VON PATRIK MÜLLER UND PETER BURKHARDT

In Bundesbern denken einige Politiker so, aber vor den Wahlen wagt niemand, das Szenario auszusprechen. Einer aber kann es sich leisten, die Forderung öffentlich zu äussern: «Wenn wir die endlose Aufwertung des Frankens, die Tausende Arbeitsplätze zerstört, stoppen wollen, dann sollten wir den Frankenkurs an den Euro binden», sagt der ehemalige SP-Präsident und Wirtschaftspolitiker Peter Bodenmann.

Er erlebt als Hotelier in Brig zurzeit hautnah, wie dramatisch ein Euro-Kurs von nur noch Fr. 1.25 ist. «Für unseren Tourismus hat das verheerende Folgen. Diese zeigen sich aber erst in den nächsten Monaten», prognostiziert er. Demgegenüber kenne Tourismus-Konkurrent Österreich dank Euro diese Probleme nicht.

Bodenmanns Zeuge für seine Forderung nach einem fixen Wechselkurs ist kein Geringerer als Thilo Sarrazin, der ehemalige deutsche Bundesbanker und umstrittene Bestseller-Autor. Sarrazin sagte Anfang November im «Sonntag»-Interview: «Die Nationalbank sollte die Aufwertung des Frankens verhindern. Ein stabiler Wechselkurs zum Euro wäre ein einfaches Mittel, um die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft und des Tourismus zu bewahren.»

Dass Sarrazins Vorschlag in der Schweizer Politik bislang keinen Widerhall fand, erklärt Bodenmann so: «Politik ist immer reaktiv. Erst wenn die Konsequenzen des harten Frankens sichtbar werden, wird man in Bern aufwachen.» So sei es auch in den 90er-Jahren gewesen, als erst niemand glauben wollte, dass die restriktive Nationalbank-Politik 150000 Jobs gekostet habe – «später war diese Einsicht plötzlich Allgemeingut».

Wäre es überhaupt machbar, den Wechselkurs zu fixieren? Jan-Egbert Sturm, Leiter der ETH-Konjunkturforschungsstelle, sagt: «Für ein Land wie die Schweiz wäre es sicherlich möglich, seine Währung glaubwürdig an den Euro zu koppeln. Die Niederlande und Österreich haben das über lange Zeit mit ihren Währungen gegenüber der D-Mark getan. Derzeit macht Dänemark das Gleiche mit dem Euro», so Sturm.

«Technisch gesehen hätte die Nationalbank (SNB) einzig die Aufgabe, in den Wechselkursmarkt einzugreifen, um den fixierten Wechselkurs zu halten. Wenn das klar kommuniziert und in der Folge entsprechend gehandelt wird, dann sollte das kein technisches Problem sein.» Im Jahr 2009 sei man schon relativ nahe an solch einer Situation gewesen. «Erst, als die SNB ihre Politik Richtung laufender Aufwertung anpasste, nahm die Spekulation zu und stellte sich im vergangenen Sommer wieder ein völlig flexibler Wechselkurs ein.»

Ein fixer Wechselkurshätte laut Sturm aber erhebliche Nachteile: Die Zinsen würden auf Euro-Niveau steigen. «Somit würde die Investitionsbereitschaft abnehmen. Zudem wäre es nicht mehr möglich, über die Währungspolitik die Schweizer Wirtschaft zu beeinflussen.» Sturm sieht primär politische Hindernisse: Die Schweiz sei nicht bereit, Teile ihrer Unabhängigkeit aufzugeben.

Noch weiter als Peter Bodenmann geht der frühere Freiburger Ökonomieprofessor Walter Wittmann. «Wenn der Franken dauerhaft stärker wird, muss die Schweiz den Franken aufgeben und den Euro übernehmen.» Nur so könne sie verhindern, dass Hunderttausende Arbeitsplätze in den Euroraum verlagert werden. «Es macht keinen Sinn, im Patriotismus unterzugehen. Es gibt nichts Gefährlicheres für ein kleines Land als eine eigene Währung. Das sieht man jetzt ja.»

Am wichtigsten war für die Schweiz stets der Wechselkurs gegenüber Deutschland, unserem Haupt-Handelspartner. Hier gab es in den 70er-Jahren eine starke Aufwertung des Frankens. Seither herrschte Stabilität – bis nun der Euro abstürzte. Unsere Grafik zeigt, wo die D-Mark heute stünde, wenn es sie noch gäbe und wenn sie sich so entwickelt hätte wie der Euro: Bei gerade mal

64 Franken. Massiv ist die Aufwertung des Frankens gegenüber dem Dollar. Bis 1973 stand der Franken in einem fixen Verhältnis zum Dollar. Dann stieg die Schweiz aus dem System fester Wechselkurse aus. Unser Land und Grossbritannien gingen als Erste zum Dollar-Floating über. Das Bretton-Woods-System brach schliesslich zusammen. Heute liegt der Dollar klar unter 1 Franken.

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