Es sah nach einem Spaziergang aus. Am 6. September 2011 trat Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand vor die Medien und verkündete die Einführung eines Mindestkurses für den Euro. Die Nationalbank (SNB) sei bereit, fortan unbeschränkt Devisen zu kaufen, um einen Mindestkurs von Fr.1.20 durchsetzen.

Die Finanzwelt war geschockt: Innert Minuten kletterte der Kurs tatsächlich auf 1.20 und darüber. Die Intervention war ein Erfolg. Reine Rhetorik und die Gewissheit, dass es Hildebrand ernst meinte, genügten offenbar, um den Kurs hochschiessen zu lassen. Die Untergrenze wurde als «glaubwürdig» betrachtet, sagt UBS-Devisenstratege Thomas Flury. Dass die SNB zu jenem Zeitpunkt nicht intervenieren musste, hängt sehr stark mit der forschen Kommunikation von Hildebrand zusammen, welche die Spekulanten zutiefst verunsicherte, ist sich Flury sicher.

Entscheidend für die Abschreckung der Spekulanten war nicht, dass Hildebrand den Mindestkurs von 1.20 ankündigte, sondern dass er sagte, die SNB könne jederzeit die Kursuntergrenze anheben. «Dieser Satz verunsicherte die Kunden massiv», sagt Flury. Das hatte zur Folge, dass Spekulanten und Schutzsuchende einen Bogen um das Frankenland Schweiz machten. Sie wollten sich nicht die Finger verbrennen. Denn was wäre geschehen, wenn Hildebrand den Kurs auf Fr. 1.25 angehoben hätte? Die Investoren hätten auf einen Schlag einen Verlust von über 4 Prozent eingefahren. Bei einem Investment von 10 000 Franken sind dies immerhin 420 Franken.

Doch die von Hildebrand geschickt geäusserte Drohung verlor rasch ihre Schärfe. Als das Säbelrasseln gegen den Spitzennotenbanker Ende 2011 losging, bröckelte auch der Rückhalt, eine solch drastische Massnahmen durchzusetzen. Der Euro-Franken-Kurs geriet stattdessen ins Taumeln und bewegte sich in den heissen Wochen vor und nach dem Rücktritt Hildebrands immer näher in Richtung der 1.20-Franken-Schallmauer.

Als Hildebrands Vize Thomas Jordan nach einer äussert langen Übergangszeit Mitte April vom Bundesrat endlich zum SNB-Präsidenten gewählt wurde, war der schlimmstmögliche Fall bereits eingetreten: Der Eurokurs touchierte die Untergrenze, die SNB musste am Devisenmarkt intervenieren.

Damit war der Damm gebrochen, die heisse Phase des Währungskriegs ausgebrochen, in der wir seit nunmehr sechs Monaten stecken und die Devisenreserven auf über 400 Milliarden explodieren liessen (siehe Grafik). Der frischgebackene SNB-Präsident musste in kürzester Zeit seine Truppen zusammentrommeln. In der Militärsprache würde man diesen Zustand wohl als «Defcon 1» bezeichnen, die höchstmögliche Alarmstufe der US-Armee. Doch die Notenbanker am Bürkliplatz waren auf den Ernstfall schlecht vorbereitet. Sie träumten noch davon, den Kurs heraufzusetzen und den Franken näher in Richtung Gleichgewicht mit dem Euro zu bringen.

Zunächst kümmerte sich nur ein kleines Kernteam um die Verteidigung des Mindestkurses. Doch der Schutzwall war brüchig: In zwei Fällen kam es zu einem spontanen Unterschreiten der Eurogrenze, was an der Glaubwürdigkeit der SNB kratzte. Über Wochen musste die Einsatztruppe an den Handelsschirmen auf ein Dutzend Personen ausgebaut sowie die Schichtzeiten verlängert werden. So beginnt heute die Arbeitswoche für die ersten SNB-Händler bereits am Sonntagabend, wenn in Asien die ersten grossen Devisenmärkte öffnen.

Der Einsatz der Nationalbanker hat sich bisher gelohnt. «Der mutige Schritt der SNB hat Hunderte von Firmen und Tausende von Arbeitsplätzen in der Schweiz gerettet», sagt Hans Hess, Industrieller und Präsident des mächtigen Industrieverbands Swissmem mit 330 000 Beschäftigten. «Für die Exportwirtschaft beseitigte die Untergrenze den damals grossen Preisdruck und ermöglichte wieder eine einigermassen verlässliche unternehmerische Planung.»

Für Hess ist klar, dass bei einem Wechselkurs um die Parität herum die Unternehmen gezwungen gewesen wären, «viel drastischere Massnahmen umzusetzen oder gar ihre Betriebe zu schliessen». Die Folgen wären dramatisch gewesen: «Das hätte Tausende Arbeitsplätze gekostet. Dank der Untergrenze verschwanden diese Worst-case-Konzepte wieder in den Schubladen», sagt Hess. «Ich hoffe für immer.» Die Untergrenze habe jedoch nicht nur seiner Branche geholfen, sondern der gesamten Volkswirtschaft der Schweiz genützt.

Guglielmo Brentel, Präsident des Schweizer Hotellerieverbandes, ist ebenfalls voll des Lobes für die Nationalbank: «Wir sind glücklich darüber und haben grösste Hochachtung dafür, dass die SNB diese Untergrenze mit aller Konsequenz verteidigt.» Die Einführung der Eurountergrenze sei ein «absolut matchentscheidender Schritt» gewesen, sagt der Hotelier aus Celerina im Engadin.

Bei aller Euphorie geht leicht vergessen, dass der Franken auch heute noch massiv überbewertet ist. Die UBS hat auf Basis von Produzentenpreisen Kalkulationen angestellt, die den Gleichgewichtskurs bei 1.3320 sehen. Vor einem Jahr lag der Wert bei 1.3360, also nur einen Hauch höher. 2009 lag der Kurs bei Fr. 1.48, 2010 bei 1.43. Überraschend ist, dass sich der Gleichgewichtskurs im letzten Jahr trotz höherer Inflation in den Eurostaaten kaum bewegte. Das bedeutet, dass trotz Euro-Untergrenze die Schweizer Unternehmen mit deutlich tieferen Margen arbeiten müssen als ihre deutschen Kollegen. Die jüngsten Abschlüsse zu Jahreshälfte lassen darauf schliessen, dass der starke Franken vielen Schweizer Firmen an die Nieren geht.

Was ist zu tun? Der Nationalbank fehlt die Glaubwürdigkeit, jetzt den Mindestkurs heraufzusetzen, da sie bereits die Schwelle von 1.20 verteidigen muss. Das grosse Geschütz wie die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen könnte sie auffahren. Doch sie dürfte sich dieses letzte Mittel für den Ernstfall einer unkontrollierten Bankenkrise aufsparen. Wenn von der SNB nichts zu erwarten ist, müssen sich die Firmen selber helfen und fitter werden, was unweigerlich ein Abbau von Arbeitsplätzen bedeutet.

Währungsstratege Flury rechnet damit, dass wir «überraschend lange» mit dem heutigen Niveau leben müssen. Für die Anleger, die ihr Geld in die Schweiz bringen, sind das verlockende Verhältnisse. Dass Jordan noch nie die Option einer Kurserhöhung in den Mund genommen hat, lockt ausländisches Kapital an, da die Anleger davon ausgehen können, dass der Schweizer Franken auf lange Sicht stark bleibt. Durch die aktuelle SNB-Politik wird der Schweizer Franken zum sicheren Hafen.

Dass die Flucht in den Schweizer Franken anhält, zeigen die jüngsten Zahlen zu den Sichtguthaben der an der SNB angeschlossenen Banken. Sie sind in den ersten drei Augustwochen um etwa 14 Milliarden Franken emporgeklettert. Das bedeutet, dass die Devisenreserven im gleichen Umfang angeschwollen sind. Für den August ist mit einer Erhöhung der Reserven um 20 Milliarden Franken zu rechnen. Klar ist, dass die SNB im August gegenüber den Vormonaten nur etwa halb so viele Devisen kaufen musste. Doch die Abflachung ist möglicherweise nur von kurzer Dauer. Bisher zogen in den Monaten September und Oktober oft heftige Finanzstürme über den Globus, vor denen auch die Schweiz nie sicher war.

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