VON PATRIK MÜLLER AUS SALZBURG

Braun gebrannt wie immer, gut gelaunt und im karierten Hemd ohne Krawatte sitzt Peter Brabeck im «Nescafé Universum» gegenüber dem Salzburger Festspielhaus. Es ist Freitag und der Abschluss einer Woche, die ganz nach seinem Gusto läuft: Nestlé präsentierte hervorragende Halbjahreszahlen: ein Umsatzplus von 6 Prozent und eine Gewinnzunahme auf 5,5 Milliarden Franken. Jetzt verbringt Brabeck einige Tage an den Festspielen, die Nestlé als Hauptsponsor unterstützt.

Im neuen Ranking der wertvollsten Unternehmen der Welt, gemessen an der Börsenkapitalisierung, ist Nestlé nun die Nummer 1 in Europa. Weltweit liegt der Konzern mit Hauptsitz in Vevey VD auf Rang 10 – die Top drei sind PetroChina, Exxon Mobil und Microsoft. Mit rund 181,6 Milliarden Franken wird Nestlé bewertet, die Aktie gewann innerhalb eines Jahres 18 Prozent.

Der Wertanstieg liegt einerseits am wieder gewonnenen Wachstum, andererseits daran, dass Nestlé in Schweizer Franken rechnet und auch seine Aktie in Franken kotiert ist. «Und das, obwohl wir nur 1 Prozent des Umsatzes in Schweizer Franken machen», betont Brabeck. Die Aufwertung des Frankens hat den Börsenwert von Nestlé hochgetrieben – im Vergleich zu Firmen, deren Aktien auf Euro oder Dollar lauten.

Wichtiger ist Brabeck aber, dass nach dem bescheidenen Umsatzwachstum im letzten Jahr nun wieder «Zug im Kamin» ist – und zwar mehr als bei den Konkurrenten Danone und Unilever. Die neuen Konjunktur-Krisensignale aus den USA oder die gigantischen Staatsschulden in Europa sollten den Nestlé-Dampfer nicht bremsen können, ist der Verwaltungsratspräsident überzeugt: «Wir haben keine Weltwirtschaftskrise. Wer sich in Indien, China oder Brasilien umschaut, spürt gar nichts von Krise», sagt er.

Auch in den saturierten westlichen Märkten liege noch einiges drin. Das Konzept: Eigene Markenprodukte, die zu wenig Wertschöpfung bringen oder nicht besser sind als Eigenmarken des Handels, werden abgestossen. «In meiner Zeit als CEO habe ich Geschäfte für 18 Milliarden Franken verkauft», so Brabeck. Das werde weitergehen. Neu ins Produkte-Portfolio kommen im Gegenzug werthaltigere Produkte. Deshalb investiert Nestlé in die Forschung inzwischen 2 Milliarden Franken. «Jedes Jahr werden 20 Prozent aller Produkte ausgewechselt oder erneuert. Das heisst, in fünf Jahren ist keines mehr gleich. Deshalb und nicht wegen Kosteneinsparungen steigt unsere Marge.»

Die höhere Marge holt sich Nestlé immer öfter, indem die Firma ihren Produkten einen Gesundheits-Touch gibt. Ein Beispiel dafür sind probiotische Joghurts. «Der grösste Innovations-Treiber ist heute das Bewusstsein der Menschen, dass eine gute Ernährung die Gesundheit fördern kann», sagt Brabeck. Allerdings dauert es länger, bis solche Produkte auf dem Markt sind, da die Gesundheitsbehörden ihr Plazet geben müssen. «Bei herkömmlichen Lebensmitteln beträgt der Innovationszeitraum 18 Monate, bei den neuartigen vier bis sechs Jahre», erklärt Brabeck.

Zurückziehen wird sich Nestlé bekanntlich aus dem Augenheil-Markt: Sie verkauft die Firma Alcon mit Sitz in Hünenberg ZG an den Basler Pharmamulti Novartis – für 28 Milliarden Franken. Brabeck erwartet, dass der Verkauf kommende Woche alle wettbewerbsrechtlichen Hürden nimmt. Dann hat er ein Luxusproblem: «Man wird kritisieren, dass wir 28 Milliarden einnehmen und nicht sogleich wieder ausgeben.»

Für Analysten, die auf Renditemaximierung pochen, hat Nestlé zu viel «ungenutztes» Kapital – was die Aktienkurs-Entwicklung bremse. Brabeck: «Einige finden, wir sollten unser Rating von AA+ abgeben.» Nestlé verlor das bestmögliche Rating, das Triple A, 2008 «mit Absicht» – wegen eines Aktienrückkauf-Programms. «Das war richtig, denn wir haben leichten Zugang zum Kapitalmarkt. Aber beim AA+ bleiben wir und gehen nicht, wie Analysten erwarten, noch weiter zurück.»

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