Die Schweizer Pelzindustrie ist auf dem Weg, ihr bestes Jahr seit 1992 zu erreichen. Total wird sie dieses Jahr über 440 Tonnen an Pelzen importieren, wenn der aktuelle Trend hält. Die Branche ist zurück, Pelz wieder Mode. Die Schweiz liebt pelzige Bommel und Kapuzenumrandungen bei Parkas.

Thomas Aus der Au, Vizepräsident des Branchenverbands Swissfur, freut sich: «Vor allem junge Kunden entdecken Pelze neu.» Sie würden für Kapuzenfelle bei ihm im Geschäft bis zu 400 Franken ausgeben. Die Unter-30-Jährigen hätten oft Bilder von Berühmtheiten in Modemagazinen als Beispiel dabei. Celebrities wie Kim Kardashian, Kanye West oder Beyoncé posieren auf sozialen Medien regelmässig mit pompöser Pelzmode.

Dabei war Pelz vor wenigen Jahren verpönt, galt als dekadent. Tierschützer schienen den Ruf ein für alle Mal ruiniert zu haben. Pelztragende Stars wurden mit Farbe übergossen. Videos von lebend gehäuteten Marderhunden machten die Runde. Bis 2007 importierte die Schweiz weniger als die Hälfte der heutigen Pelzmenge.

Den Weg aus der Ächtung wiesen Modedesigner. «Sie beharrten darauf, Pelz verarbeiten zu dürfen. Weil es elegant und natürlich sei und sich von normalen Stoffen abhebe», sagt Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta. So fand der Pelz eine neue Bestimmung als Verzierung von Mänteln, Jacken oder Kappen. «Das rettete die Pelzbranche.»

China gab zusätzlichen Schub. Der Einstieg der aufstrebenden Wirtschaftsmacht in die Fellproduktion liess die Preise kollabieren, Pelz wurde für jedermann erschwinglich. Die letzten Hemmungen nahm der Kunstpelz. «Echter und falscher Pelz lassen sich nicht mehr mit blossem Auge unterscheiden. Da schämt sich niemand mehr für Pelz», sagt Haferbeck.

Mit Eisenstangen getötet
Ein Grossteil der globalen Fellproduktion kommt heute aus China. Marderhunde, Nerze oder Füchse werden dort oft auf riesigen Pelzfarmen in engen Käfigen gehalten, wie ein Dokumentarfilm des Norddeutschen Rundfunks zeigt. Zur «Ernte» werden sie mit Eisenstangen getötet. Es muss schnell gehen – die Arbeiter werden pro Tötung bezahlt –, sodass viele Tiere noch leben, wenn ihnen die Haut abgezogen wird.

Die Gerbung geschieht ebenso in China, wobei die Chemikalien vielfach auf fahrlässige Weise eingesetzt werden. Schliesslich landen die Felle auf Pelzmessen in Kopenhagen, Helsinki oder Moskau, wo sich wiederum die globalen Modeketten eindecken. Mäntel mit Echtpelz verkaufen gemäss Peta etwa Marken wie die deutsche Bogner oder die britische Burberry. In der Schweiz steht zum Beispiel der Modehändler Bongenie-Grieder zu seinem pelzigen Sortiment: «Möchten unsere Kunden Pelz, sollen sie ihn bei uns auch finden», sagt eine Sprecherin.

Doch eine Gegenbewegung gibt es auch. Als erstes Land hat sich die Schweiz eine Deklarationspflicht für jedes echte Pelzprodukt auferlegt bezüglich Tierart, Herkunft und Gewinnungsart. Im Parlament sind Vorstösse hängig, die Importe aus tierquälerischer Produktion verbieten wollen.

Modehändler verzichten auf Pelz, auch wenn dies Geld kostet. Das Modehaus PKZ hat sich entschlossen, für die Winterkollektion keinen Pelz mehr aus China oder Russland einzukaufen. Der Chef des Migros-Warenhauses Globus, Thomas Herbert, verkündete, man werde Pelze aus dem Sortiment nehmen. «Pelztiere aus einer Zucht leben nie auch nur annähernd artgerecht», sagte Herbert in der «Berner Zeitung». Kunstpelz fühle sich fast gleich an wie echter, nur müsse man dabei kein schlechtes Gewissen haben.

Thomas Aus der Au vom Branchenverband Swissfur hält dagegen: Natürlicher Pelz sei sinnvoller als synthetischer, der mithilfe von Erdöl produziert werde. «Pelz ist ein Naturprodukt und stammt oft aus der Jagd zur Bestandsregulierung wie im Fall der Rotfüchse. Ansonsten würden diese Naturprodukte verbrannt.» Der Pelz sei zeitweise zu Unrecht in Ungnade geraten aufgrund einzelner Beispiele, bei denen die Tierhaltung nicht gerecht sei.

Kunstpelze; Pelze von Füchsen, die ohnehin getötet würden: In den Augen von Tierschützern wird damit bloss das Pelztragen beworben. «Der Käufer gibt damit ein Signal: Pelztragen ist okay», sagt Helen Sandmeier vom Schweizer Tierschutz. «Dadurch wird es auch leichter, wieder echten Pelz zu verkaufen, egal wie das Tier gelitten hat.» Oftmals geschehe dies betrügerisch, wenn echter Pelz als falscher ausgegeben werde. «Echtpelz ist heute dermassen billig, dass sich dies lohnt.»

Pelz-Verbot im Vegi-Club
Einen ganzen Pelzmantel würden sie niemals tragen, gegen eine kleine Verbrämung oder einen Bommel hingegen hätten sie nichts. So argumentieren viele Pelzträger. «Die Konsumenten übersehen die schiere Masse an solchen pelzigen Verzierungen», sagt Sandmeier. Es würden heute mindestens genauso viele Tiere für ihren Pelz sterben wie vor fünf oder zehn Jahren.

Dem Pelz-Boom steht der Vegi-Trend gegenüber, wie ihn die Zürcher Restaurant-Kette Hiltl zelebriert. Vor zwei Jahren entschied Geschäftsführer Rolf Hiltl: Echter Pelz darf nicht in den Hiltl- Club rein, auch kein pelziger Bommel. Das Personal wurde vom Tierschutz geschult, um echten Pelz zu erkennen – und greift durch: «An kalten Samstagen, wenn Mantel getragen wird, weisen wir durchschnittlich 80 Gäste ab.» Fast die Hälfte davon wolle diskutieren, werde wütend oder frech. Das sei früher anders gewesen. Dennoch zeigten viele Gäste Verständnis: «Sie gratulieren uns, dass wir ein Zeichen setzen.»

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