Gazprom strebt in die Schweiz

Greenpeace-Protest gegen Gazprom am 1. Oktober in Basel. Foto: Keystone

Greenpeace-Protest gegen Gazprom am 1. Oktober in Basel. Foto: Keystone

Hinter den Kulissen verhandelt der weltweit grösste Erdgasförderer Gazprom mit ersten Schweizer Kunden. Und engagiert sich als Sponsor.

Vor den Augen der Fussballprofis seilten sich am Dienstag vor einer Woche Greenpeace-Aktivisten vom Dach des Basler St.-Jakob-Stadions ab und protestierten mit einem riesigen Transparent gegen den russischen Uefa- und Schalke-Sponsor Gazprom und dessen Ölbohrungen in der Arktis.

Davon lässt sich Gazprom nicht beirren. Im Gegenteil: Gemäss Recherchen der «Schweiz am Sonntag» plant der grösste Erdgasförderkonzern der Welt (343 000 Mitarbeiter, 38 Milliarden Dollar Gewinn) eine Schweiz-Offensive. Er ist im Gespräch mit möglichen Schweizer Abnehmern für sein Gas. «Wir haben aus der Schweiz mehrere Nachfragen von Stadt- und Regionalwerken und grossen Unternehmen, die interessant sind», bestätigt Pressesprecher Bernhard Woelki. «Wir prüfen das. Wenn es interessante Möglichkeiten gibt, in der Schweiz Gas zu verkaufen, werden wir das machen.»

Seit Oktober 2012 ist der Schweizer Gasmarkt für Lieferanten interessanter geworden. Denn neu dürfen Grosskunden ihren Versorger frei wählen. Laut Woelki hängt der Einstieg in den Schweizer Markt von drei Faktoren ab: den Preisen, welche die Kunden zu zahlen bereit sind, der Grössenordnung der möglichen Lieferungen und den Vertragslaufzeiten. Sprich: Gazprom möchte nur in die Schweiz liefern, wenn sich die Kunden vertraglich verpflichten, während mehrerer Jahre grosse Mengen russischen Gases abzunehmen.

Vorsorglich startet Gazprom schon mal eine Charmeoffensive. Erstmals ist sie in der Schweiz ein grösseres Sponsoringengagement eingegangen. Nächsten Samstag beginnt in Zürich das neue Klassikfestival «Die vier Jahreszeiten». Als Hauptsponsorin amtet die Gazprom Schweiz AG. Im kommenden Jahr sponsort sie auch die neue Konzertreihe «Russische Virtuosen verzaubern Zürich».

Auch ein Einstieg ins Sportsponsoring in der Schweiz sei denkbar, sagt Bernhard Woelki. «Nichts ist ausgeschlossen.» In Basel kursiert das Gerücht, Gazprom wolle den FC Basel sponsern. FCB-Präsident Bernhard Heusler hat davon keine Kenntnis. Gazprom-Sprecher Woelki sagt, «momentan» sei das kein Thema. Für die Zukunft will er es aber nicht ausschliessen. «Das hängt von der Businessentwicklung ab.»

Die Schweiz spielt für Gazprom zunehmend eine zentrale Rolle. Hier befinden sich einige der wichtigsten Tochtergesellschaften. Von Zürich aus kontrolliert die Gazprom Schweiz AG die gesamte Gasbeschaffung in Zentralasien und dem Kaukasus. Einen Fünftel dieses Gases verkauft sie direkt nach Mittel- und Osteuropa, der grosse Rest wird von Gazprom Export in Moskau übernommen. Fürs vergangene Jahr weist Gazprom Schweiz einen Umsatz von 9,2 Milliarden Franken und einen Reingewinn von 55 Millionen Franken aus. Sie beschäftigt mitten im Bankenzentrum von Zürich 28 Mitarbeiter. Pikant: Verwaltungsratspräsident von Gazprom Schweiz ist der ehemalige Stasi-Offizier Matthias Warnig. Er soll den russischen Staatspräsidenten Putin in der DDR kennen gelernt haben, als dieser dem russischen Geheimdienst KGB angehörte und Moskaus Mann in Dresden war.

Gleich eine ganze Reihe von Gazprom-Gesellschaften operiert von Zug aus. Die Gazprom Marketing & Trading Switzerland AG wickelt den Gashandel mit Westeuropa ab. RosUkrEnergo, ein Joint-Venture mit der ukrainisch kontrollierten Centragas Holding, ist für den Gashandel zwischen Russland und der Ukraine zuständig. Die Shtokman Development AG plant eine umstrittene Gasförderung in der Arktis.

Zwei Schlüsselprojekte von Gazprom werden ebenfalls von Zug aus gemanagt: Die South Stream Serbia AG ist für den serbischen Abschnitt einer Pipeline zuständig, durch die künftig russisches Gas via Schwarzes Meer nach Italien und Österreich fliessen soll. Die Nord Stream AG betreibt die gleichnamige Pipeline, die russisches Erdgas durch die Ostsee nach Deutschland transportiert. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder ist Präsident des Aktionärsausschusses der Gesellschaft.

Auch hier spielt eine alte DDR-Seilschaft: Einziges Mitglied des Verwaltungsrates ist der Zuger Anwalt Urs Hausheer, der in den Achtzigerjahren im Verwaltungsrat eines Unternehmens sass, das die Stasi mit technischen Produkten belieferte.

In Baar ist die Gas Project Development Central Asia AG ansässig, ein Joint-Venture mit der Gashandelsgesellschaft Centrex, die der Gazprombank gehört. Diese wiederum unterhält in Zürich eine Schweizer Tochtergesellschaft, die im nächsten Coup von Gazprom eine Rolle spielen dürfte: Nun will der russische Riese den Schweizer Kapitalmarkt anzapfen. Erst am Donnerstag meldete die Agentur «Bloomberg», Gazprom habe die UBS, die französische BNP Paribas und die Gazprombank mit der Ausgabe einer Anleihe in Schweizer Franken beauftragt – der ersten seit 2009.

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