Herr Branson, seit dieser Woche sind die deutlich verschärften Eigenkapitalvorschriften bekannt, die vor allem die UBS und Credit Suisse betreffen. Sind die Schweizer Grossbanken schon genügend kapitalisiert?
Mark Branson: Um die verschärften Kapitalvorschriften zu erfüllen, müssen sie sich weiteres Kapital beschaffen. Was ihnen noch fehlt, ist vor allem das neu geforderte Reservefremdkapital. Dieses muss für die Situation bereitgestellt werden, dass eine Bank abgewickelt werden müsste. UBS und Credit Suisse haben begonnen, dieses Kapital aufzubauen. Es wird aber noch ein paar Jahre dauern, bis sie die neuen Anforderungen vollumfänglich erfüllen.

Wie hoch ist der Kapitalbedarf?
Ich nenne hier keine Zahlen. Die Banken haben für den Kapitalaufbau Zeit bis Ende 2019.

Die Grossbanken haben jetzt eine Bilanzsumme von rund 1000 Milliarden Franken. Wie viel Eigenkapital brauchen Sie in Zukunft?
Unter dem neuen Regime heisst das: Sie brauchen zunächst 50 Milliarden Kapital, um Verluste aus dem laufenden Geschäft absorbieren zu können. Zusätzlich kommen nochmals 50 Milliarden Franken dazu, die für den Fall einer Abwicklung reserviert sind. Diesen zweiten Puffer kann man sich als eine Art Reservetank vorstellen.

Insgesamt also 100 Milliarden Franken oder 10 Prozent der Bilanzsumme. Das ist mehr als doppelt so viel wie unter dem aktuellen Regime. Verlangen Sie damit von den Banken nicht zu viel?
Klar, man kann immer sagen, mehr Kapital wäre besser. Wir finden aber, das ist ein angemessenes Niveau. Mit dieser Summe liessen sich alle Verluste abdecken, die einzelne Grossbanken in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweiz und international je eingefahren haben.

Können Sie eine Grossbanken-Pleite oder eine Staatshilfe wie im Fall von der UBS ausschliessen?
Man kann solche Dinge nie zu 100 Prozent ausschliessen. Aber wenn die Banken alle Anforderungen des neuen Regimes erfüllen, haben wir das Maximum gemacht, um einen solchen Fall zu verhindern. Kommt hinzu: Wenn das Kapital aus unvorhersehbaren Gründen nicht ausreicht, haben wir im Krisenfall die Möglichkeit, die systemrelevanten Teile in der Schweiz herauszubrechen und am Leben zu erhalten. Die Banken haben bis Ende 2019 Zeit, Massnahmen zu ergreifen, damit die Notfallplanung umsetzbar wird.

Das alles klingt in der Theorie gut, aber testen, ob das im Krisenfall tatsächlich funktioniert, lässt sich das nicht.
Das stimmt. Und wir hoffen auch nicht, dass wir das einmal in Realität durchspielen müssen. Wir können uns nur bestmöglich vorbereiten. Und es ist klar: In einer Krise würde es immer zu chaotischen Situationen kommen.

Wie diese Woche bekannt wurde, will die Credit Suisse ihr Schweizer Geschäft an die Börse bringen. Was halten Sie von diesem Plan?
Das ist ein geschäftspolitischer und strategischer Entscheid des Verwaltungsrats. Zu solchen Entscheiden äussere ich mich nicht. Ich bin schliesslich kein Strategieberater.

Werden Sie diese Schritte genehmigen müssen?
Ja, die Finma wird die Pläne für die neue Schweizer Einheit der Bank noch im Detail anschauen und auch genehmigen müssen.

Die Credit Suisse hat angekündigt, das Eigenkapital zu stärken. Das müsste Sie als Regulator doch freuen. Einverstanden?
Als Aufseher begrüsse ich natürlich, wenn Banken ihre Kapitalbasis stärken.

Aber in der Öffentlichkeit und in der Politik müsste der Entscheid gut ankommen, sich auf die Vermögensverwaltung zu konzentrieren und das Investmentbanking herunterzufahren.
Das mag sein. Aber unser Job ist es nicht, eine Präferenz für gewisse Geschäfte zu haben. Unser Job ist es, Vorgaben zu definieren, die es einzuhalten gilt, wenn eine Bank bestimmte Geschäfte ausüben will. Wir betreiben keine Industriepolitik.

Bankenvertreter sagen, höhere Eigenkapitalvorschriften würden das Kreditgeschäft abwürgen. Wäre nicht jetzt, nach der Frankenaufwertung der Moment gekommen, um die Zügel etwas zu lockern?
Wir haben auch immer wieder gehört, dass ein Rückgang der Kreditvergabe droht. Empirisch lässt sich das aber nicht feststellen. Im Gegenteil: Wir haben in gewissen Bereichen des Kreditgeschäfts eher ein zu grosses Angebot. Der Kreditmarkt in der Schweiz ist sehr lebendig. Da mache ich mir keine Sorgen.

Die Schweiz will Vorreiter sein mit den strengsten Kapitalvorschriften weltweit. Warum eigentlich?
Wir sollen diesbezüglich zu den strengsten gehören, das ist richtig. Warum? Die Schweiz hat nach wie vor eine ausgeprägte «Too big to fail»-Problematik. In keinem anderen Land der Welt sind die Grossbanken im Vergleich zur Volkswirtschaft so gross. Wir hatten ein ‹near miss› im Jahr 2008. Das soll nie wieder geschehen. Und: Es ist doch eine sehr attraktive Positionierung, die internationale Debatte als Vorreiter zu gestalten, statt einfach nur Trends nachzuvollziehen. Wir sind das erste Land, das Anforderungen für Reservefremdkapital definiert hat.

Ist die Schweizer Finanzindustrie gut gerüstet, um Schocks absorbieren zu können?
Generell gut. Das ergeben unsere Stresstests, die wir bei Banken und Versicherungen durchführen. Aber es ist auch klar, dass das momentane Wirtschaftsumfeld eine grosse Herausforderung darstellt.

Was bereitet Ihnen am meisten Kopfzerbrechen?
In einem Wort: das Tiefzinsumfeld. Dessen langfristige Auswirkungen stellen Grundannahmen in den Geschäftsmodellen von Banken und Versicherungsgesellschaften infrage. So ein Umfeld ist historisch einmalig. Je länger die Phase dauert, desto schwieriger wird der Ausstieg, wenn die Zinsen wieder einmal anziehen sollten.

Den Lebensversicherungen haben Sie Erleichterungen gewährt.
Als die Zinsen sanken, haben wir Kapitalerleichterungen gegeben, damit sich die Versicherer dem neuen Umfeld anpassen können. Aber diese Erleichterungen laufen Ende Jahr aus, denn wir sagen, dass man jetzt fit sein muss für dieses Umfeld. Es ist möglich, dass die tiefen Zinsen nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte andauern könnten. Banken und Versicherungen müssen auch in einer solchen Situation überleben können.

Jahrzehnte?
Ich sage: könnten. Unmöglich ist das nicht. Schauen wir Japan an. In den 1990er-Jahren hatte niemand vorausgesagt, dass das Land noch heute so tiefe Zinsen hat. Die Japaner leben damit seit über zwei Jahrzehnten. Wir müssen uns deshalb fragen, ob wir eine Finanzbranche haben, die fit ist für ein solches Szenario.

Wie gefährlich sind die Entwicklungen im Schweizer Immobilienmarkt?
Im Immobilienmarkt gab es eine Reihe von Massnahmen, die den Markt grösstenteils beruhigt haben. Ohne Entwarnung zu geben, können wir ziemlich zufrieden sein mit der Entwicklung in gewissen Segmenten. Wir werden das aber weiterhin sehr genau beobachten, insbesondere betreffend Renditeliegenschaften. Wir müssen reagieren können, falls es eine Beschleunigung in die falsche Richtung gibt.

In den vergangenen Jahren flogen zahlreiche Marktmissbräuche auf: Libor, Devisen, Gold. Die Finma reagierte immer viel zu spät. Was läuft falsch?
Wir können niemals alle Fälle von Fehlverhalten verhindern. Das ist ein zu hoher Anspruch an die Aufsichtsbehörde. Als Bürger erwarten wir ja auch nicht von der Polizei, dass sie alle Straftaten verhindert. Wir müssen präventiv wirken mit einer glaubwürdigen und strengen Sanktionierung. Wir müssen auf eine verbesserte Kultur und Disziplin hinwirken. Wichtig ist, nicht nur Unternehmen zu bestrafen, sondern auch gezielt gegen Einzelpersonen vorzugehen. Denn sie tragen schliesslich die Verantwortung für das Fehlverhalten. Da haben wir unsere Praxis verschärft und gehen vermehrt gegen einzelne Manager und Trader vor.

Sie selber mussten Fragen in Zusammenhang mit dem Libor-Skandal beantworten. Ist dieses Thema für Sie definitiv vom Tisch?
Der Fall Libor wurde weltweit mehrfach untersucht. Die Frage nach meiner Tätigkeit für die UBS in Japan wurde ebenfalls mehrfach gestellt und auch beantwortet. Ich wusste nichts von diesen Manipulationen. Ich kann komplett ausschliessen, dass jemals etwas auftaucht, das das Gegenteil belegen würde.

Das Schweizer Parlament rückt nach rechts. Wird es in Zukunft schwieriger, strenge Regulierungen durchzubringen?
Sinnvolle Regulierung wird immer eine genügend breite Unterstützung finden.

Aber Sie müssen mit einem neuen, bankenfreundlicheren Finanzminister rechnen. Einverstanden?
Ich möchte hier nicht spekulieren. Die Finma muss ihren Auftrag glaubwürdig und unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Zyklen durchziehen. Die Politik gibt richtigerweise die Rahmenbedingungen vor, aber das Tagesgeschäft einer Aufsichtsbehörde muss unabhängig bleiben.

Aber der Druck auf Ihre Behörde könnte grösser werden?
Ich spüre weniger Druck als vielmehr ein hohes und auch berechtigtes Interesse. Es wird immer Kreise geben, die sagen, wir machen zu viel, und solche, die finden, wir machen zu wenig. Das ist vollkommen normal. Ein breiter Dialog mit der Politik ist uns sehr wichtig. Die genauen Kräfteverhältnisse im Parlament sind dabei sekundär.

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