London am Freitagmorgen nach dem Brexit-Referendum. Als das Schockergebnis zur Gewissheit wurde, brach in den Handelsräumen die nackte Panik aus. Zwischen 7 und 9 Uhr war die Liquidität mit einem Schlag weg, berichtet ein Rohstoffhändler. «Es war, als öffne sich vor meinen Augen ein riesiger Abgrund», sagt er zur «Schweiz am Sonntag». Dieses mulmige Gefühl beschlich ihn zuletzt im September 2008, als das Weltfinanzsystem dem endgültigen Kollaps entgegentaumelte.

Der Brexit vernichtete am Freitag weltweit 2000 Milliarden Dollar an Vermögenswerten. Allein die englischen Aktien verloren 187 Milliarden Pfund. Auch in der Schweiz gingen Milliarden den Bach runter: Novartis, ein Schwergewicht im SMI, verlor rund 9 Milliarden Franken. Die Aktien der Credit Suisse brachen um rekordverdächtige 13,94 Prozent ein. Der ehemalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan sagte, dass der Brexit verheerendere Folgen haben könnte als die Börsenkrise der 1980er-Jahre, als am Black Monday die Kurse um 22 Prozent einbrachen.

Am Freitag wäre es tatsächlich noch schlimmer gekommen, hätten die Notenbanken nicht sofort Gegenmassnahmen ergriffen und Milliarden in das flirrende Finanzsystem gepumpt. Allen voran die Bank of England. Deren Chef Mark Carney stellte nicht weniger als 250 Milliarden Pfund bereit, um die aufgewühlten Märkte zu beruhigen. Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) gab bekannt, dass sie den Eurokurs stützt. Als der Euro sich gegen die Schallmauer von 1,06 bewegte, hatte sie eingegriffen. In der Nacht auf Samstag schloss der Kurs bei 1,086 Franken pro Euro. Die SNB dürfte zwischen 10 bis 20 Milliarden ausgegeben haben.

Der Präsident von Economiesuisse, Heinz Karrer, hat klare Forderungen an die Nationalbank: «Die SNB muss weiterhin eine unabhängige Geldpolitik betreiben können. Aber natürlich muss sie alles unternehmen, damit der Euro die Kursregion von 1.10 Franken auch kurzfristig nicht gegen unten verlässt», sagt er.

Die Finanzwelt blickt nach Basel
Die Notenbanken weltweit müssen einmal mehr für Stabilität sorgen. Internationale Koordination ist dabei alles. Dieses Wochenende kommen die Chefs der wichtigsten Zentralbanken für ein Krisentreffen nach Basel an den Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Carney von der Bank of England dürfte dabei im Zentrum des Interesses stehen.

Die Folgen des Brexit für die Weltwirtschaft wird das dominierende Thema sein. Die Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt. Wenig wird nach aussen dringen. Eine Sprecherin der BIZ machte am Samstag keine Angaben zur Tagesagenda. Sie wollte nicht einmal sagen, wer nach Basel kommen wird, ob etwa auch die FED-Chefin Janet Yellen aus den USA anreisen wird. «Das sagen wir aus Sicherheitsgründen nicht.»

Wie brenzlig die Lage ist, lässt sich an den fallenden Kursen der Banken ablesen. Es ist die Branche, die mit Abstand am härtesten durch den Brexit getroffen wurde. Barclays etwa, die britische Grossbank, tauchte um über 30 Prozent. Der Bankenindex Euro Stoxx brach um 18 Prozent ein.

Fallende Börsenkurse sind ein Indikator dafür, dass es den Banken künftig deutlich schlechter gehen könnte. Weltweite Wachstumsverlangsamung, Rezession in Grossbritannien, verflachende Zinskurven und kleinere Margen drücken auf die Renditen. Das Urteil der Investoren fällt harsch aus. Die Banken haben die riesigen Verluste aus der Finanzkrise nie aufgeholt. Der europäische Bankenindex liegt heute noch immer 82 Prozent tiefer als vor der Finanzkrise im Mai 2007.

Die Krise kommt zum dümmsten Zeitpunkt. Die meisten Geldinstitute in Europa sind nach wie vor schlecht kapitalisiert und müssen Gewinne generieren, um die Eigenkapitaldecke zu stärken. Gefordert sind auch die Schweizer Grossbanken. Der erstarkte Franken drückt auf die Margen von UBS und Credit Suisse. Probleme könnte ihnen auch eine weitere Zinssenkung der Nationalbank bringen.

Neuland für die Banken
Es ist davon auszugehen, dass die Bank of England den Leitzins von heute 0,5 auf null senken wird. Die Europäische Zentralbank dürfte noch mehr europäische Anleihen aufkaufen, was ebenfalls auf das Zinsniveau drückt. Das alles setzt die SNB unter Druck, auch in der Schweiz nochmals tiefere Zinsen einzuführen.

Eine weitere Zinssenkung auf –1 oder –1,25 Prozent könnte die Banken indessen in vollends unbekanntes Territorium befördern. Bislang sind sie davor zurückgeschreckt, die negativen Zinsen an die Sparer weiterzugeben. Tun sie dies, weiss niemand, wie die Kunden darauf reagieren werden. Sie könnten ihr Erspartes als Bargeld horten, wie dies zum Teil Pensionskassen bereits tun, um Negativzinsen zu umgehen. Dermassen viel Neuland schafft Unsicherheit.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper