Puerto Rico bedeutet auf Deutsch «reicher Hafen». Das war einmal, vor über 500 Jahren, als die kleine Karibikinsel einer der wichtigsten Stützpunkte der spanischen Krone in der Neuen Welt war. Puerto Rico war reich. Gold und Sklaven wurden über den Hafen von San Juan in alle Welt geschifft. Heute ist das Land pleite.

Und das ist ein Problem für die UBS. Die Grossbank ist seit 50 Jahren auf der Insel präsent und macht gute Geschäfte. So verkaufte sie den Inselbewohnern unzählige Wertpapiere, die heute massiv weniger Wert sind. Gemäss Schätzungen brachte die UBS Titel im Umfang von 10 bis 15 Milliarden Dollar unter die Insulaner. Eine beträchtliche Summe für das kleine Land mit knapp 3,5 Millionen Einwohnern. Pro Kopf der Bevölkerung entspricht das etwa 3000 US-Dollar. Angesichts eines Medianeinkommens von 20 000 Dollar pro Jahr ist das kein Pappenstiel.

Viele UBS-Kunden von Puerto Rico nehmen das der Bank übel. Sie schlossen sich zusammen und klagen gegen die UBS. In vielen Fällen musste die Grossbank die Verluste decken. In anderen nicht. US-Anwälte wittern das grosse Geschäft: Insgesamt fordern geschädigte Insulaner die Summe von über eine Milliarde Dollar zurück. Die Maschinerie ist in den letzten Wochen ins Rollen geraten.

Puerto Rico ist zwar kein offizieller Bundesstaat der USA, aber als sogenanntes nichtinkorporiertes Aussengebiet im Einflussbereich der klagefreudigen Amerikaner. So sind es denn vor allem US-Kanzleien, die Druck auf die UBS ausüben. Auch die Finanzaufsicht ist stark von den USA geprägt, da das Land den US-Dollar als Währung besitzt.

Die UBS hat bereits Geld zurückgestellt für die Rechtsfälle. Es dürften deutlich mehr als 100 Millionen sein. Ein Anhaltspunkt liefern die 64 Millionen Franken, welche die Bank in ihrem Bereich Vermögensverwaltung America allein im zweiten Quartal 2015 neu gebildet hat, wie CEO Sergio Ermotti im Halbjahresbericht verkünden musste.

Die Papiere, welche die UBS verkaufte, waren auf die Bewohner der Insel zugeschnitten. Die lokale Regierung startete vor Jahren ein Infrastrukturprogramm und gab im grossen Stil Anleihen heraus. Die UBS goss diese Anleihen in Fondsprodukte, die einen fixen Zins abwarfen. Die Fonds besassen ein entscheidendes Verkaufsargument: Die Erträge waren steuerfrei.

Das war rechtens, ja gewünscht. Denn die Regierung von Puerto Rico wollte Anreize schaffen, Investitionen anzukurbeln. Sie setzte die Latte für Steuerbefreiung allerdings hoch: Mindestens drei Viertel der Anlagen in den Fonds mussten in lokale Projekte fliessen. Den Rest füllten die Portfolio-Manager mit USA-Obligationen auf, um ein Mindestmass an Diversifizierung zu erreichen.

Doch der grosse Klumpen in den Fonds war ein buntes Sammelsurium von Schuldpapieren, darunter von Gemeinden, Strassenprojekten oder verbrieften Steuerforderungen. Die Produkte besassen zwar das Gütesiegel der UBS, doch in ihnen steckte Karibik. Puerto Rico besass als Schuldner zwar lange eine saubere Weste und konnte seine Schulden stets zurückzahlen. Doch die Kreditwürdigkeit Puerto Ricos war seit Jahren am Sinken. Wer sich die Geschichte der Kreditratings betrachtet, stellt fest, dass der Inselstaat kaum je über ein BBB-Rating hinauskam. Am 3. August 2015 war alles vorbei, Gouverneur Alejandro García Padilla gab bekannt, die Staatsschulden von insgesamt 72 Milliarden Dollar nicht mehr bedienen zu können.

Trotz der zweifelhaften Bonität schaffte es die UBS, Produkte zu entwickeln, die mit dem Label AAA, der höchsten Güteklasse überhaupt, verkauft wurden. Schaut man die Kursentwicklung der Fonds an, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Ursprünglich wurden die Papiere zu einem Preis von 10 Dollar herausgegeben, jetzt haben die meisten der drei Dutzend herausgegebenen Fonds einen Wert von 0.79 Cents und 3 Dollar – also 70 bis 90 Prozent unter dem Ausgabewert.

Lange verdienten die Fonds gut. Das hängt damit zusammen, dass die UBS sie zusätzlich hebelte. Das heisst, die Grossbank gab den Fonds einen Kredit (etwa 40 bis 50 Prozent). Geht die Sache gut, bewirkt der Hebel eine Ertragssteigerung. Sinken die Kurse jedoch, ist der Einbruch umso heftiger. Zusätzlich, und das kam in Einzelfällen offenbar vor, haben UBS-Kundenberater den Anlegern einen Kredit gegeben, um einen noch höheren Einsatz zu fahren.

Puerto Rico gilt als das Griechenland Amerikas. Die Schuldenlast beträgt erdrückende 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Wie Griechenland kann Puerto Rico das Schuldenproblem nicht durch Abwertung der Währung abfedern, da das Land den Dollar besitzt. Insofern ist es noch schlechter dran als der Balkanstaat, der immerhin die theoretische Option besitzt, aus dem Euroraum auszusteigen.

Die Anleger hätten in den letzten 20 Jahren exzellente Gewinne gemacht, schreibt die UBS in einem Statement. Seit Mitte 2013 sei es dann aufgrund einer allgemeinen Obligationen-Schwäche zu einem steilen Rückgang der Bewertungen und der Liquidität in den Fonds gekommen. Die UBS beobachte die Lage intensiv und zahle die monatlichen Dividenden weiterhin aus.

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