Das ist gar kein Problem für uns.» Das sagt Nick Hayek zur neuen Apple-Uhr, die diese Woche in Kalifornien vorgestellt wurde. Die Finanzgemeinde sieht das anders. Der Kurs der Swatch-Aktie tauchte diese Woche um 2,7 Prozent (seit Anfang Jahr beträgt das Minus 17 Prozent). Der Marktwert schrumpfte in nur einer Woche um 700 Millionen Franken und beträgt noch 26,35 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Apples Marktkapitalisierung übersteigt inzwischen 600 Milliarden Dollar – was den IT-Giganten aus Kalifornien zum wertvollsten Unternehmen der Welt macht.

Die Apple Watch soll den Kurs weiter in die Höhe treiben. «Wenn die Uhr nächstes Jahr in die Läden kommt, werde ich mir sicher eine kaufen; auf eine Swatch werde ich dann verzichten», sagt René Weber, renommierter Uhren-Analyst der Bank Vontobel. Früher kaufte sich der Uhrenkenner alle zwei bis drei Jahre eine neue Plastikuhr aus Biel. Künftig dürfte er dieses Budget für Apple reservieren. Er rechnet mit einem Schweizer Ladenpreis von 300 Franken. Die Lebensdauer dürfte wie bei Handys auf zwei bis drei Jahre begrenzt sein.

Laut Weber greift Apple mit seiner Uhr vor allem die Marken Swatch und Tissot an, die sich im unteren und mittleren Preissegment bewegen und 9 beziehungsweise 12 Prozent zum Gruppenumsatz von 8,8 Milliarden Franken beisteuern. Die teuren Marken wie Omega, Breguet oder Blancpain seien kaum betroffen. Wie gross der Apple-Effekt sein werde, könne man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Swatch wolle nächstes Jahr selbst eine intelligente Uhr lancieren, die müsse man abwarten.

Dass es die Hayek-Marken potenziell treffen kann, macht ein Stückzahlenvergleich deutlich: Pro Jahr werden 10 Millionen Swatch-Uhren abgesetzt, bei Tissot sind es 4 Millionen Stück. Gemäss ersten Analystenschätzungen dürfte Apple pro Jahr zwischen 10 und 20 Millionen Uhren verkaufen. Da man keine zwei Uhren tragen kann, entsteht in diesem Segment ein harter Verdrängungswettbewerb.

Unter Druck kommen aber auch andere Schweizer Hersteller von günstigen Uhren wie Mondaine oder Victorinox. Wertmässig macht das Segment bis 1000 Franken nur 13 Prozent des Gesamtmarktes aller in der Schweiz produzierten Uhren aus. 87 Prozent gehen auf das Konto von teuren Uhren. Für den börsenkotierten Konzern Richemont, der mit Marken wie Cartier und Vacheron Constantin im Topsegment positioniert ist, hat Apple praktisch keinen Einfluss.

Die Schweizer Uhrenindustrie hat in den vergangenen Jahren stark den Luxusbereich ausgebaut. Weltweit werden über 1 Milliarde Uhren verkauft. Die Schweiz produziert lediglich 26 Millionen. Sie hat also weniger als 3 Prozent Marktanteil. Das zeigt, dass Produzenten wie Japan und China, die den Markt für billige Uhren dominieren, viel stärker betroffen sein werden.

Im Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag» relativiert Hayek die Gefahr, die von der Apple Watch ausgeht. Gerade im unteren Preissegment, also bei Swatch und Tissot, sei sein Konzern von jeher unter hartem Konkurrenzdruck von Billiguhren, Uhren von Modelabels, Modeschmuck, farbigen Armbändern und Handys, weil diese auch die Zeit angeben. «Wir konnten diesem Konkurrenzdruck immer widerstehen», sagt Hayek.

Umsatzmässig entwickle sich gerade dieses Segment überdurchschnittlich gut, seit die Verkäufe von Luxusuhren wegen Chinas Kreuzzug gegen die Korruption eingebrochen sind. Neuerdings leidet das Luxussegment auch unter dem Konflikt Russland - Ukraine. «Das Wachstum in der Swatch-Gruppe wird vom unteren und mittleren Segment getragen», sagt Hayek. «Die höchsten Wachstumsraten haben wir bei Swatch, Tissot und Longines.»

Die Frage ist jedoch, ob dies mit dem Angriff von Apple so bleibt. Hayek ist überzeugt davon. Denn auch im untersten Preissegment schlafe die Schweizer Uhrenindustrie nicht. Die Swatch-Gruppe etwa habe auch im unteren Bereich ständig auf Innovationen gesetzt, beispielsweise mit Plastik-Touchscreens, grünen Batterien, antiallergischen Materialien und einer verbesserten Mechanik.

Seit 2013 ist ein Swatch-Modell erhältlich, das aus nur 51 Bestandteilen besteht, aber trotzdem hochpräzise arbeitet. Es kostet 130 Franken, was für eine mechanische Uhr erstaunlich wenig ist. Kommenden Sommer bringt Hayek zudem die «Swatch Touch» auf den Markt. Sie kann Schritte oder die Anzahl verbrauchter Kalorien zählen. Eine tragende Rolle in dieser Uhr soll die Datenübertragungstechnologie Bluetooth spielen.

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