Der Uhren-Chef des Luxuskonzerns LVMH, Jean-Claude Biver (66), warnte die Schweizer Uhrenhersteller bereits vor einigen Monaten: «Wenn wir keine Antwort haben auf die Smart Watch der Tech-Giganten, wenn wir uns nicht verteidigen, werden wir angegriffen. Und wir werden im Preis-Segment bis 1500 Franken bestimmt Marktanteile verlieren.»

Bislang hatte Biver noch eine Hoffnung. Der bestens vernetzte Uhrenmanager – mit dem Wiederaufbau der Traditionsmarke Blancpain feierte er 1982 den ersten Grosserfolg – hoffte auf eine Machtdemonstration an der Basel World. «Vielleicht warten dort viele Unternehmen mit einer Smart Watch auf.» Damit wäre seiner Ansicht nach «die Türe zu, der Angriff der Tech-Konzerne abgewehrt». Das jährliche Stelldichein der internationalen Uhrenindustrie wäre die Chance dazu. Doch die Branche lässt diese ungenutzt verstreichen.

«Es sieht tatsächlich so aus, als ob auch dieses Jahr keine Schweizer Uhrenmarke eine eigene echte Smart Watch wie jene von TAG Heuer oder von Apple lanciert.» Er hatte mit einer Schweizer Offensive gerechnet. Deren Ausbleiben sei zwar gut für ihn. «Ich will immer allein sein, einzigartig, dann fühle ich mich wohl.» Unter der Marke «Tag Heuer» brachte er letzten Herbst zusammen mit dem US-Techgiganten Intel eine eigene Smart Watch heraus. Aber die Schweizer Uhrenindustrie als Ganzes gehe nun ein Risiko ein. «Sie bleibt im Preissegment bis 1500 Franken ohne Schutz, ohne Verteidigung.»

Dieses Versäumnis hält Biver für gefährlich. «Man muss auch sehen: Die Smart Watch steht erst am Anfang. Wir sind noch in der Steinzeit.» Die aktuelle Generation entspreche den ersten Handys aus den Siebzigern. Es werde noch viele Verbesserungen geben. «In sieben bis zehn Jahren läuft vielleicht niemand mehr mit einem Telefon herum. Dann tragen wir alles als ‹Wearable› direkt auf dem Körper.» Von dieser rasanten Entwicklung drohe die Schweizer Uhrenindustrie abgehängt zu werden.

«Weltweit können nur ein Dutzend Tech-Konzerne solche Mikroprozessoren herstellen, die eine volle Smart Watch wie jene von Apple oder von TAG Heuer steuern können», sagt Biver. Etwa Apple und Intel oder LG und Samsung. Von diesem Dutzend Tech-Konzerne brächten einige eigene Smart Watches heraus, andere seien über feste Lieferverträge an bestehende Smart-Watch-Hersteller gebunden. «Mit wem will ich da als Uhrenmarke noch zusammenarbeiten? Da ist schon niemand mehr übrig. Die Zeit für die Herstellung einer eigenen Smart Watch ist vielleicht schon abgelaufen.»

Derweil warnen die Analysten vor rapid steigenden Smart-Watch-Verkäufen. Gemäss dem Institut Strategy Analytics etwa wurden Ende 2015 zum ersten Mal mehr Smart Watches verschifft als Schweizer Uhren. Die Marktforscher von Gartner kommen für 2015 auf weltweite Verkäufe von 30 Millionen Stück und rechnen für 2016 mit einem Sprung auf 50 Millionen Stück. Allerdings sind all diese eindrücklichen Zahlen bloss grobe Schätzungen. Sie können nichts anderes sein, solange Apple als Marktführer bei den Smart Watches seine Verkaufszahlen strikt unter Verschluss hält.

Branchenführer Swatch hat gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg für die Basel World eine Smart Watch unter der Marke «Tissot» in Aussicht gestellt. Bislang von Swatch präsentierte Modelle hatten allerdings deutlich weniger Funktionen als jene der Apple Watch. Der Chef der Uhrenmarke IWC, Georges Kern, hat für das Frühjahr eine IWC Connect angekündigt. Er räumte aber gleich ein, dass es sich nicht um eine eigentliche Smart Watch handle.

Die Uhrenbranche hofft, dass mechanische Uhren und Smart Watches getrennte Welten bleiben. Das eine sei ein «Schmuckstück» und «Emotion»; das andere ein «Computer am Handgelenk». Biver hat auch für dieses Argument wenig übrig: «Wir sind Uhrmacher! Bei TAG Heuer haben wir die Smart Watch zu einer Uhr und zu einem Schmuckstück gemacht.» Diesen Herbst oder Anfang 2017 werde TAG Heuer eine breitere Kollektion für seine Smart Watch herausbringen. «Wir haben eine für Damen und eine für Herren, wir bringen neue Materialen und neue Armbänder.»

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