Gezänk um kaputte Herzen

Thierry Carrel, Direktor der Herzklinik am Inselspital Bern, sucht das Gespräch mit Fribourg. Foto: Remo Naegeli/EQ Images

Thierry Carrel, Direktor der Herzklinik am Inselspital Bern, sucht das Gespräch mit Fribourg. Foto: Remo Naegeli/EQ Images

In der Schweiz trauen sich zu viele kleine Spitäler an hochkomplexe Eingriffe. Doch ihre Chirurgen haben zu wenig Übung. Nun will Fribourg noch eine «Mini-Herz-Chirurgie» aufbauen.

Mit dem Universitätsspital Zürich hat das Berner Inselspital seine legendär bittere Rivalität begraben. Neuerdings pflegt man eine freundliche Koexistenz. Hingegen reibt sich das Inselspital offenbar noch immer am Konkurrenten vom CHUV Lausanne. In den Wettbewerb mischt sich gemäss Branchenkennern persönliche Rivalität zwischen Thierry Carrel, Direktor am Insel-Herzzentrum, und seinem Pendant am CHUV Lausanne, René Prêtre.

Die Konkurrenten bekämpfen sich indessen nicht direkt. Stattdessen führen die beiden Top-Herzzentren eine Art von Stellvertreter-Krieg an einem Schauplatz, der im Vergleich eigentlich zur schweizerischen Medizin-Provinz zählt. Im Kanton Fribourg nämlich will das Kantonsspital HFR eine eigene Herzchirurgie aufbauen und ist dafür – sehr zum Ärger des Inselspital Berns – eine Kooperation mit dem CHUV eingegangen.

Fribourg selbst ist für einen Alleingang zu klein. Daher holte es sich Expertise und Erfahrung aus dem CHUV Lausanne. Gefolgsleute von Thierry Carrel liessen an dem Entscheid ursprünglich kein gutes Haar. Fribourg habe von Anfang an auf das CHUV gesetzt, kritisierten sie hinter den Kulissen. Angebote seien gar nicht erst eingeholt worden. Wirtschaftlichkeit und Qualität seien somit nicht berücksichtigt worden. Und ohnehin schaffe der Aufbau eines weiteren Herzzentrums noch mehr Überkapazitäten in der überversorgten Schweiz.

In der Gesundheitsbranche sehen Insider das Vorgehen von Fribourg nicht ganz so kritisch. Das HFR sei nicht verpflichtet gewesen, heisst es, für die Kooperation von anderen Spitälern noch Angebote einzuholen. «Gesetzliche Vorgaben gibt es dazu keine.» Aber Fribourgs Vorgehen sei zugegebenermassen nicht vorbildlich gewesen.

Mittlerweile hat Thierry Carrel offenbar eine diplomatische Initiative gestartet. Der berühmte Herzchirurg sucht nun das Gespräch mit Fribourg. Allzu viel Charme wendet er indessen nicht an, er wählt schroffe Worte. Es würde in Kürze Gespräche geben, sagt Carrel zur «Schweiz am Sonntag» und gibt gleich den Tarif durch: «Das Inselspital ist nach wie vor der Auffassung, dass ein schweizweites Überangebot an herzchirurgischen Kliniken besteht. Eine Neugründung einer weiteren Mini-Herzchirurgie in Freiburg ist nicht sinnvoll.»

Offenbar will Carrel den Fribourgern stattdessen einen Mittelweg schmackhaft machen. Das Inselspital werde einen Vorschlag zur Zusammenarbeit vorlegen. Dieses «intelligente Konzept» gehe auf die Bedürfnisse von Fribourg nach einer herzchirurgischen Versorgung durchaus ein. «Ohne Überkapazitäten zu schaffen.» Ob Fribourg sich darauf einlässt, wird man in den nächsten Wochen erfahren.

Wie es in der Medizin nun einmal ist, geht es bei diesem Streit um mehr als persönliche Rivalitäten. Patienten haben nach hochkomplexen Eingriffen bessere Chancen, wenn der Chirurg und sein Team mehr Übung haben. Wie viele Eingriffe ein Chirurg jährlich vornimmt, ist ein entscheidendes Qualitätskriterium. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) drängt daher im Rahmen von «Gesundheit 2020» darauf, hochkomplexe Eingriffe auf wenige Zentren zu konzentrieren. Die Kantone sind an sich gesetzlich verpflichtet, nicht nach kantonalen Wirtschaftsinteressen zu planen, sondern gesamtschweizerisch zu denken.

Doch der Aufbau eines neuen Herzzentrums in Fribourg scheint diesen Zielen entgegenzulaufen. Dass die ganze Schweiz in der Spitalplanung noch einen weiten Weg zurückzulegen hat, haben zuletzt neue Zahlen des BAG gezeigt. Das Bundesamt hat kürzlich die «Qualitätsindikatoren der Schweizer Akutspitäler» aufdatiert. Aus den Zahlen für 2013 lässt sich entnehmen, dass sich in der Schweiz noch immer kleine Spitäler an äusserst heikle Operationen wagen. Einige haben im Jahr 2013 beispielsweise die Entfernungen der Bauchspeicheldrüse bloss ein einziges Mal vorgenommen.

Die Entfernung von Bauchspeicheldrüsen ist heikel. Chirurgen müssen dafür zweieinhalb bis vier Stunden lang operieren. Die Gefahr von Blutungen oder undichten Nähten ist gross. Der Gesundheitsökonom Heinz Locher kritisiert solche Spitäler daher schon seit langem. «Wenn Chirurgen bloss alle paar Monate praktische Erfahrung sammeln können, ist das zu wenig. Das ist Gelegenheitschirurgie.» Der Kanton Zürich habe nicht von ungefähr für bestimmte komplexe Operationen eine Mindestzahl von jährlich zehn Operationen vorgeschrieben.»

Hingegen sieht Locher in den neusten Qualitätsindikatoren des BAG einen Fortschritt. «Damit können sich Hausärzte und Patienten etwas besser informieren. Das ist ein guter Schritt des BAG.» Locher schränkt jedoch gleich wieder ein: «Ein entscheidender Schritt ist es nicht.» Schweizer Patienten könnten sich mitnichten auf einfache Weise über die Qualität ihrer Spitäler informieren. «Mittlerweile gibt zwar es einige Daten, aber sie sind verstreut über mehrere Institutionen und werden nirgendwo leicht verständlich aufbereitet.» Von Argumenten der Gegner solcher Spitäler-Ratings hält Locher wenig. «Mag sein, dass Patienten sich solche Ratings nicht anschauen. Aber ihre Hausärzte wären dazu verpflichtet.»

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