Selbst eine mittlere Kaderangestellte des Kantons Genf sagt, sie besichtige derzeit Wohnungen im grenznahen Frankreich. Bereits 30 000 Schweizer leben laut aktuellen Schätzungen in der «France voisine» und pendeln täglich nach Genf zur Arbeit. Unter den uniformierten Gendarmen Genfs sollen es gar zwei Drittel sein, die sich Mangels bezahlbarem Wohnraum ennet der Grenze niedergelassen haben. Viele der Schweizer «Frontaliers» behalten jedoch eine Briefkastenadresse in der Rhonestadt – wegen der tieferen Steuern sowie der besseren Schulen und Sozialwerke.

So angespannt wie in Genf sei die Situation auf dem Wohnungsmarkt sonst nirgends, sagt selbst der Direktor des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO), Ernst Hauri. Ein rund 30 Quadratmeter grosses, älteres Studio in der Innenstadt (Plainpalais) kostet 1375 Franken, was für Genf nicht sonderlich viel ist.

Um satte 20,6 Prozent sind die Durchschnitts-Neumieten allein 2012 gestiegen. Eine so grosse Zunahme wies die Mietstatistik der Stadt Genf seit 2000 noch nie aus. Eine diese Woche publizierte BWO-Studie bestätigt zudem erstmals, dass besser verdienende internationale Angestellte die Schweizer Haushalte verdrängen. Diese können sich bei einem Wohnungswechsel die Mieten schlicht nicht mehr leisten. So ist 2011 die Zahl der Schweizer Miet-Haushalte in Genf erstmals zurückgegangen, während es knapp 6 Prozent mehr ausländische Mieter gibt. «Wir gehen davon aus, dass viele Genfer ausweichen und Wohneigentum in den angrenzenden Regionen Nyon und Morges sowie in Frankreich erwerben», sagt Hauri.

Die Immobilienmaklerin Aïcha Arrighi macht sich diesen Trend zunutze und hat sich auf französische Objekte im Genfer Grenzgebiet spezialisiert. Ihre Agentur IFA hat die Büros 50 Meter hinter der Schweizer Grenze und nahezu 100 Prozent Schweizer Kunden. Vergleichbare Objekte würden im französischen Grenzgebiet rund 40 Prozent weniger kosten als in Genf, sagt sie. Doch hätten sich auch diese Immobilien wegen des Nachfragedrucks stark verteuert.

In Genf ist die Situation nicht besser: «Die Immobilienpreise in Genf befinden sich auf einem Höhepunkt», sagt Immobilienexperte Stefan Fahrländer. Der Markt in der Genfersee-Region sei ausgetrocknet, die Nachfrage aber stark. «Entsprechend sind die Preise in den vergangenen Jahren extrem gestiegen.»

Beim Kauf einer mittleren Eigentumswohnung lagen diese im Kanton Genf im Juni 15,5 Prozent über dem Vorjahreswert. Damit ist der Preisanstieg mehr als doppelt so gross wie in Stadt und Region Zürich, wie die Indizes des Raumentwicklungsbüros Fahrländer Partner zeigen. Eine Eigentumswohnung in Genfs Cité-Centre ist denn auch rund 15 Prozent teurer als im Kreis 1 in Zürich. «Die Attraktivität von Genf führt in immer weiter entfernten Regionen zu Preisanstiegen», erklärt Fahrländer weiter. In den angrenzenden waadtländischen Bezirken Nyon und Morges gebe es deshalb starke Preiserhöhungen.

Doch den Höhepunkt hat der Immobilienboom in Genf laut Makler Pierre Hagmann bereits überschritten. Laut dem Direktor der Agentur Naef Prestige, die zusammen mit elf anderen Büros nach eigenen Angaben über die Hälfte des Genfer Vermittlungsmarktes kontrolliert, hat sich die Situation seit Anfang Jahr deutlich verändert. «Wir sehen klar, dass die Banken ihre Immobilienschätzungen nach unten korrigieren.» Hagmann berichtet von einem Kunden, dessen Bank im Februar die Finanzierung eines 2-Millionen-Franken-Objekts zugesagt und nun einen Rückzieher gemacht habe. Ende Juni bezifferte dieselbe Bank den Wert der Immobilie nur noch auf 1,85 Millionen Franken und kürzte den Belehnungsgrad zudem von 80 auf 75 Prozent, so Hagmann.

«Wir sehen, dass die Banken im Arc Lémanique bei der Hypothekenvergabe deutlich vorsichtiger geworden sind und mehr auf die Tragbarkeit schauen. Die Banken weisen die Kaufinteressenten vermehrt auf die exorbitanten Preise hin», bestätigt Fahrländer. Der Grund dafür sind unter anderem die per 1. Juli verschärften Richtlinien für die Benutzung von Pensionskassengeldern für den Hauskauf sowie weitere Einschränkungen, die 2013 in Kraft treten sollen.

Für Immobilienmakler Hagmann bedeutet dies, dass sich Kaufinteressenten und Käufer häufiger nicht mehr über den Preis einig werden. Im Durchschnitt gehe ein Objekt mittlerweile rund 15 Prozent unter dem angegebenen Verkaufspreis weg. Bei Objekten mit einem Wert von über 5 Millionen betrage der Abschlag gar 20 Prozent und mehr. In diesem Segment sind rund 75 Prozent der Kunden von Naef Prestige Rohstoffhändler, die sich mit Vorliebe an der «Rive gauche» niederlassen, wie etwa dem Nobelvorort Cologny.

«Nach zwölf Jahren Boom sehen wir nun deutlich eine Preiskorrektur kommen», sagt Hagmann. Da sich weniger internationale Firmen ansiedelten, werde die Nachfrage zudem gebremst. Bereits lehne er zahlreiche Mandate ab, da die Immobilienbesitzer zu hohe Preise erwarten würden.

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