Die Entscheidung der Briten hat Folgen in der ganzen Welt. Seit zwei Wochen spielen die Finanzmärkte verrückt. Besonders betroffen sind die Banken, deren Kurse weltweit in den Keller rasselten. Die Aktien der Grossbank Credit Suisse durchbrachen diese Woche erstmals die psychologisch wichtige Grenze von zehn Franken. Auch die UBS musste Federn lassen. Der Wert der beiden Grossbanken verminderte sich in den letzten 12 Monaten um Dutzende Milliarden Franken (siehe Grafik). Zwar bedeutet ein tiefer Aktienkurs keine unmittelbare Gefahr für ein Finanzinstitut; der tiefe Kurs hat auch keinen direkten negativen Einfluss auf das Eigenkapital. Doch fallende Notierungen sind Ausdruck eines tiefen Misstrauens in den langfristigen Erfolg eines Finanzinstituts, also in das Führungspersonal.

Der epochale Fall der CS-Titel auf unter 10 Franken – 60 Prozent in einem Jahr – verunsichert auch viele Mitarbeiter und Kunden der Bank. Wie die «Schweiz am Sonntag» von mehreren Personen übereinstimmend erfahren hat, haben seit dem jüngsten Kurscrash viele Kunden ihre Gelder von der Bank abgezogen. Es sind vor allem Kunden in der Schweiz, die sich so vor noch mehr Ungemach schützen wollen. Die CS will dazu keine Stellung nehmen und verweist auf die Veröffentlichung der Zahlen für das zweite Quartal Ende Juli.

Profiteure sind vor allem die Kantonalbanken, die das Geld der verunsicherten CS-Kunden gerne annehmen. Die grossen von ihnen wie etwa die Zürcher Kantonalbank verfügen über eine Staatsgarantie und waren auch zu Zeiten, als die UBS ins Schlingern geraten war, beliebte Anlaufstelle für verunsicherte Sparer.

Wenn Kunden Gelder abziehen, bringt das eine Bank normalerweise noch nicht in existenzielle Gefahr. Schlimm wird es erst, wenn das in grossem Stil geschieht. Dafür gibt es bei der Credit Suisse noch keine Anzeichen.

Bei der UBS im Herbst 2008 war das anders. Als grosse institutionelle Anleger das Vertrauen verloren haben und ihre Cash-Positionen auf andere Banken verschoben, brachte das die Bank in kürzester Zeit in Schwierigkeiten. Grosse Anleger haben mit sogenanntem Call-Geld innert Sekunden Milliardenbeträge abgezogen und rund um den Globus in Sicherheit gebracht. Die Liquidität drohte zu versiegen. Der Führung blieb nichts anderes übrig, als sich in die schützenden Arme des Staates zu werfen. Die UBS musste nicht gerettet werden, weil sie zu wenig Eigenkapital hatte, sondern weil in extrem kurzer Zeit viel zu viel Cash abgezogen wurde. Der Bank ging schlicht das Geld aus.

Neben den Kunden besteht die Gefahr, dass der CS die guten Leute davonlaufen. Diese Woche wurde bekannt, dass der Regionenleiter des Tessins, Alberto Petruzzella, der Bank den Rücken gekehrt hat. Er gilt als absoluter Topbanker mit exzellenten Kontakten. Das Tessin ist für die CS ein sehr wichtiger Standort. Die Bank ist dort bereits seit über 100 Jahren aktiv und beschäftigt über 800 Personen. Petruzzella dürfte nicht der letzte Abgang sein. Auch in Zürich soll ein bedeutendes Private-Banking-Team auf dem Absprung sein.

Andere Banken werben zum Teil aggressiv um Talente. Besonders begehrt sind solche, die Schweizer Kunden betreuen. Die Bank Julius Bär setzt mit dem neuen Schweiz-Chef Barend Fruithof auf einen aggressiven Wachstumskurs. Diese Woche landete er in Bern einen Coup, als er praktisch das gesamte lokale Private-Banking-Team von der lokalen Konkurrentin Valiant abwarb.

Adressen gibt es genug, wo sich frustrierte CS-Banker hinwenden können. Derweil mehren sich Befürchtungen in der Belegschaft, wonach es in der Bank noch dicker kommen könnte. Im Uetlihof, dem Nervenzentrum der Bank am Rand der Stadt Zürich, werden Befürchtungen kolportiert, wonach es zu einem weiteren Stellenabbau kommen könnte. Noch mehr Arbeiten sollen in das Offshorecenter in Polen verschoben werden. Dies immer mit dem erklären Ziel, die Kosten zu senken. Die Gerüchte drücken auf die ohnehin äusserst angespannte Gemütslage der Angestellten.

Befürchtungen, wonach die Bank schon bald Staatshilfe haben muss, mögen überzogen sein. Die Bank hat insgesamt 50 Milliarden Franken verlustabsorbierendes Eigenkapital. Trotzdem lässt sich die eigenartige Stimmung, die gefährlich nach Finanzkrise riecht, einfach nicht vertreiben. Oswald Grübel, der langjährige Lenker der Credit Suisse und der UBS drückte sich diese Woche im «Blick» so aus: «Wir stehen wohl nicht vor einer Finanzkrise. Italien und der Brexit könnten aber eine Bankenkrise in Europa auslösen. Deshalb würde ich eher von ­einer Eurokrise sprechen.» Ganz sicher scheint sich das alte Schlachtross des Schweizer Bankings nicht zu sein. Zu oft hat er erlebt, dass Entwicklungen plötzlich eine ganz andere, schlimmere Wendung genommen haben.

Eine Bankenkrise lässt sich kaum mehr wegdiskutieren. In den Bilanzen italienischer Banken schlummern faule Kredite im Umfang von 360 Milliarden Euro. Das entspricht einem Sechstel der Wirtschaftsleistung des Landes. Bisher haben die Institute für knapp die Hälfte davon Abschreiber vorgenommen. Die grosse Bürde bedeutet, dass das Land in seiner Entwicklung nur sehr langsam vorwärtskommen wird. Im schlechten Fall kann eine Bank Konkurs gehen und unkontrollierbare Schäden anrichten. Am schlechtesten bestellt ist es um die Bank Monte dei Paschi, die 80 Prozent ihres Werts verloren hat.

Trotzdem oder gerade deshalb gibt es Stimmen, die glauben, dass Italien zu den Profiteuren des Brexit gehören könnte. Der Austritt der Briten aus der EU könnte die Eurozone in eine derart tiefe Krise stürzen, dass das EU-Establishment nicht umhinkommt, mehr Jobs und Wachstum zu generieren. Das hiesse eine Abkehr von der restriktiven Haushaltspolitik, unter der Staaten wie Italien besonders leiden. Eine Ausweitung der Staatsschulden, die derzeit 130 Prozent des BIP betragen, ist kaum möglich unter den heutigen EU-Kriterien, obwohl dies mehr Investitionen und Wirtschaftswachstum bedeuten würde. Doch dafür müssten die strengen Währungshüter aus Norden ihre Positionen überdenken.

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