Herr Henkel, das zweite Hilfsprogramm für Griechenland ist unter Dach. Ist das der Anfang vom Ende der Euro-Krise?
Hans-Olaf Henkel: Keineswegs. Die Geschichte hat als griechische Tragödie begonnen, und sie wird als griechische Tragödie enden. Seit Mai 2010 hat man uns immer wieder versprochen, es sei jetzt dann vorbei. Damals sprachen die Politiker von einem «einmaligen Rettungspaket» für Griechenland. Später kamen Portugal und Irland. Und nun Griechenland zum zweiten Mal. Auch der teilweise Schuldenverzicht privater Gläubiger nützt gar nichts.

Warum nicht?
Griechenland kann die Schulden noch immer nicht tragen. Und was zurzeit komplett vergessen geht: Es gab in der Geschichte schon mehr als 100 Umschuldungen. Die beiden letzten fanden in Argentinien und Russland statt. Keine einzige Umschuldung funktionierte ohne Abwertung der Währung. Griechenland aber kann nicht abwerten, weil es Mitglied der Einheitswährung ist.

Sie plädieren für einen Rauswurf Griechenlands aus dem Euro, damit das Land seine Währung abwerten kann?
Das war bislang ein Tabu, zumindest in Deutschland. Ende 2010 habe ich in einem Buch die Aufspaltung in einen Nord- und Süd-Euro vorgeschlagen, und da hat man mich gebrandmarkt. Inzwischen scheint es mir nicht mehr so furchtbar politisch inkorrekt, zu sagen: Griechenland muss raus aus dem Euro.

Diese Option ist noch immer unrealistisch. Kanzlerin Angela Merkel sagt: Scheitert der Euro, scheitert Europa.
Es gibt nur drei Möglichkeiten. Erstens, wir machen so weiter wie bisher. Das wollen Frau Merkel und Herr Sarkozy – nach dem Motto: Abwarten, Zeit gewinnen – wir sind ja nicht ewig im Amt. Zweitens, Griechenland verlässt den Euro. Das bringt natürlich grosse Risiken mit sich, vor allem dasjenige, dass übermorgen Portugal und Frankreich auf der Matte stehen.

Und die dritte Möglichkeit?
Die starken Nordländer Deutschland, Österreich, Luxemburg, Finnland und Holland verlassen den Euro. Das ist meine präferierte Variante. Sie hat den Vorteil, dass die im Euro verbleibenden strukturschwachen Länder endlich abwerten können. Der Euro würde sofort schwächer, und die Wirtschaft dieser Länder hätte die Chance, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Das gäbe ihnen eine Wachstumsperspektive. Zurzeit wachsen diese Länder nicht mehr, es wächst nur noch die Arbeitslosigkeit. Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein Drama. In Spanien liegt sie bei 48 Prozent!

Wäre Frankreich auch im schwachen Süd-Euro?
Ja. Der Euro ist viel zu stark für Frankreich. Für mich ist Frankreich das grösste Problem überhaupt. Es ist die zweitgrösste Volkswirtschaft, und sie verfügt über keinerlei Reserven, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Denn in Frankreich gibt es keinen Mittelstand, im Gegensatz übrigens zu Italien.

Deutschland wäre der Verlierer Ihres Modells: Es könnte nicht mehr derart billig exportieren.
Die Deutschen brauchen den Euro nicht. Die exportieren heute wunderbar in alle Länder, ob mit oder ohne Euro. 60 Prozent der deutschen Exporte gehen inzwischen nicht mehr in die Euro-Zone. Natürlich profitiert Deutschland vom für sie unterbewerteten Euro. Genauso wie Griechenland, Spanien, Frankreich und andere Südländer darunter leiden, dass der Euro für sie überbewertet ist. Und diesen Ländern muss man jetzt helfen, nicht Deutschland!

Daran hat die Kanzlerin kein Interesse.
Doch. Es ist absurd, wenn Deutschland lustig in den Süden exportiert, deren Wirtschaft dort in Bedrängnis bringt – und die deutschen Steuerzahler Milliarden für die Rettung der Südstaaten bezahlen müssen! Eine absurdere Veranstaltung habe ich noch nicht erlebt.

Sie sind ein Kenner der Schweiz. Wir leiden unter dem starken Franken.
Die Schweiz ist in der Tat auch ein Opfer des Euro. Ich war gerade fünf Tage in St. Moritz und da sagen die Leute: Unsere Gäste sind jetzt leider in Österreich. Das liegt eben auch daran, dass der Euro für Österreich zu schwach ist. Die Schweiz würde sofort profitieren, wenn Österreich den Euro verlassen würde.

Die massive Aufwertung des Frankens bringt ganze Branchen in Existenznot.
Das hält die Unternehmen fit. Früher galt das auch für Deutschland: Es hatte 17 D-Mark-Aufwertungen zu verkraften, darum war unsere Industrie stets innovativ und wettbewerbsfähig. Was gegen die Frankenaufwertung hilft, ist die Weissgeldstrategie. Die Schweiz ist heute ein Währungsfluchtland. Wenn sie das nicht mehr ist, dann normalisiert sich auch der Frankenkurs. Es liegt im Interesse der Schweizer Konsumenten und der Industrie, dass die Banken kein Schwarzgeld mehr anziehen.

Wenn Sie gegen die Euro-Übernahme sind, raten Sie der Schweiz wohl auch von einem EU-Beitritt ab.
Nein. Den empfehle ich! Die beste Lösung wäre aus meiner Sicht: EU-Beitritt ohne Euro. Das könnte man aushandeln, siehe Dänemark oder Grossbritannien. Auch Singapur oder Malaysia kämen nie auf die Idee, einer grossen Währung beizutreten. Denen gehts hervorragend.

Was spricht für einen EU-Beitritt?
Ich drehe die Frage um: Was spricht eigentlich dagegen? Die Schweiz gehört doch zu Europa und hätte auch einiges mitzureden. Zurzeit müssen Sie dauernd bilateral verhandeln, das wirkt bisweilen unwürdig. Viel Geld müsste die Schweiz gar nicht zahlen. Aber richtig ist sicherlich auch: Die EU braucht die Schweiz mehr, als die Schweiz die EU braucht. Die Schweiz könnte in Brüssel ein Anwalt für den gesunden Menschenverstand sein, für Wettbewerb und Föderalismus. Die Schweizer sind ein reifes Volk. Ich kenne sie gut – seit 1995 bin ich im Verwaltungsrat von Ringier, ich verbringe regelmässig Urlaub in St. Moritz und segle auf dem Bodensee.

Heute Sonntag wird Joachim Gauck voraussichtlich zum Bundespräsidenten gewählt. Die richtige Wahl?
Sicher. Sein Thema, die Freiheit, ist unheimlich wichtig für Deutschland. Kein Politiker, keine Partei besetzt es mehr, auch nicht die FDP. Sie ist jetzt für Zentralismus und für Vergemeinschaftung von Schulden im Euro-Raum. Es gibt in Deutschland eine Armee von Anwälten für Gleichheit – die nennen das «soziale Gerechtigkeit». Angela Merkel hat die CDU sozialdemokratisiert. Keiner kämpft mehr für Freiheit. Darum sehe ich Gauck als Riesenchance – wenn er zum Sprachrohr für die Freiheit wird.

Sie legen sich mit allen Parteien an. Der «Spiegel» nannte Sie «Wutgrossbürger». Ärgert Sie dieses Etikett?
Das ist nicht einmal so falsch. Ich bin wütend über die Entwicklung beim Euro in den vergangenen 18 Monaten. Und darüber, dass die gesamte deutsche Elite die Lage so lange beschönigte und Kritiker wie mich als Populisten beschimpfte. Heute gibt mir diese Elite in der Diagnose und auch in der Prognose recht. Aber kein einziger Entscheidungsträger wagt, aus der richtigen Analyse die nötigen Schritte abzuleiten. Im kleinen Kreis geben sie mir recht, aber sie haben nicht den Mut, etwas zu tun. Man muss es leider so sagen: Unsere Elite versagt.

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