Plötzlich ist es still geworden um die Helvetia Wealth AG. Fragen werden nicht beantwortet. Die Website der Vermögensverwalterin mit Sitz an der Zürcher Rämistrasse wird angeblich gerade überarbeitet. Ausgerechnet jetzt, wo die Kunden Sturm laufen.

Das letzte Lebenszeichen, oder die letzte Zuckung, kam vor Weihnachten. Damals teilte das Zürcher Konkursamt mit, über die Helvetia Wealth AG sei der Konkurs verhängt worden. Details dazu folgten noch. Stattdessen dann im Januar die Meldung, der Konkurs sei vom Obergericht wieder aufgehoben worden. Was lief da bei der Firma, die von sich behauptet, 1,3 Milliarden Franken an Kundengeldern zu verwalten?

In Irland und Grossbritannien brodelt es schon länger. Während Jahren hat Helvetia Wealth – mit der Versicherung Helvetia hat sie nichts zu tun – dort Broker und Versicherungsmakler aufgekauft, die dann offenbar für Investments in Zürich warben. Oder für solche beim Ableger in Liechtenstein. Dieser ist offiziell für das Geschäft mit Irland registriert, wie Recherchen zeigen.

Angelegt wurden die Gelder teilweise in einem irischen Holzfonds, an dem Helvetia Wealth beteiligt ist. Andere Anleger berichten von Investments in nicht kotierte Aktiengesellschaften. Die Vermögensverwalter kauften mit dem ihnen anvertrauten Geld aber auch stimmlose Inhaberaktien und Obligationen der eigenen Firma und führten dieser so Kapital zu. Das sagt unter anderem Anwalt Stephan Pöhner, der Kunden vertritt, die nicht an ihr Geld kommen. Selber darf Helvetia Wealth keine Konten führen, denn sie besitzt keine Banklizenz. Und damit ist sie auf externe Depotbanken angewiesen.

Bis im Herbst war die Online-Bank Swissquote so eine Depotbank. Doch dann zog sie Helvetia den Stecker. Swissquote-CEO Marc Bürki berichtet offen darüber: «Eigentlich interessiert es uns als Depotbank nicht, wie gut die Depots rentieren, die von externen Verwaltern gemanagt werden», erzählt er. «Doch von Zeit zu Zeit machen wir Stichproben.»

Und bei diesen stiess die Bank auf Erstaunliches: «Wir sahen, dass die Kunden nicht kotierte Obligationen von Helvetia Wealth in ihren Depots hatten. Wir stellten auch fest, dass bei diesen Obligationen die Zinszahlungen bereits zweimal ausgefallen waren.» Obligationen, die den Kunden meist ohne deren Wissen oder Zutun ins Depot gelegt wurden, wie Anwalt Pöhner sagt.

Swissquote habe sich mit kritischen Fragen an Helvetia Wealth gewandt, sagt Bankchef Bürki. «Die Fragen wurden uns jedoch nicht ausreichend beantwortet, also haben wir die Beziehung beendet.» Nach einer Warnfrist habe man die Vollmachten von Helvetia gestrichen. Man habe es Kunden überlassen, ihr Depot zu transferieren oder selbst zu verwalten.

Kunden und Banker aus dem Umfeld von Helvetia Wealth erheben gravierende Vorwürfe. Von «Schneeballsystemen» ist die Rede und von «Betrug». Davon, dass die Bank mit zu hohen Mitarbeiterzahlen angebe und dass sich in Liechtenstein nur ein Briefkasten befinde, der von einem Studenten geleert werde. Die «Schweiz am Sonntag» hat Kamil Stender, den CEO von Helvetia Wealth, mit zahlreichen Vorwürfen konfrontiert und ihm Fragen gestellt. Der frühere Credit-Suisse-Banker wollte diese jedoch nicht beantworten.

In Irland sind mittlerweile die Behörden aktiv. Die irische «Sunday Times» berichtet von einem Kontakt zwischen der Zentralbank und der Schweizer Aufsicht. Zudem laufen Untersuchungen bei mindestens einer irischen Tochtergesellschaft von Helvetia Wealth.

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) hingegen kommentiert den Fall nicht. Sie verweist darauf, dass Helvetia Wealth als Nichtbank nicht der Finma, sondern der Selbstregulierungsorganisation VQF unterstellt sei. Zumindest einer bei der Finma könnte Helvetia demnach kennen: Bruno Frick, der im letzten Sommer in den Finma-Verwaltungsrat gewählt wurde, war zuvor Verwaltungsrat von VQF.
Der Konkurs ist vorerst abgewendet. Der Gläubiger, der mit seiner Betreibung das Verfahren ausgelöst hat, habe seine Forderung zurückgezogen, heisst es beim Amt. Und doch ist die Zukunft von Helvetia Wealth unklar. Über Weihnachten hat sie die Kunden aufgefordert, Geld einzuschiessen. Jeder Kunde solle für 10 000 Franken Inhaberaktien im Nennwert von Fr. 33.40 kaufen, heisst es in einem Brief, welcher der «Schweiz am Sonntag» vorliegt. Noch immer würden Kunden telefonisch gedrängt, solche Aktien zu zeichnen, sagt Anwalt Pöhner.

Auch eine Generalversammlung wurde angekündigt, allerdings bisher ohne Angabe eines Datums. Dass Helvetia Wealth bald einen geprüften Geschäftsbericht vorlegt, ist unwahrscheinlich. Denn derzeit steht die Firma ohne Buchprüfer da. Der letzte Revisor hat Ende Oktober den Bettel hingeworfen. Nach nur fünf Monaten. Und noch bevor er ein erstes Mal mit seiner Unterschrift für die Geschäfte der Firma bürgen musste.

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