Es brodelt im Detailhandel. Grund sind die Aussagen von Bundesrat Johann Schneider-Ammann Anfang Woche in der Sendung «10 vor 10», in der er den Einkaufstourismus befürwortete. «Unser Volkswirtschaftsminister verursacht nur noch Kopfschütteln. Seine Aussage ist kurzsichtig», kritisiert etwa Migros-Chef Herbert Bolliger.

Schneider-Ammann antwortete auf die Frage des Fernsehens, ob er Verständnis für die Konsumenten habe, die im Ausland einkaufen: «Ja, selbstverständlich. Die Durchschnittsfamilie hat nicht genügend Mittel zur Verfügung.» Die Kosten seien gross. «Darum sucht jeder – und das finde ich das Gute am freien Markt – seine beste Möglichkeit und geht über die Grenze (...) um zu attraktiveren Preisen einzukaufen.»

Zwar fühlte sich Schneider-Ammann von «10 vor 10» schlecht behandelt, da sein Satz «Ich will selbstverständlich, dass vor allem in der Schweiz konsumiert wird» erst am Folgetag ausgestrahlt wurde. Doch gesagt ist gesagt. Der Schaden ist angerichtet, die Meinungen bei den Detailhändlern sind gemacht. Immerhin verlieren sie wegen des Einkaufstourismus rund 2 Milliarden Franken pro Jahr. Das bringt Arbeitsplätze in Gefahr.

Vor zwei Wochen hatte bereits Coop-Chef Hansueli Loosli im «Sonntag» die abtrünnigen Konsumenten kritisiert. Nun sagt auch Migros-Chef Bolliger: «Kurzfristig profitieren die Konsumenten bei ihren Einkäufen im Ausland. Mittelfristig sind bei der Exportindustrie, im Handel, im Tourismus aber sehr viele Stellen gefährdet.» Allein mit einer Steigerung der Produktivität könnten die Nachteile des schwachen Euro nicht aufgefangen werden. «Viele Einkaufstouristen gehen davon aus, dass sie nicht betroffen sind oder hoffen es», sagt Bolliger.

Aber: «Das Pendel wird brutal zurückschlagen», so der Migros-Chef. Monique Bourquin, Chefin Schweiz des Nahrungsmittelmultis Unilever, pflichtet ihm bei: «Dass ein Bundesrat den Einkaufstourismus öffentlich befürwortet, scheint mir heikel.» Einkaufstouristen seien sich der mittelfristigen Konsequenzen ihres Handelns nicht voll bewusst.

Max Manuel Vögele, Chef der gleichnamigen Schuhkette, schüttelt ebenfalls den Kopf: «Ich halte die Aussagen vom Bundesrat für sehr gefährlich und einseitig. Sie könnten für eine Sogwirkung bei den Konsumenten sorgen.» Er hätte vom Wirtschaftsminister mehr Solidarität mit den Schweizer Unternehmen erwartet. «Dies darf nicht die Haltung der Regierung sein.» Ein hochrangiger Handelschef, der nicht zitiert werden möchte, wird noch deutlicher und wirft Schneider-Ammann «Landesverrat» vor. Er erwarte, dass der Wirtschaftsminister im Herbst abgewählt werde.

Doch die Detailhändler erkennen nun in der Franken-Hausse auch eine Chance: Sie wollen sie dazu benützen, sich von «preistreibenden Fesseln zu befreien». Das ist einem neuen, internen Schreiben der Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz (IG DHS) zu entnehmen, zu der unter anderem Migros, Coop und Manor gehören.

Zuoberst auf der Agenda der Detailhändler steht eine kontrollierte Marktöffnung im Agrarsektor, wie aus dem Papier zu entnehmen ist, das dem «Sonntag» vorliegt. Weitere Forderungen sind die Lockerung bei den Ladenöffnungszeiten – insbesondere im grenznahen Bereich – oder die Abgabe von Heilmitteln, die keine Beratung benötigen, sowie der Kampf gegen die Buchpreisbindung.

Manor-Chef Bertrand Jungo: «Der Schweizer Detailhandel muss über die gleichen Rahmenbedingungen verfügen können wie die Konkurrenz im grenznahen Ausland. Genau hier ist die Politik gefordert.» Die Schweiz sei gegenüber der EU noch immer ein abgeschotteter Markt.

Nicht nur im Detailhandel wittert man eine Chance für Reformen: In Bundesbern ist von einem «Window of Opportunity» die Rede, das es jetzt zu nutzen gelte. Unter Druck könne die eine oder andere Reform besser aufgegleist werden. Wettbewerbsverfechter fordern eine Verschärfung des Kartellrechts, die CVP will dem Preisüberwacher mehr Macht geben.

Die Reform-Allianz konnte früher mit der Zulassung von Parallelimporten bei patentgeschützten Gütern und der Einführung des Cassis-de-Dijon-Prinzips zwei beachtliche Erfolge im Kampf gegen die Hochpreisinsel Schweiz verbuchen. In jüngster Zeit jedoch erlangten die Protektionisten wieder Oberhand – nicht zuletzt auch aus Angst vor den bevorstehenden Wahlen.

Neue Reformen werden nicht mehr angepackt, frühere wieder rückgängig gemacht: So hat sich etwa das Parlament mit der Buchpreisbindung jüngst wieder für ein Kartell ausgesprochen. Der FDP-Nationalrat Jacques Bourgeois versucht, das Cassis-de-Dijon-Prinzip auszuhebeln, und Wirtschaftsminister Schneider-Ammann will vom Agrarfreihandel mit der EU möglichst nichts mehr wissen.

Er ist es denn auch, den die reformfreudigen Kräfte als das grösste Hindernis bei ihren Bestrebungen ansehen. Sie wissen nur zu gut, dass er sich so kurz vor den Wahlen hüten wird, heisse Eisen anzupacken und so den Zorn der Bauern oder Gewerkschaften auf sich zu ziehen.

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