Edgar Oehler wurde vor einer Woche 72 Jahre alt. Doch ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Im Gegenteil: Nach der abgeschlossenen Umstrukturierung des AFG-Konzerns ergreift er wieder die Macht. Der abrupte Rauswurf des CEO Daniel Frutig trägt die Handschrift des Ostschweizer Haudegens. Zwar wird er an der kommenden Generalversammlung aus Altersgründen aus dem Verwaltungsrat ausscheiden, doch sein Einfluss bei AFG wird gewahrt bleiben. Oehler wird die Gesellschaft auch in Zukunft nach Belieben steuern können. Dafür sorgt ein von ihm besetzter schwacher Verwaltungsrat, der nach seiner Pfeife tanzt.

Das war nicht immer so. Im Frühling 2011 verlor Oehler schmachvoll die Macht. Ungereimtheiten in der Geschäftsführung führten zu einem Eklat im VR, der eine interne Untersuchung gegen Oehler einleitete. Der Patron hat in mehreren Fällen ohne Bewilligung des Verwaltungsrats eigenmächtig Millionen ausgegeben und auch Spesenabrechnungen nicht richtig deklariert. Er musste Millionen an AFG zurückzahlen.

Schon vorher kam Oehler unter massiven Druck kreditgebender Banken, die ihn nach Ausbruch der Finanzkrise in die Knie zwangen. Der Hintergrund: Oehler stieg 2003 in die Arbonia-Forster-Holding ein. Unter seiner Ägide kaufte er zwischen 2004 und 2007 zahlreiche Firmen teilweise massiv überteuert auf, wie etwa Miele-Küchen, STI und Aqualux. Zudem baute er einen luxuriösen Holdingsitz über 50 Millionen Franken mit einem riesigen persönlichen Büro, das ein ganzes Stockwerk besetzte.
das Kartenhaus brach bald zusammen. Die teuer auf Pump gekauften Übernahmen führten zu Wertberichtigungen von über 200 Millionen und zu einem Schuldenberg von über 400 Millionen Franken. Dann kam die Finanzkrise, die dem wild zusammengestiefelten Küchen- und Stahlimperium ein jähes Ende bereitete. Heute verkauft AFG keine Küchen mehr. Der Verkauf von Forster und Piatti wurde Anfang 2014 abgewickelt – ein Stich ins Herz des Küchenimpresarios.

Unter Druck musste Oehler das Präsidium an den ehemaligen Geberit-Topmann Paul Witschi abtreten. Oehler wurde zu einem einfachen VR-Mitglied degradiert. Witschi holte Frutig an Bord, der den angeschlagenen Konzern wieder auf Vordermann brachte. In den letzten drei Jahren bestand dessen die Tätigkeit vor allem im Verkauf von maroden Firmenteilen. Wegen der Abschreiber reihte sich ein Verlustjahr ans nächste. Allein die Gruppengesellschaft STI verbuchte Wertberichtigungen von insgesamt 175 Millionen Franken. Heute ist die Gesellschaft noch mit 21 Millionen Franken in den Büchern bewertet.

Mehrere industrielle Käufer sind an STI interessiert, unter anderem OC Oerlikon von Victor Vekselberg. Doch auch Oehler selbst soll Interesse haben. Käme er zum Zug, wäre dies allerdings ein Skandal. So verkaufte der ehemalige CVP-Nationalrat die Firma 2007 aus seinem Privatbesitz für 116 Millionen Franken an die AFG. Käme er zum Zug, würde dies wohl eine Flut von Haftungsklagen nach sich ziehen. Selbst Oehler wäre nicht so verwegen, dies zu riskieren. Um den Verkauf stemmen zu können, müsste er ausserdem seine Beteiligung an AFG veräussern.

Ein erstes deutliches Zeichen, dass Oehler an einem Comeback arbeitet, war vor einem Jahr erkennbar, als Präsident Paul Witschi den VR-Präsidenten-Posten überraschend räumte. Die ständige Einmischung von Oehler wollte er sich nicht mehr länger bieten lassen. Das Präsidium übernahm Rudolf Graf, der zwischen 2001 und 2005 als CEO die Ammann-Gruppe von Johann Schneider-Ammann leitete, jedoch nie ein börsenkotiertes Unternehmen führte. Immerhin hat er Erfahrung, wie man mit Patrons umgeht, die sich gerne in der Öffentlichkeit inszenieren. Graf ist zusätzlich nun auch CEO ad interim.

Dass Oehler wieder aktiv ist, zeigt auch ein Blick in den aktuellen Vergütungsbericht. Für VR-Mitglieder wurde der Baranteil ihrer Entschädigungen massiv ausgebaut. Nur noch 50 Prozent wird in gesperrten AFG-Aktien ausbezahlt. Das Honorar des Präsidenten wurde von 200 000 auf 300 000 Franken erhöht. Der frühere Präsident Witschi bekam einen Baranteil von 18 000 Franken, bei Graf sind es 109 000 Franken. Auch Oehler selbst langt wieder zu: Für Beratungen bei der STI liess er sich 2013 430 000 Franken auszahlen. Im Vorjahr waren es 124 000 Franken. Doch das ist nicht alles: Der Verwaltungsrat beantragt der Generalversammlung die Ausschüttung einer Agio-Dividende von 30 Rappen pro Aktie. Oehler, der 18,4 Prozent an der Gesellschaft hält, zieht so nochmals rund eine Million Franken aus der Substanz der Firma ab.

Das Comeback von Edgar Oehler sorgt inzwischen für Beunruhigung bei den Banken. Erst im Dezember löste eine Gruppe unter der Leitung der Credit Suisse einen syndizierten Kredit in der Höhe von 250 Millionen Franken ab. Manchem Banker dürften Erinnerungen an bange Momente im Jahr 2009 wach werden, als die AFG vor dem Kollaps stand.

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