Lange schwieg Economiesuisse zu den Folgen des Super-GAUs in Fukushima auf die Schweizer Energiepolitik. Jetzt liegt ein Positionspapier des Spitzenverbands der Schweizer Wirtschaft vor. Darin zeigt er seine Perspektiven auf mit einer überraschenden Distanzierung zur Kernenergie: Statt auf ein neues Atomkraftwerk zu setzen, propagiert der Verband den Bau von drei Gaskraftwerken bis ins Jahr 2020. Die Positionierung ist insofern brisant, da im Verband wichtige Energiekonzerne der Schweiz vertreten sind. Zudem sitzt Axpo-Chef Heinz Karrer im Vorstand, Alpiq-Verwaltungsratspräsident Hans Schweickardt gar im innersten Machtzirkel der Vereinigung, dem Vorstandsausschuss.

Economiesuisse anerkennt, dass die Havarie in den Atommeilern von Fukushima «die Bevölkerung und die Politik in der Schweiz verunsichert hat». Für die nationalen Wahlen vom Oktober seien klare Antworten auf die Herausforderungen der zukünftigen Stromversorgung gefragt. «So viel ist klar: Die Stromversorgung befindet sich schon jetzt im Winterhalbjahr in einer Schieflage. Ohne valable Alternativen aus der Kernenergie auszusteigen, wäre daher unverantwortlich und mit einschneidenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft verbunden.»

Die Schweiz verbraucht jedes Jahr mehr Strom. 2010 kletterte der Verbrauch um 4 Prozent auf die neue Rekordmarke von 59,8 Milliarden Kilowattstunden. Seit 2000 ist der Stromverbrauch um 14,2 Prozent gestiegen; seit 1990 gar um 28,4 Prozent. Die Importe zu erhöhen, geht aus Sicht des Wirtschaftsverbandes nicht mehr. «Gegenüber früheren Überlegungen wird sich die Versorgung der Schweiz nur noch sehr beschränkt auf Importe verlassen können», schreibt der Verband. Der Hauptgrund ist Deutschland, das durch die Abschaltung von sieben Reaktoren selbst auf Importe angewiesen ist.

Die zentrale Frage für Economiesuisse ist nun, wie «die Schweiz ihre Versorgung selber sicherstellen» kann. In den nächsten zehn Jahren müssten die Kernkraftwerke Mühleberg und Beznau 1 und 2 ersetzt werden. Im Winterhalbjahr tragen diese Kraftwerke fast 15 Prozent zur Versorgung bei.

Das Papier knüpft an die so genannten Stromangebotsvarianten des Bundesrats an, die er am 23. März 2011 beschlossen hatte. Die erste Variante sieht dabei den Ersatz der drei ältesten Atomkraftwerke durch Grosskraftwerke vor. In der zweiten Variante sollen die AKW bis zum Betriebsende weiterbetrieben werden; ein Ersatz durch moderne Reaktoren ist nicht vorgesehen. Die dritte Variante verlangt den vorzeitigen Ausstieg vor Betriebsende.

Die von Economiesuisse favorisierte Lösung ist Variante eins, wobei keine neuen Atomkraftwerke gebaut beziehungsweise die bestehenden nicht ersetzt werden. «Will die Schweiz grossräumige Stromabschaltungen oder die Kontingentierung der Stromversorgung vermeiden, ist der rasche Zubau von mindestens drei Gas-Kombikraftwerken erforderlich»: «Bei Angebotsvariante drei, dem Sofortausstieg, droht der Schweiz im Winterhalbjahr eine akute Stromknappheit mit vollständigem Versorgungsunterbruch.»

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