Häuser mit Hirn sparen Energie

Basler Messeturm: 30 Prozent weniger Energieverbrauch dank einer Investition von nur 30 000 Franken. Foto: Key

Basler Messeturm: 30 Prozent weniger Energieverbrauch dank einer Investition von nur 30 000 Franken. Foto: Key

Mit viel Geld will der Bundesrat Gebäudesanierungen fördern, um die Energiewende zu schaffen. Dabei gibt es eine günstigere Lösung: Mit intelligenten Gebäudesteuerungen lassen sich mindestens 15 Prozent des Energieverbrauchs einsparen.

Seit vier Jahren verbraucht das zweithöchste Gebäude der Schweiz, der Messeturm in Basel, ganze 30 Prozent weniger Energie. Ermöglicht haben es ein ISDN-Kabel und eine Portion Intelligenz. Über die schnelle Telefonleitung werden die Wetterprognosen von Meteo Schweiz in das bestehende Gebäudetechniksystem eingespeist. Dieses fährt automatisch die Heizung herunter, wenn ein warmer Tag mit hoher Sonneneinstrahlung erwartet wird. Auch Lüftung und Kühlung werden angepasst.

Für die 30-prozentige Energieeinsparung war kein einziges neues Gerät nötig, nur ein Software-Programm. Kostenpunkt: 30 000 Franken.

Doch bei der Energiewende setzt der Bundesrat auf Beton statt Hirn. In seiner Energiestrategie, die er diese Woche verabschiedet hat, spielen teure Gebäudesanierungen eine zentrale Rolle. Mit der Dämmung von Fassaden will er den Energieverbrauch drosseln. Dafür sollen jährlich bis zu 525 Millionen Franken eingesetzt werden.

Die moderne Gebäudetechnik spielt im Gebäudeprogramm keine Rolle. Damit begehe der Bundesrat einen grossen Fehler, sagt Nick Beglinger, Präsident des Wirtschaftsverbandes Swisscleantech. «Das Einsparpotenzial durch moderne Gebäudesteuerungen ist enorm. Mit extrem wenigen Mitteln kann man viel Energie einsparen. Das ist einer der Bereiche, die vernachlässigt werden. Der Bundesrat hat das nicht erkannt.» Angesprochen sind aber auch die Kantone, die für die Gebäudeprogramme zuständig sind. Kein einziger fördert bisher den Einsatz intelligenter Haustechnik.

Die Zahlen geben Beglinger recht. Nebst dem Messeturm von Basel gibt es in der Schweiz etliche reale Beispiele, die zeigen, dass der Energieverbrauch allein mit besserer Gebäudetechnik deutlich vermindert werden kann. Am Hauptsitz von Siemens Building Technologies in Zug etwa wurden dadurch 40 Prozent der Heizenergie eingespart. In der Migros-Betriebszentrale in Gossau SG konnte der Energiebedarf für Wärme um 60 Prozent reduziert werden. Eine Studie der deutschen Hochschule Biberach wies nach, dass mit intelligenter Gebäudeautomation zwischen 29 und 41 Prozent des Energieverbrauchs eines Gebäudes eingespart werden können.

Für die Schweiz ergibt sich ein riesiges Einsparpotenzial. Gebäude sind hierzulande die grössten Energiefresser. Sie machen 47 Prozent des gesamten Bedarfs aus. In Industrie und Forschung ist man sich einig, dass davon mindestens 30 Prozent durch moderne Gebäudesteuerungen eingespart werden können. «Allein durch Gebäudeautomation könnte die Schweiz also ihren Energieverbrauch um 15 Prozent senken», sagt Felix Gassmann von der Basler Gebäudetechnikgruppe Sauter, die den Messeturm von Basel ausgerüstet hat. Nick Beglinger von Swisscleantech schätzt das Sparpotenzial ebenfalls auf mindestens 15 Prozent (siehe Grafik). Damit liesse sich ein Atomkraftwerk einsparen.

Noch zuversichtlicher ist der deutsche Siemens-Konzern. «Allein durch die Steuerung können je nach Gebäudetyp 15 bis 30 Prozent des Energiebedarfs eingespart werden», sagt Martin a Porta, der Europachef von Siemens Building Technologies. Siemens ist auf Hochtouren daran, neue Gebäudesteuerungen zu entwickeln, in denen vorausschauende Elemente wie Wettervorhersagen oder die Raumbelegung eine Hauptrolle spielen. Zusammen mit der ETH Zürich sind mehrere Praxistests im Gang. Das berühmteste Beispiel ist die Monte-Rosa-Hütte bei Zermatt. Dank intelligenter Gebäudesteuerung und Architektur erreicht sie mitten im Hochgebirge auf 2883 Metern über Meer einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent.

Seit Herbst 2011 erprobt Siemens das System im Hauptsitz des Biotech-Unternehmens Actelion in Allschwil BL. Das ganze fünfstöckige Bürogebäude wurde mit Sensoren ausgestattet, die alle wichtigen Daten erfassen, vom Strom- und Wärmeverbrauch über die Raumtemperatur bis hin zur Anwesenheit und dem Verhalten des Personals. Damit konnte der Energiebedarf um 10 bis 15 Prozent gesenkt werden.

Nun ist das System marktreif. «Eingesetzt werden kann es überall dort, wo man im Tagesverlauf grössere Auslastungswechsel hat», sagt Martin a Porta, «also vor allem in Bürogebäuden, Hotels, Flughäfen, Schulen, Universitäten oder Spitälern». Im Markt erhofft er sich davon ein grosses Potenzial.

Wettervorhersagen und Belegungsraten sollen nun sogar den Energiebedarf von Einfamilienhäusern steuern. Die Walliser Gebäudetechnikfirma Lauber Iwisa, die beim Bau der Monte-Rosa-Hütte dabei war, entwickelt entsprechende Systeme. «In fünf Jahren sind sie marktreif», glaubt Geschäftsleiter Matthias Sulzer.

Auf dem politischen Parkett macht die Gebäudetechnikbranche derweil Druck. Sie will an die Fördertöpfe, von denen bisher nur die Gebäudehüllenbauer profitierten. Im Dezember wurde deshalb als Dachverband die Konferenz der Gebäudetechnikverbände gegründet. Zusammen mit Swisscleantech will sie darauf pochen, dass die Gebäudetechnik im Energiegesetz und in den Verordnungen verankert wird.

Einer ihrer Vertreter ist Jürgen Baumann von Siemens. «Die Gebäudetechnik spielt in der Energiestrategie nicht die Rolle, die sie eigentlich haben sollte», kritisiert er den Bundesrat. «Man geht wieder die üblichen Wege, nämlich auf Gebäudeisolation zu setzen. Das ist unverständlich, weil Gebäudeisolationen viel teurer und weniger rentabel sind als eine verbesserte Gebäudeautomation.»

Zwei Hauptforderungen vertritt die neue Branchen-Lobby: Hausbesitzer, die auf moderne Gebäudetechnik setzen, sollen Subventionen erhalten. Zugleich soll jeder Besitzer verpflichtet werden, die Gebäudetechnik in seinem Haus von einem Inspektor überprüfen zu lassen und wenn nötig instand zu setzen.

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