Kaspar Villiger ist noch immer ganz der Politiker, wenn es ums Entscheiden geht. Der einstige Finanzminister mochte nach dem überraschenden Rücktritt von UBS-Konzernchef Oswald Grübel keinen neuen CEO einsetzen, sondern erstmals «geeignete Kandidaten evaluieren». Am 24. September, dem Tag des Grübel-Abgangs nach dem Londoner Milliardendebakel, sagte er auf Schweizer Radio DRS, es könne «drei, vier Monate» dauern, bis der Chefposten definitiv besetzt sei – «aber auch etwas länger». Er betonte, nebst Ermotti würden «auch andere Varianten» geprüft.

Bankintern sprach Villiger sogar von «sechs Monaten», die man sich bis zu einem endgültigen Entscheid gedulden könne. Schliesslich sei die CEO-Besetzung der wichtigste Verwaltungsratsentscheid überhaupt. Doch in den letzten Wochen wuchs UBS-intern der Druck auf Villiger, «jetzt endlich vorwärtszumachen», wie es eine Quelle gegenüber dem «Sonntag» formuliert, die über den Suchprozess im Bild ist.

Mehr oder weniger unverhohlen wurde Villiger klargemacht, dass noch «vor Weihnachten» entschieden werden müsse – am liebsten sogar vor dem 17. November, dem Investors Day. Dann wird die UBS-Spitze in New York ihre neue Strategie vorstellen. «Ideal wäre, wenn Sergio Ermotti dies bereits in der Position des CEO tun könnte», sagt ein zweiter UBS-Insider, «das würde die Glaubwürdigkeit der Bank stärken.» Sowohl die Aktionäre wie auch die Mitarbeiter bräuchten so schnell wie möglich Klarheit. «Insbesondere das Investmentbanking ist gelähmt, alle warten auf den CEO-Entscheid.»

Der hochrangige Insider betont aber, eine Ernennung noch vor dem 17. November sei «optimistisch». Realistisch sei ein Entscheid vor Weihnachten. Sergio Ermotti habe signalisiert, dass er «bis zum 15. Dezember» wissen möchte, ob man mit ihm in die Zukunft zu gehen gedenke. «Können wir ihm bis dann den Posten nicht definitiv anbieten, ist er wohl weg.» Dann nämlich gehe man davon aus, dass sich der Verwaltungsrat gegen den Interimschef entscheide – und somit gegen eine interne Lösung überhaupt. «Fällt vor dem 15. Dezember kein Personalentscheid, dann heisst dies, dass ein Externer CEO wird», sagt der Insider.

Zurzeit laufen die Assessments mit potenziellen Konzernchefs. Jeder Kandidat muss eine unabhängige Beurteilung durch das Executive-Search-Unternehmen Egon Zehnder bestehen. In dem aufwändigen Verfahren wird das Jobprofil mit den Kompetenzen der Kandidaten verglichen, diese werden aufwändig interviewt – der Prozess ist nicht viel anders als bei weniger exponierten Stellen. Und: Sergio Ermotti muss dieses Assessment genauso wie externe Kandidaten absolvieren, obwohl er seit rund einem Monat im Job selber beweisen muss, was er kann.

In der UBS hat sich der Tessiner in der kurzen Zeit einige Sympathien verschafft, was allerdings eher mit seiner gewinnenden Ausstrahlung («Blick» nannte ihn «Mr. Goodlooking») als mit seiner Führung zusammenhängen dürfte – dafür ist die Zeit zu kurz. Immerhin fand die UBS in den letzten vier Wochen wieder in ruhigere Gewässer. Kritik aus der Politik erntete Ermotti mit seiner Aussage, die Schweiz sei dank Schwarzgeld reich geworden. Doch während sich auch Bürgerliche darüber empören, ist der Wirbel im international besetzten UBS-Verwaltungsrat nicht angekommen. Man ist sich von Vorgänger Oswald Grübel politisch brisante Aussagen gewohnt, intern wurde sogar seine «Ehrlichkeit» gelobt.

Für anhaltende Kritik, etwa gestern in der «NZZ», sorgt Ermottis Verhalten im Zusammenhang mit den Panama-Mandaten, die er erst nach und nicht vor der Ernennung zum Interims-CEO niederlegte; allerdings fällt diese Kritik auf den UBS-Verwaltungsrat zurück, der von den Mandaten wusste.

Dass das Rennen für Ermotti noch nicht gelaufen ist, obschon seine Karten gut stehen, liegt schliesslich an seinem Entscheid, Fabio Innocenzi zum neuen Italien-Chef zu machen. Innocenzi war in Mailand wegen Bilanzfälschung angeklagt. Recherchen zeigen, dass der UBS-Verwaltungsrat den «Fall Italien» noch genauer anschauen möchte.

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