Ilkka Paananen hat einen Traum. Er träumt davon, dass die nächste Google in Finnland gegründet wird. «Ich sehe nicht ein, warum das in den nächsten 20 bis 30 Jahren nicht möglich sein soll», sagt er im Gespräch am Rand der Hightech-Konferenz Slush in Helsinki, dem wichtigsten Event für Jungunternehmer in Europa. Und Paananen sagt, wie das zu schaffen ist: «Wenn wir geduldig sind, Fehler zulassen und sehr hart arbeiten, wird dies möglich sein. Die finnische GameIndustrie ist ja auch nicht über Nacht entstanden.»

Paananen ist der neue Star der finnischen Start-up-Szene. Im letzten Jahr verdreifachte er die Umsätze seiner Computerspiel-Firma auf 1,7 Milliarden Dollar. Supercell, so heisst das Unternehmen, kennt niemand ausserhalb der IT-Branche. Aber jedes Kind kennt die Produkte von Supercell: Paananen entwickelte das Game «Clash of Clans», das weltweit mehrere 100 Millionen Mal auf Smartphones und Tablets heruntergeladen wurde. Täglich spült es über eine Million Dollar in die Kassen des 2013 gegründeten Unternehmens. Der Wert seiner Firma wird inzwischen auf 5 bis 11 Milliarden Dollar geschätzt. Das macht Paananen zum zigfachen Millionär.

Vergleiche mit Nokia werden gezogen. Im Jahr 2000 war der ehemalige Hightech-Gigant aus Finnland mit einer Börsenkapitalisierung von 250 Milliarden Dollar das wertvollste Unternehmen Europas. Nokia beherrschte den Weltmarkt für Mobiltelefonie, löschte US-Giganten wie Motorola und die gesamte asiatische Konkurrenz aus, bis eine überbordende Bürokratie und ein unfähiges Management es selbst beinahe vernichteten. 2014 verkaufte die schwer angeschlagene Firma die Handysparte an Microsoft -- diese wiederum musste den Kauf nur ein Jahr später komplett abschreiben. Das letzte Modell datiert aus dem Jahr 2013. Im Jahr 2009 war Nokia noch die wertvollste europäische Marke. Das zeigt, wie schnell die Kräfteverhältnisse im Hightech-Kapitalismus kippen können.

Der Fall Nokias war ein heilsamer Schock für Finnlands Wirtschaft. Inzwischen strotzt die IT-Industrie wieder vor Selbstvertrauen. An der Slush in Helsinki nahmen über 1700 Start-ups teil, 715 davon kamen aus Finnland. Insgesamt pilgerten 15 000 Besucher aus aller Welt, davon viele Risikokapitalgeber, ins Kongresszentrum Messukeskus im Norden der Hauptstadt. In Start-up-Rankings belegen die finnischen Jungunternehmen die Spitzenplätze. Sie beschreiten nicht nur technisch oft neue Wege, sondern setzen auch bei der Firmenkultur an, scheinbar in der Absicht, sich gegen eine Pleite wie bei Nokia zu immunisieren.

Supercell etwa hat ein eigenwilliges Ritual eingeführt: «Scheitert ein Projekt, dann wird der Flop mit Champagner gefeiert», sagt Paananen. «Wird es ein Erfolg, gibt es Bier.» Fehler machen gehört für ihn zur Überlebensstrategie. Seine unternehmerischen Vorbilder tragen keine Namen. «Meine Helden sind die, die immer wieder auf die Nasen fallen und wieder aufstehen. Weil sie nie Erfolg haben, kennt man sie auch nicht.»

Supercell ist der hellste Fixstern am finnischen Start-up-Firmament. Und Lichtjahre von anderen Jungunternehmen entfernt. Wie jenes von Olli Kallioinen (43), Gründer und Chef von Social Party Inc. Der frühere Werber hat mit drei Partnern eine Lösung entwickelt, mit der gesammelte Flugmeilen für Online-Einkäufe von Games oder Songs eingelöst werden können. Als Clearingstelle will er eine hauchdünne Gebühr zwischen Fluggesellschaften und den Online-Inhaltsanbietern einziehen. Social Party Inc. ist eines von 660 finnischen Start-up-Unternehmen, die 2014 vom Staat eine Anschubfinanzierung erhalten haben. Insgesamt flossen letztes Jahr 550 Millionen Euro in Firmen wie Social Party.

Geht es nach dem amtierenden finnischen Ministerpräsidenten Juha Sipilä, sollte die Regierung noch mehr tun für die Jungunternehmen. Dem Ingenieur und Unternehmer der Zentrumspartei schwebt die Gründung einer Entwicklungsbank für die Förderung der Tech-Branche vor, wie er in einer Eröffnungsrede sagte. Diese könnte einen bedeutenden Beitrag zur Staatsbilanz leisten. Sipiläs Ziel ist es, aus Helsinki einen Technologie-Hub mit internationaler Ausstrahlung zu formen.

Noch ist Helsinki nicht dort. Das sagt auch Investor und Skype-Gründer Niklas Zennström, der mit 49 Jahren so etwas wie der Doyen der nordeuropäischen IT-Branche ist. Er beklagt den Umstand, dass es europäischen Jungunternehmen oft nicht gelingt, gross zu werden. «Wir brauchen mehr Firmen, die eine Kapitalisierung von 10 Milliarden und mehrere tausend Beschäftigte haben.» Das grösste Problem sei, dass europäische Start-ups sofort ins Silicon Valley auswandern, sobald sie Erfolg hätten. Damit dies nicht mehr passiere, brauche es Vorbilder wie Supercell, die in Finnland gross geworden sind, auch hierbleiben und nicht verkaufen wollen. Häufig werde gejammert, dass der Heimmarkt oft zu klein sei, um international durchzustarten. Doch die Grösse des Heimmarktes spiele immer weniger eine Rolle, meint Zennström. Bestes Beispiel dafür seien die Game-Hersteller. Es könne sogar ein Vorteil sein, wenn man aus einem kleinen Land komme. Unternehmer müssten dann von Anfang an eine globale Perspektive entwickeln.

Und was ist mit Nokia selbst, die ebenfalls an der Slush präsent war? Das Unternehmen habe in den letzten drei Jahren 99 Prozent der Belegschaft ausgewechselt, sagt der VR-Präsident Risto Siilasmaa, der dem Unternehmen nach turbulenten Jahren wieder mehr Stabilität verleihen will. Heute ist Nokia vor allem Ausrüster für Netzbetreiber und macht damit einen Umsatz von 12 Milliarden Euro. Siilasmaa ist ein alter Fuchs in der Branche. Vor 27 Jahren gründete er das Softwaresicherheitsunternehmen F-Secure, dem er heute noch vorsteht. Was plant er als Nächstes? Wird es wieder eine Mobildevice mit dem Nokia-Logo geben? Siilasmaa will sich nicht in die Karten blicken lassen: «Einfach ein weiteres Android-Handy werden wir sicher nicht auf den Markt werfen. Wenn wir etwas lancieren, dann muss es etwas komplett Neues sein, etwas Bahnbrechendes.»

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Nokia komplett neu erfindet. Einst produzierte es Autoreifen, dann TV-Geräte, dann Handys. Siilasmaa schaut der Zukunft mit stoischer Gelassenheit entgegen und vertraut auf den Erfindungsgeist seiner Ingenieure. Die Forschungsabteilung Nokia Technologies stellte an der Slush als Weltpremiere eine kugelförmige 3-D-Kamera vor, die so gross ist wie ein Handball und mit acht hochauflösenden Kameras 360-Grad-Filme aufnehmen kann.

Ozo, so nennt Nokia das Produkt, wird vollständig in Finnland produziert und soll Ende November in Los Angeles offiziell lanciert werden. An der Konferenz bildeten sich riesige Menschenschlangen vor dem Nokia-Stand. Die Leute warteten bis zu einer Stunde, um das Produkt aus der Nähe anschauen zu können. Für einen Moment war sie plötzlich wieder spürbar, die alte Nokia-Manie.

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