Kraftvoll marschiert Formel-1-Legende Michael Schumacher Richtung Kamera, flankiert von Bankern im Anzug. «Wir wissen, was Leistung bedeutet», sagt eine pathetische Stimme aus dem Off. Dann flitzt Schumi in einem Mercedes Petronas davon, vorbei am Signal «Sell Euro» (Euro verkaufen).

Der Werbespot auf der Website der MIG Bank macht klar: Hier gibt jemand Vollgas. «Unser Ziel ist es, die weltweit führende FX Bank zu werden», heisst es grossspurig auf der Homepage. FX steht für Foreign Exchange Market, zu Deutsch Devisenmarkt. Und auch beim Angebot für seine grossen und kleinen Kunden macht die MIG Bank mit Sitz in Neuenburg richtig Tempo: Hochspekulative Geschäfte lassen sich hier tätigen, mit einem Hebel von 1:500. Das heisst, mit 2000 Franken Einsatz kann man 1 Million Franken bewegen – und im besten Fall gewinnen. Logisch, dass zurzeit vor allem gegen den Euro gewettet wird. Und auf einen starken Franken.

In der deutschen Schweiz ist die MIG Bank wenig bekannt. Doch das wird sich ändern. «Wir freuen uns, in Zürich demnächst eine Geschäftsstelle zu eröffnen», sagt CEO Hisham Mansour zum «Sonntag». Der ursprünglich aus Jordanien stammende Mann leitet die Firma, die sein Vater George 2003 gegründet hat. Stolz erzählt der CEO, dass inzwischen «über 30000 Leute» ein Konto bei der MIG Bank hätten. Innerhalb eines Jahres habe sich die Zahl der Kunden verdoppelt.

Es herrscht Boom-Stimmung in Neuenburg, wo bereits 125 Mitarbeiter tätig sind. «Es werden fast jeden Tag mehr», schwärmt CEO Mansour. «Natürlich helfen uns die aktuellen Schwankungen auf dem Devisenmarkt. Das gibt Aktivität, und die ist gut für uns», sagt er. Die Volatilität werde anhalten, prognostiziert er. Es sei nicht auszuschliessen, dass der Euro auf 1 Franken falle.

Die MIG Bank erhielt im Herbst 2009 eine Banklizenz der Finanzmarktaufsicht (Finma), als erster Schweizer Devisenhändler überhaupt. Dass sie diese Lizenz bekam, sorgte bei den Zürcher Traditionsbanken für Erstaunen. Doch es ging nicht lange, und die MIG Bank wurde zu einem wichtigen Player auf den Devisenmärkten.

Nicht weniger als 70 Milliarden Dollar (etwa 60 Milliarden Franken) werden bei der MIG Bank gehandelt – pro Monat. Diese Zahl nennt Hirsham Mansour, und er scheint selber davon beeindruckt. Zum Vergleich: Die Devisenreserven der Schweizerischen Nationalbank betragen gut 200 Milliarden Franken.

Führen die Spekulationen der Kunden nicht dazu, dass die Wechselkurse künstlich noch oben oder unten getrieben werden? «Ich glaube nicht, dass wir die Märkte bewegen können, oder höchstens marginal», behauptet Hisham Mansour. Doch der Bankchef räumt ein: «Die meisten Kunden sind Day Trader.» Also Kunden, die innerhalb eines Tages Währungen kaufen und verkaufen, die Wechselkursschwankungen für Spekulationen ausnutzen.

Ein Mann von der Front, MIG-Mitarbeiter Markus Lopez, vergleicht Geschäfte mit einem Hebel von 1:500 mit Lotto: «Das ist fast wie Euro Millions», sagt er unverblümt und ergänzt: «Viele Anleger sind extrem gierig. Wenn man den He-bel komplett ausschöpft, ist das schlicht Wahnsinn», so Lopez. Warum bietet denn die Bank solchen Wahnsinn an? Weil es ein Bedürfnis gewisser Kunden sei, rechtfertigen sich die MIG-Berater.

Wie funktioniert ein solches Geschäft? Ein Beispiel: Ein Kleinanleger entschliesst sich, mit 2000 Franken zu spekulieren und auf einen fallenden Euro zu wetten. Er wählt einen Hebel von 1:500. Mit diesen 2000 Franken bewegt er nun so viel, als hätte er 1 Million Franken eingesetzt (2000 Fr. × 500). Seine 2000 Franken werden nun sekündlich mit den Gewinnen und Verlusten aus der 1-Million-Franken-Position verrechnet. Die Wahrscheinlichkeit, dass innert Kürze die ganzen 2000 Franken verloren sind, ist sehr hoch. Der ganz grosse Gewinn ist theoretisch möglich – aber eben fast wie ein Lotto-Sechser.

Die MIG Bank beteuert, ihre Kunden würden über die Risiken aufgeklärt. «Aber viele Anleger wollen diese nicht wahrhaben und spielen halt einfach mal», sagt Markus Lopez. Die Kursschwankungen des Frankens gegenüber dem Euro und dem Dollar in den letzten Monaten hat die Gier noch zusätzlich genährt. Doch die MIG spielt selber mit der Profitgier: «Das Profitpotenzial existiert bei FX unabhängig davon, ob ein Händler kauft oder verkauft, und unabhängig davon, ob der Markt steigt oder fällt», heisst es auf der Website.

Bei der Finanzmarktaufsicht will man sich nicht zur MIG Bank äussern. Obwohl zu hören ist, dass man das Hebel-Angebot von 1:500 als heikel erachtet. Die Bank wirbt auf ihrer Website stolz mit dem Gütesiegel des Bundes: «Wir werden von der Finma reguliert und überwacht, um Beständigkeit und Qualität unserer Finanzdienstleistungen zu fördern», heisst es dort. CEO Hisham Mansour ist hochzufrieden mit den Rahmenbedingungen: «Die Regulierung ist in der Schweiz weltweit am besten. Es gibt für uns keinen besseren Standort. Darum wollen wir hier expandieren.»

Die Zusammenarbeit mit anderen Banken ist eng. Gemäss MIG liefern ihr auch UBS und CS Liquidität: Die beiden Grossbanken spielen offenbar selber mit im grossen «Wetten, dass ...?» um die Wechselkurse.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!