Einer der höchsten Wirtschaftsführer der Schweiz warnt vor der Entindustrialisierung des Landes: «Nach dem Senkrechtabsturz des Euro-Wechselkurses in den letzten acht Wochen bin ich in höchstem Mass alarmiert», sagt Hans Hess, Präsident des gewichtigen Maschinenbauverbands Swissmem und Vizepräsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.

Die Hälfte der Swissmem-Mitglieder überlege sich die Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland, ein Drittel der Industriefirmen schreibe wegen der Frankenstärke Verluste, viele hätten nicht mehr die Mittel für Investitionen. Hess: «Es herrscht höchste Alarmstimmung. Mit jedem weiteren Rappen, den der Franken an Stärke hinzugewinnt, wird es dramatischer.»

Erstmals schliesst nun Hess eine Euro-Franken-Parität nicht mehr aus. «Das ist ein Horrorszenario, aber leider ist es nicht völlig unrealistisch. Solange die Europäische Union das Verschuldungsproblem ihrer Länder nicht löst, gibt es nur eine Richtung: eine weitere Stärkung des Frankens zum Euro.»

Mit dieser Angst ist Hess nicht allein. Dass der Franken gleich viel Wert haben könnte wie der Euro, befürchtet auch Peter Widmer, Präsident des Verbandes Swiss Export, der mehrere hundert mittelständische Exportfirmen vertritt. «Die Parität ist ein realistisches Szenario. Angesichts der Überschuldung des Euroraums und der starken Anziehungskraft des Frankens spricht alles dafür, dass der Euro weiter an Wert verliert.»

Einen 1:1-Wechselkurs halten zunehmend auch die Branchenexperten für möglich, darunter die Waadtländer Kantonalbank, die britische Standard Bank und Bridport in Genf, einer der grössten Anleihenhändler Europas. «Die Chance für eine Parität ist grösser als 50 Prozent», sagt Bridport-Vertreter Jens Weidenbach. Die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel schliesst die Parität ebenfalls nicht aus, sofern sich die Euro-Schuldenkrise ausweiten sollte.

Ein 1:1-Wechselkurs würde bedeuten, dass noch viel mehr Unternehmen in die Verlustzone geraten. Sehr viele Mitglieder rechneten als Worst-Case-Szenario damit, sagt Swiss-Export-Präsident Widmer. «Das ist an jedem Firmenanlass und in jedem Gespräch eines Unternehmers mit seiner Bank ein Thema.»

Kommt es wirklich zur Parität, rechnet Widmer mit der Abwanderung von 2000 bis 3000 Exportfirmen ins Ausland. «Geht man von einer durchschnittlichen Mitarbeiterzahl von 50 aus, würde das für die Schweiz den Verlust von 100000 bis 150000 Arbeitsplätzen bedeuten.» Das wäre fast eine Verdoppelung der heutigen Arbeitslosenzahl.

Kleinstbetriebe könnten ihre Produktion jedoch nur schwer ins Ausland verlegen, sagt Widmer. Ihnen bleibe deshalb nur der Verkauf, die Schliessung oder der Konkurs. «Von den rund 80000 kleinen und mittelgrossen Firmen werden bei einer Euro-Franken-Parität etwa 10 Prozent untergehen.» Betroffen wären also schätzungsweise 8000 Firmen.

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse warnt nun diese Woche vor der «Deindustrialisierung» der Schweiz. Vizepräsident Hans Hess sagt: «Wenn das noch lange so weitergeht, dann wird ein Teil der Firmen untergehen und ein Teil ins Ausland abwandern. Das erinnert mich an die Neunzigerjahre, wo von vielen einst stolzen Industriefirmen nur noch Industriebrachen zurückblieben.»

Hess kritisiert die Passivität des Bundes angesichts der akuten Bedrohung. «Ich habe manchmal das Gefühl, dass der Bundesrat, die Chefbeamten und die Politiker im Bundeshaus meinen Warnungen zwar zuhören, dann aber zur Tagesordnung respektive zum Wahlkampf übergehen.»

Nun müsse der Bund der Industrie mit einem kurzfristig wirkenden Massnahmenpaket unter die Arme greifen, fordert Hess. So solle der Bundesrat die Importeure öffentlich unter Druck setzen, damit diese den Währungsvorteil endlich weitergeben. Zudem müsse der Bund rasch zusätzliche Mittel für den Technologietransfer von den Hochschulen in die Unternehmen bereitstellen. Das würde es den Firmen innert weniger Monate erlauben, neue Produkte zu entwickeln, die nicht dem Preisdruck aus dem Euroraum unterliegen.

Peter Widmer von Swiss Export geht einen Schritt weiter. Er verlangt einen vorübergehenden Steuerrabatt für Exportfirmen, solange der Euro unter Fr.1.25 liegt.

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