YON YVES CARPY UND FLORENCE VUICHARD

Bislang gabs in Bundesbern eigentlich nur Lob für den «cleveren», «jungen» Notenbankpräsidenten, der den Grossbankern Paroli bietet und mehr Internationalität verkörpert als jeder andere Finanzmarktvertreter. Doch plötzlich «empfinden» einige Parlamentarier den 47-jährigen Philipp Hildebrand, der schon vor den Risiken einer Finanzkrise gewarnt hat, als es noch niemand hören wollte, als «arrogant». Die Rettung der UBS sei ihm zu Kopf gestiegen, macht es in der Wandelhalle die Runde, er benehme sich wie ein Premierminister.

Die bösen Worte sind vom Paradeplatz ins Bundeshaus übergeschwappt. Zuvor hatten sie unter den Bankern – stets nur hinter vorgehaltener Hand – immer weitere Kreise gezogen. Ihren Ursprung haben die Gehässigkeiten in den Führungsetagen der Grossbanken.

Die Verletzungen der UBS-Banker sitzen tief: «Der wird nie mehr einen anderen Job in der Schweiz finden», so ein ehemaliger UBS-Verwaltungsrat bitter, der Hildebrand als Krisenmanager erlebt hatte. Für Konsternation sorgte dieser auch am letzten traditionellen «RiveReine»-Treffen Ende Januar in Vevey: UBS-Präsident Kaspar Villiger hatte den anwesenden rund 50 Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik gerade erläutert, wieso seine Bank weiterhin so hohe Boni zahlen müsse: weil nämlich die Investmentbanker die Bank sonst verlassen würden. Da widersprach Hildebrand: Dann sollten diese Investmentbanker doch gehen, sie seien sowieso gefährlich für die Bank.

Bei der UBS versucht man, den neuen Notenbankchef als missionarischen Eiferer zu diskreditieren. Der Hintergrund: Die vom Bund eingesetzte «too-big to Fail»-Expertenkommission ist auf der Zielgeraden zur Ausformulierung konkreter Vorschläge für höhere Eigenkapitalvorschriften für UBS und Credit Suisse und für ihre Organisationsform. Die Bankenlobby versucht zu verhindern und zu verzögern.

Der ehemalige Hedge-Fund-Manager Hildebrand profiliert sich derweil als schärfster Kritiker ihrer Bonus-Exzesse und zeigt sich völlig unnachgiebig in seinen Forderungen nach strengeren Vorschriften fürs Bankengeschäft: «Die Wurzel des Finanzplatzes Schweiz liegt in der Vermögensverwaltung», sagt Hildebrand zum «Sonntag». «Darin liegt auch seine Zukunft. Die UBS ist immer noch die grösste Vermögensverwalterin der Welt. Keine andere internationale Bank ist so aufgestellt. Es ist daher nicht einzusehen, weshalb die Frage der Wettbewerbsfähigkeit eins zu eins an einem Investmentbanken-Modell wie bei Goldman Sachs zu messen sein soll.»

Zum Ärger des Schweizer Establishments läuft der ehemalige Spitzenschwimmer nicht an seiner Leine. Nicht nur ist er politisch und finanziell unabhängig, er ist kein Rotary-Member und anders als andere arrivierte Gleichaltrige auch nicht Mitglied des Clubs am Rennweg. Auf diese Generation setzt er dennoch seine Hoffnung: «Bei jüngeren Führungskräften wächst die Einsicht, dass es Bonus- und Lohnsysteme braucht, die 10 bis 20 Jahre beibehalten werden können. Diese Leute wollen etwas Nachhaltiges erreichen und noch viele Jahre in ihrem Beruf und in ihrer Stellung bleiben. Insbesondere in der zweiten Führungsetage will man sich nicht dauernd in der Öffentlichkeit für seinen Lohn rechtfertigen müssen», so Hildebrand.

Das Problem der Gegner bisher: Fachlich ist Hildebrand kaum etwas anzukreiden. Also richtete sich die Kritik gegen seinen Stil: Der sei zu forsch, zu stur, zu eitel, zu ehrgeizig, zu international. Tatsache ist: Er verbringt mehr Zeit mit den Notenbankchefs auf der ganzen Welt als mit seiner Ehefrau. Und: Anstatt sich wie sein Vorgänger Jean-Pierre Roth diskret im Hintergrund zu halten, liebt er grosse Auftritte. Etwa kürzlich als Gastgeber an der Seite von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn in Zürich. Und er ist der einzige Schweizer, der jederzeit US-Finanzminister Timothy Geithner anrufen kann. Bundesrat Merz versuchte es vergeblich.

Nun wittern seine Kritiker allerdings Morgenluft, jetzt da die Nationalbank so viele Euros wie nie zuvor hortet, der Schweizer Franken aber dennoch so stark ist, dass die Exportindustrie zu leiden beginnt. So hat etwa die SVP-Fraktion einen Vorstoss zur Euro-Krise eingereicht – darin werden nicht weniger als 12 Fragen an den Bundesrat zur Euro-Krise gerichtet, die ersten vier betreffen die Politik der Nationalbank.

Widerstand baut sich unter bürgerlichen Politikern auch gegen die «too big to fail»-Bekämpfungspläne auf. «Es hat eine gewisse Relativierung stattgefunden – insbesondere in der Wirtschaftskommission (WAK)», sagt FDP-Ständerat Rolf Schweiger. «Hildebrand muss auch die Risiken und Nachteile der ‹too big to fail›-Regulierungen aufzeigen, das hat er bis jetzt nicht gemacht», verlangt er. Dahinter wittern andere eine «koordinierte Aktion der Bank-Lobbyisten». Schweiger streitet ab: «Das habe ich nicht bemerkt.»

Hildebrand konterte diese Woche, indem er die Stabilität der Nationalbank lobte: Ihr Eigenkapitalanteil liege trotz aufgeblähter Bilanz immer noch bei einem Viertel – gegenüber 3 Prozent bei den Grossbanken. Dazu erhält er Unterstützung von überraschender Seite: Die Währungsstrategen der UBS gewinnen seinen Euro-Zukäufen mehrheitlich Positives ab: «Alle kritisieren die Devisen als Risiko. Doch sie sind auch grosse Reserven.» Diese führten letztlich zu einem stabileren Schweizer Finanzmarkt.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!