Für den Schweizer Detailhandel geht es in den nächsten zwei Wochen um alles. Ein guter Weihnachtsverkauf entscheidet bei vielen Geschäften über einen positiven oder negativen Jahresabschluss. Doch obwohl das Portemonnaie in der Adventszeit bei vielen Konsumenten lockerer sitzt, hängen in vielen Schaufenstern schon jetzt Rabatt-Schilder: 10 Prozent. 20 Prozent. 30 Prozent. Zum Teil gibt es die Waren sogar zum halben Preis. Die Preisnachlässe sind ein Zeichen der Nervosität, die im Markt herrscht. Schlägt einer ab, schlagen alle ab.

Philippe Gaydoul, Inhaber der Schuhkette Navyboot und Ex-Besitzer des Discounters Denner, lanciert angesichts der ständigen Rabattschlacht just vor Weihnachten eine brisante Idee: «Man muss sich fragen, ob es nicht wieder einen gesetzlich geregelten Ausverkauf bräuchte, so wie früher, als nur zwei Ausverkaufsphasen pro Jahr bewilligt wurden. Ich meine Ja.»

Tatsächlich war der Sonderverkauf bis im Jahr 1995 «amtlich bewilligt» und fand jeweils im Januar und Februar sowie im Juli und August für maximal drei Wochen statt. Doch dann wurde das Bundesgesetz gegen unlauteren Wettbewerb im Zuge eines Revitalisierungsprogramms der Schweizer Wirtschaft angepasst. Seither sind den Händlern bei der Aktions-Festlegung keine Grenzen mehr gesetzt.

Unterstützung erhält Philippe Gaydoul von Thomas Herbert, Chef der Globus-Gruppe der Migros, zu der auch das Modehaus Schild gehört. «Alle Händler wären froh, wenn der Ausverkauf reguliert würde wie früher.» Die Margen seien schon jetzt nicht gross, und durch die ständige Aktionitis würden sie noch kleiner.

Milan Prenosil, Inhaber der Sprüngli-Confiserien und Präsident der City-Vereinigung Zürich, die zahlreiche Geschäftsvereinigungen vertritt, bläst ins gleiche Horn. «Heute herrscht ein absolutes Chaos bei den Rabatten. Nichts gegen Wettbewerb und Preisnachlässe, aber bitte kontrolliert!» Es habe eine Tendenz Einzug gehalten, wonach nur günstig gut sei.

Der Aufruf aus der Ecke von Gaydoul und Herbert kommt insofern nicht überraschend, als die Modehändler seit Jahren besonders stark leiden. Navyboot schreibt 2015 Verluste. Renommierte Geschäfte wie Companys, Jeans & Co. oder Bernie’s mussten ganz oder zumindest einen Grossteil ihres Filialnetzes aufgeben. Sogar Luxus-Traditionsunternehmen wie das Pelzparadies Wyssbrod an der Zürcher Bahnhofstrasse und Filialen der Boutique-Königin Trudie Götz mussten dran glauben. «Die Situation im Detailhandel bereitet mir grosse Sorgen, da die aktuellen Schliessungs- und Konkursmeldungen aus meiner Sicht erst der Anfang sind. 2016 kommt es noch schlimmer.»

Die negative Entwicklung werde durch eine Kumulierung von Gründen rasant vorangetrieben, sagt Gaydoul. Er nennt die Aufhebung des Mindestkurses, das warme und trockene Wetter, die Abwanderung ins Onlinegeschäft, die Marktbereinigung. Und: «Der ruinöse Trend zum ständigen Ausverkauf.» Gleichzeitig dürfen sich die Händler aber nicht auf eine Wiedereinführung des geregelten Ausverkaufs oder andere Lösungen verlassen, sondern jeder müsse sein eigenes Profil konsequent schärfen und die Kostenstruktur durchleuchten.

Sandra Wöhlert, Analystin beim Marktforscher GfK, nennt den amtlich regulierten Ausverkauf «eine zu prüfende Möglichkeit». Denn der November sei für die Schweizer Modehändler der bisher schlechteste Monat 2015 gewesen im Vergleich zur Vorjahresperiode. «Und der Dezember ist wegen des relativ warmen und trockenen Wetters ebenfalls nicht sehr gut angelaufen.» GfK hat inzwischen die Jahresendprognose nach unten korrigiert. Neu rechnet Wöhlert bis Ende Jahr mit einem Minus von 3 bis 4 Prozent. Die Globus-Gruppe liegt zurzeit laut Thomas Herbert gar 5 Prozent unter Vorjahr. Es bleibt das Hoffen auf die grosse Bescherung zum Jahresende.

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbands, hat hingegen kein Verständnis für die Forderung der Modehändler. «Für die Unternehmen ist es in jedem Fall sinnvoller, wenn sie frei und nach unternehmerischen Kriterien entscheiden können, ob sie Sonderangebote und Rabatte gewähren wollen oder nicht.» Der Unternehmer kenne den Markt und müsse seine Angebote darauf ausrichten können. Staatliche Regulierungen, welche die freie Preisgestaltung einschränken würden, wären laut Bigler «ungerechtfertigte Eingriffe in die Wirtschaftsfreiheit». Als Beispiel nennt er den Fall eines Wintersportgeschäfts: «Wenn wegen Schneemangels die Ski schlecht verkauft werden, muss der Händler die Preise senken können, um Anreize zu schaffen. Es wäre für ihn völlig unsinnig und schädlich, zwei oder drei Wochen auf ein Okay zu Rabatten eines Amtes warten zu müssen.»

Rückendeckung für Biglers ablehnende Haltung gibt es von der Interessensgemeinschaft Detailhandel, zu der Coop, Migros, Denner und Manor gehören und 2006 vom damaligen Denner-Chef Gaydoul mitinitiiert worden war. «Eine Wieder-Regulierung des Sonderverkaufs durch den Gesetzgeber ist nicht in unserem Interesse», sagt Geschäftsführer Patrick Marty, sie würde der erfolgreichen liberalen Schweizer Wirtschaftsordnung entgegenwirken und die unternehmerischen Freiheiten einschränken. «Das ist ihre offizielle Haltung», sagt ein bekannter Modehändler, der nicht genannt werden will. «Aber ich bin mir sicher, insgeheim wären auch Migros und Coop über eine Rabatt-Regulierung gottenfroh.»

Max Manuel Vögele, Inhaber der in dritter Generation geführten Familienfirma Vögele Shoes, glaubt ebenfalls, dass der geordnete Sonderverkauf besser war. «Aber ich habe meine Zweifel, ob er heute noch funktionieren würde. Denn wir alle haben den Kunden zur ständigen Schnäppchenjagd herangezogen.» Die Händler würden tief in diesem Teufelskreis drinstecken. «Dass wir da je wieder rauskommen, bezweifle ich.» In den Vögele-Filialen gibt es dieser Tage 30 Prozent Rabatt auf Winterstiefel. Im Dezember.

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