Mehr als eine Viertelmillion Schweizer haben das Strampeln satt. Oder um es präziser auszudrücken: Das allzu feste In-die-Pedale-Treten ist es, das sich über 290 000 Velofahrer mittlerweile sparen. So viele Elektro-Velos wurden seit dem Jahr 2006 hierzulande verkauft. Mit knapp 58 000 Exemplaren waren es letztes Jahr so viele wie noch nie, wie Zahlen des Verbandes Velosuisse belegen. Auf das Rekordjahr könnte das nächste folgen.

«Noch nie war die Zahl der Vorbestellungen so hoch wie in den letzten Monaten», sagt Simon Lehmann, CEO des Schweizer E-Bike-Pioniers Biketec mit der Marke Flyer. Zwar fuhr den Velo-Produzenten aus Huttwil AG mit einem Exportanteil von 75 Prozent die Nationalbank in die Parade. Trotz der erschwerten Marktsituation sei er aber für das aktuelle Jahr zuversichtlich, sagt Geschäftsführer Lehmann.

Markierte noch vor einigen Jahren das Eintreten ins AHV-Alter einen legitimen Zeitpunkt für den Erwerb der Trethilfe, sind die E-Bikes mittlerweile breit akzeptiert. Jedes sechste verkaufte Velo war letztes Jahr ein elektronisches Zweirad. «E-Bikes sind in den letzten Jahren auch bei Jungen, Frauen und Sportlern salonfähig geworden», sagt Biketec-Chef Lehmann. Er wittert Potenzial – und hat deshalb zwei neue «Urban»-Modelle und drei neue E-Mountainbikes lanciert.

Tatsächlich sind die E-Bikes zur grössten Konkurrenz der «City»-Bikes genannten Stadtvelos erwachsen. Von diesen wurden letztes Jahr 8 Prozent weniger verkauft. Als E-Bikes vor zehn Jahren neu auf den Markt gekommen seien, hätten sich zuerst einmal nur Tüftler und Technikfreunde begeistern lassen, sagt Roland Fuchs, Sprecher des Verbandes Velosuisse. Entsprechend sei der Markt zwei, drei Jahre vor sich hin gedümpelt. «Die Hersteller haben aber schnell gelernt, mehr auf Lifestyle gesetzt und ihre Produkte eleganter gestaltet.» Der Erfolg war wie so oft eine Frage der Verpackung. «Als erste Gruppe sprachen ältere Menschen auf die E-Bikes an, dann folgten die Frauen, mittlerweile werden E-Bikes quer durch die ganze Bevölkerung gekauft», sagt Fuchs. Nicht zuletzt, weil seit drei bis vier Jahren auch schnelle E-Bikes auf dem Markt erhältlich seien.

Die Schweiz steht mit an der Spitze der Entwicklung. In Deutschland beispielsweise ist erst jedes zehnte verkaufte Velo motorisiert. Möglich, dass die nördlichen Nachbarn grösseren sportlichen Ehrgeiz an den Tag legen. Möglich aber auch, dass im Ausland grosses Potenzial für hiesige Hersteller liegt. Genaue Zahlen zu den Umsätzen einzelner Schweizer E-Bike-Hersteller gibt es nicht. Gemäss einer Schätzung von Velosuisse wurden letztes Jahr für etwa 170 Millionen Franken E-Bikes verkauft, in den letzten zehn Jahren dürfte das Volumen gegen 850 Millionen Franken betragen haben. Mit Reparaturen und Unterhalts-Arbeiten werden weitere 40 bis 50 Millionen Franken im Jahr umgesetzt. Allerdings werden nur etwa 10 bis 20 Prozent aller in der Schweiz verkauften E-Bikes in der Schweiz komplettiert.

Das Exportvolumen der Schweizer Anbieter beträgt andererseits 50 bis 60 Millionen Franken im Jahr 2014, diese Schätzung erlauben Zahlen der Eidgenössischen Zollverwaltung, die E-Bikes in derselben Kategorie wie Motorräter und Mopeds führt. Einfacher wird die Situation für die Schweizer Produzenten mit dem neuen Wechselkurs zwar nicht. «Wir sahen uns gezwungen, die Preise in Deutschland zu erhöhen», sagt Biketec-Chef Lehmann. Er sei aber zuversichtlich, dass dies für qualitativ hoch stehende Produkte akzeptiert werde. Wachsen will die Firma nun neben der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden auch in Italien, Australien oder Korea. «Es ist klar, dass wir nach der Währungsanpassung unser Volumen und den Absatz steigern wollen, um die Kursverluste zu kompensieren.»

Die meisten Schweizer E-Bike-Produzenten verarbeiten heute Motoren des deutschen Herstellers Bosch. Das soll sich ändern, findet der Schweizer Hersteller Maxon aus der Zentralschweiz. Er entwickelt einen neuen, besonders leichten Velomotor und arbeitet etwa mit dem Schweizer Velohersteller Komenda zusammen, der unter anderem die Marken Cresta und Giant führt. Ab Mai soll der «Bikedrive» genannte Motor hierzulande erhältlich sein, sagt Marketing-Chef Michel Riedmann. Das Hightech-Produkt soll in drei Sekunden von 0 auf 30 Kilometer pro Stunde beschleunigen.

Das Produkt markiert einen weiteren Schritt aus der Senioren-Ecke. Optisch unterscheiden sich E-Bikes nur noch minim von klassischen Velos. Die Hersteller positionieren die Produkte verstärkt als Alternative zum öffentlichen Verkehr oder dem Auto. «Gerade in Städten ist man mit dem Fahrrad oft schneller am Ziel als mit dem Auto», sagt Biketec-Chef Lehmann. «Wir sind überzeugt, dass E-Bikes künftig eine noch wichtigere Alternative zum Zweitwagen werden.»

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