angespannt. Die Piloten werfen der Swiss schlechte Einsatzbedingungen vor, was zur Übermüdung führe.

Vor einer Woche entgegnete Swiss-Chef Harry Hohmeister im Interview auf diesen Vorwurf: «Vielleicht kommt ja die angebliche Übermüdung nicht nur vom Fliegen, sondern auch von anderen Beschäftigungen.»

Mit diesem Seitenhieb hat Hohmeister in ein Wespennest gestochen. Die Pilotengewerkschaft Aeropers antwortete diese Woche pikiert und ungehalten auf ihrer Homepage unter dem Titel «Weiss Herr Hohmeister, was er da anrichtet?»: «Wer sich so über sein Pilotenkorps äussert, ist entweder despektierlich und ignorant oder er zeugt von Unwissen.» Und weiter: «Ein Management, das sich so benimmt, ist für uns kein zuverlässiger Verhandlungspartner ... Der Deutsche Hohmeister benimmt sich wie der Elefant im Porzellanladen. Von unserer Politik des gut schweizerischen Kompromisses und des Konsenses hat er offensichtlich keine Ahnung.»

Doch Fakt ist: Hohmeisters Aussage ist nicht unbegründet. Viele Swiss-Piloten arbeiten heute Teilzeit, oft um noch einer zweiten Beschäftigung nachzugehen. Das kann auch die Gewerkschaft nicht von der Hand weisen: «Die Anzahl Teilzeit arbeitender Piloten hat in den vergangenen Jahren zugenommen», bestätigt Aeropers-Sprecher Mario Achermann. «Waren es 2006 noch 24 Prozent, so sind es heute zirka 34 Prozent.» Dies entspricht rund 300 Piloten. Häufig würden die Piloten 80 oder 90 Prozent arbeiten. Das tiefste Pensum betrage 65 Prozent. «Vom Teilzeitpensum machen mehrheitlich Kapitäne und Co-Piloten auf den Langstrecken Gebrauch», sagt Achermann.

Die Berufe der Piloten abseits der Lande- und Abflugpisten sind vielseitig, wie «Der Sonntag» weiss: Es gibt einen Piloten, der auch als Bauer tätig ist, einen, der bei einer regionalen Bahn als Lokführer amtet, sowie verschiedene Firmenberater. Die meisten Teilzeit-Piloten arbeiten jedoch in der Flugbranche, zum Beispiel als ehrenamtliche Piloten der Ju-Air für Rundflüge oder als Fluglehrer.

Ein weiteres Beispiel lieferte vor einigen Wochen die SF-Sendung «Aeschbacher», in der Peter Thut auftrat. Thut ist Swiss-Linienpilot. Aber nicht nur: Er ist auch Helikopterpilot beim Militär. Und: Im Winter präpariert er jede Nacht mit seinem Pistenfahrzeug die Schneehänge im Pizol.

Ein anderer Swiss-Pilot liess seinem Frust über die Aussage von Harry Hohmeister ebenfalls im Internet freien Lauf. In seinem Blog schrieb er diese Woche, die Übermüdung käme tatsächlich auch von anderen Beschäftigungen, und zwar «vom Lernen in den Freitagen!», oder zum Beispiel für den halbjährigen Simulator-Check und den Medical Check. Wie dem Online-Lebenslauf des enervierten Piloten zu entnehmen ist, fliegt dieser seit 2007 für die Swiss und hat in derselben Zeit noch eine Jus-Disseration an der Universität St. Gallen geschrieben.

Für den Teilzeit-Trend gibt es verschiedene Gründe. «Nach dem Grounding der Swissair gab es viele Piloten, die sich umorientieren mussten und sich ein zweites Standbein aufgebaut haben. Einige haben dies bis heute weitergeführt», sagt Mario Achermann von Aeropers. Andere haben zum Teil ein spezielles Hobby oder suchen gezielt nach einer Abwechslung. Die Billig-Airline Helvetic von Financier Martin Ebner ist in Jobinseraten sogar ausdrücklich auf der Suche nach Teilzeitpiloten zu 40, 60 oder 80 Prozent. Den Grund liefert die Anzeige gleich mit: «Die Tätigkeit als Pilot im heutigen kommerziellen Umfeld ist einerseits äusserst anspruchsvoll und belastend, anderseits latent anfällig auf Demotivation durch partielle Monotonie.» Die Swiss gibt an, man habe generell nichts gegen Teilzeitarbeit, bei neuen Piloten sei man aber hauptsächlich an 100-Prozent-Pensen interessiert.

Aeropers sieht den Hauptgrund für die Entwicklung jedoch in den Arbeitsbedingungen. «In den letzten Jahren ist die Arbeitsbelastung stetig gestiegen», sagt Achermann. «Vermehrt haben Piloten deshalb durch ein Teilzeitpensum mehr Erholungs- und Freizeit erwirkt.»

Die knappen Pilotenbestände hätten auch dazu geführt, dass die Ferienplanung schwierig wurde. Bei einem Teilzeitpensum muss die Swiss die Ferien früher als bei einem 100-Prozent-Pensum bestätigen. Für den neuen Gesamtarbeitsvertrag verlangt Aeropers deshalb Einsatzrichtlinien, die auch bei einer Vollzeitanstellung eine einfachere Ferienplanung möglich machen.

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