Die Sozialpartnerschaft in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie gilt als die älteste der Schweiz. Nun droht sie zu zerbrechen. An einem 294 Seiten starken Buch. Es heisst «Heavy Metall», wurde von der Unia bezahlt und von Oliver Fahrni, einem Redaktor der Unia-Zeitung «Work», geschrieben.

Zum Entsetzen ihrer Verhandlungspartner enthüllt er in allen Details, wie letztes Jahr der neue Gesamtarbeitsvertrag ausgehandelt wurde. Wer damals mit am Tisch sass, liest Perfides über sich. Von Stefan Studer, Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, heisst es: «Pöbler. Immer das falsche Wort zur falschen Zeit am falschen Ort.» Wenig vorteilhaft auch das Urteil über Benno Vogler, den damaligen Präsidenten des Angestelltenverbandes: «Kollaborateur. Nach seinem gut inszenierten Verrat an der gemeinsamen Arbeitnehmenden-Position spielt er keine Rolle mehr.»

Ihr Fett bekommen auch die Arbeitgeber ab. ABB-Personalchef Volker Stephan ist im Buch der «Nichtversteher», Philip Mosimann, Chef des Industriekonzerns Bucher, der «Klassenfeind», der immer zur Stelle steht, «wenn man der Gewerkschaft eins überbraten will». Swissmem-Präsident Hans Hess kommt vermeintlich etwas besser weg: «Grösste Qualität: kein neoliberaler Ideologe.» Doch das Lob ist zweischneidig. Hess wird als schwache Figur geschildert, die zwischendurch das Kommando an ihren Geschäftsführer Peter Dietrich verliert, der «für die harte, antigewerkschaftliche Linie zuständig» sei. Über Dietrich heisst es denn auch kurz und bündig: «Er ist kein Sozialpartner.»

Wie will die Unia diesen Menschen bei künftigen Verhandlungen noch in die Augen schauen? Kein Problem, findet Corrado Pardini, Berner SP-Nationalrat und Chef des Industriesektors der Unia, der das Buch in Auftrag gegeben und aus der Kasse seines Sektors finanziert hat. Pardini wird darin als genialer Verhandlungsführer und Erfinder der «konflikti-ven Sozialpartnerschaft» geschildert, der als einziger die richtigen Argumente hat und gegen den Willen der Arbeitgeber verbindliche Mindestlöhne durchdrückte. Sehr selbstverliebt das Ganze.

Noch lieber ist ihm der Begriff «antagonistische Sozialpartnerschaft». Eigentlich ein Widersinn. Partner können nicht Gegner sein. Doch, findet Pardini. «Während der Verhandlungen ist es eine Gegnerschaft. Wenn sie abgeschlossen sind, kann man wieder zusammen ein Bier trinken gehen.» Ob das der «Pöbler», der «Kollaborateur» und der «Nichtversteher» auch so sehen, kümmert Pardini, der gemäss Unia «endgültig die lähmenden Fesseln des absoluten Arbeitsfriedens abgestreift hat», wenig.

Was die Gewerkschaft als «Schlüsselloch-Krimi» anpreist, ist in Wahrheit ein Geheimnisverrat. Buchautor Fahrni setzt die Leser mit an den Verhandlungstisch. Er breitet nicht nur Verhandlungsprotokolle und vertrauliche Dokumente aus, sondern zitiert auch aus E-Mails, SMS und Zwiegesprächen. Das verstösst gegen die Abmachungen. Aus dem Protokoll der ersten Verhandlungsrunde geht hervor, dass die Aussenwelt nur über das Resultat informiert werden durfte, aber nicht über den Verlauf der Gespräche.

Die Unia kümmert das wenig. Sogar die Mediation, die Bundesrat Johann Schneider-Ammann vermittelte, nachdem sich die Parteien nicht auf Mindestlöhne für die gelernten Mitarbeiter einigen konnten, zeichnet Fahrni detailliert nach. Dabei hatte die Unia vor der Mediation eine Vertraulichkeitsvereinbarung mitunterzeichnet, die sie zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtete. Egal, Fahrni zitiert frischfröhlich aus den Gesprächen, aus einer Mail von Mediator Jean-Luc Nordmann und aus geheimen Briefen an den Bundesrat.

Niemand ausser der Unia findet das lustig. Hans Hess, Präsident des Branchenverbandes Swissmem, ist stinksauer, dass vertrauliche Inhalte der Verhandlungen ausgebreitet werden. Er selber will sich dazu nicht äussern, aber ein Unternehmenschef, der ebenfalls am Verhandlungstisch sass, sagt: «Wir stellen uns die Frage, ob das unter dem Begriff Partnerschaft zu verstehen ist. Welche Konsequenzen das haben wird, überlegen wir uns nun.» Gemäss mehreren Beteiligten gibt es aus der Arbeitgeberschaft zunehmend Stimmen, die fordern, die nächsten Verhandlungen für den Gesamtarbeitsvertrag ohne die Unia zu führen. Auch die Bauwirtschaft denkt darüber nach.

Erzürnt sind auch die Arbeitnehmervertreter. «Es war klar, dass Protokolle aus Sitzungen nicht verwendet werden dürfen», sagt Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna. «Das erschwert die Zusammenarbeit, denn Sozialpartnerschaft basiert auf Vertrauen.» Noch weiter geht Angestelltenvertreter Benno Vogler: Er sagt: «Seit den Verhandlungen mit Corrado Pardini können Sie das Wort Partnerschaft streichen.»

Pardini redet sich heraus, er habe in der allerersten Sitzung klargemacht, dass er sich frei fühle, über die Zeitungen und elektronischen Medien zu kommunizieren. Doch das bezog sich nur auf die Verhandlungsresultate. Nie war die Rede davon, intime Details an die Öffentlichkeit zu bringen. Selbst Fahrni bestätigt im Buch: «Über die Verhandlungen war Vertraulichkeit vereinbart.»

Zerrüttet war das Verhältnis schon während der Verhandlungen. Pardini verhandelte äusserst aggressiv und dominant, wie er selber zugibt. Konsequenterweise ist seine Wortwahl kriegerisch. Gemäss dem Buch plante er nichts weniger als ein «Attentat auf den absoluten Arbeitsfrieden». Während der Verhandlungen zitierte er einen chinesischen Feldherrn. Und als die Mindestlöhne endlich standen, kabelte er ans Unia-Präsidium: «Karthago ist gefallen.»

Der Feldherr stösst damit alle anderen vor den Kopf. Sie empfinden ihn als respektlos und unanständig. Die Art der Verhandlungsführung durch Corrado Pardini sei derart konfrontativ gewesen, dass Verletzungen zurückgeblieben seien, sagt Syna-Präsident Arno Kerst. «Es ist ein abenteuerliches Verständnis von Sozialpartnerschaft: Als könnte man nur auf Augenhöhe sein, wenn man den anderen angreift.» Verbrannte Erde statt Sozialpartnerschaft.

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