Alles oder nichts. So scheint die Devise des US-Konzerns Johnson & Johnson zu lauten, wenn es um die geplante Übernahme der Allschwiler Actelion geht.

Seit rund einer Woche ist bekannt: Der US-Riese hegt Interesse am Schweizer Biotech-Pionier Actelion. Mehr als eine einsilbige Bestätigung beider Seiten kam bislang nicht. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass Johnson & Johnson (J&J) wenn, dann die ganze Actelion kaufen will. Allem voran verdeutlicht das die Angebotshöhe von bis zu 26,5 Milliarden Franken, die bislang unbestätigt am Markt kursiert. Kommt es zur Übernahme, könnte der US-Riese, der neben Medizinaltechnik und Consumer-Geschäft ein eigenes Pharmageschäft unterhält, bei der Allschwiler Belegschaft den Rotstift ansetzen.

Entlang der kolportierten Angebotsspanne könnte J&J bis zu 250 Franken pro Aktie bezahlen. Nach Börsenschluss am Freitag notierten die Actelion-Papiere bei 204 Franken. «Keiner würde eine solche Prämie bezahlen, wenn er nicht die ganze Firma übernehmen möchte», heisst es aus M&A-Kreisen und bei institutionellen Anlegern. Mit dem Angebot steige der Druck auf Actelion-Chef Jean-Paul Clozel, einer Übernahme zuzustimmen. Bislang hat Clozel, Gründer von Actelion, zwar alle Übernahmeversuche abwehren können, selbst als der aggressive Hedge Fund Elliott Advisors 2011 zur Attacke ansetzte. Jetzt sieht die Situation aber anders aus. Sollte Clozel J&J einen Korb geben, sei es praktisch unmöglich, «den Aktienkurs auf dem aktuellen Rekordniveau zu halten», sagt ein Investmentbanker.

Macht J&J mit ihrem Angebot ernst, glauben einige Finanzmarktspezialisten nicht mehr daran, dass die Actelion-Aktionäre dem Firmengründer gegenüber weiterhin loyal blieben. «Sie werden nie und nimmer mehr für ihre Aktien bekommen», sagt der Banker. Actelion ist zwar unangetastet führend im Markt für Bluthochdruck in der Lungenarterie (PHA). Ein Markt, der vor zehn Jahren auf 200 Millionen Dollar geschätzt wurde, in dem Clozel aber dank einer starken Verkaufsmannschaft 2015 2 Milliarden Franken umsetzte. Trotzdem fehlt es dem 61-jährigen Biotech-Pionier in seiner Pipeline an Innovationen für den nächsten Kassenschlager. Damit fällt es ihm zusehends schwerer, die Investoren auf lange Sicht bei Stange zu halten.

Handlungsspielraum schrumpft
Das verdeutlicht: Die Luft in der Allschwiler Chefetage ist dünner geworden. Zudem, heisst es, sässen Actelion und J&J schon seit September am Verhandlungstisch. Auch wenn Clozel stets die Unabhängigkeit Actelions proklamierte, scheint sein Handlungsspielraum nun zu schrumpfen. Strukturerhaltende Lösungen, wie etwa die kürzlich in den Medien kolportierte Joint-Venture-Transaktion, klingen ganz nach der Handschrift Clozels, der sein Lebenswerk möglichst erhalten will. «Dieser Plan hat angesichts der Angebotshöhe von J&J und Publikmachens der Verhandlungen kaum mehr eine Chance», heisst es aus M&A-Kreisen. Sie schliessen dann auch die Möglichkeit einer feindlichen Übernahme nicht aus.

Forschungsstellen gefährdet
Fest steht: Kommt es zu einer Übernahme, wird es die Belegschaft in Allschwil hart treffen. «Wer als Käufer eine so hohe Prämie bezahlt, der will dieses Aufgeld nach der Übernahme wieder über Kosteneinsparungen reinholen», sagt ein Fusions-Experte. Für diese «Synergien» sorgt bekanntlich ein Stellenabbau. Am meisten gefährdet, so sagen Branchenkenner, sei die Forschung und Entwicklung. Das deckt sich mit Beobachtungen der Gewerkschaft Angestellte Schweiz. «Bei Restrukturierungen in der Pharmaindustrie, wie sie dieses Jahr Novartis und Roche vorgenommen haben, sind vermehrt auch hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung betroffen», sagt Sprecher Hansjörg Schmid.

Diese Stellen sind bei Actelion zahlreich: Von den weltweit 2560 Angestellten arbeiten über 1000 Personen in der Schweiz, und etwa 800 von ihnen sind in der Forschung und Entwicklung tätigt. Actelion wollte über die Konsequenzen im Übernahmefall nicht mutmassen.

Ein Blick in bisherige Niederlassungsstruktur von J&J in der Schweiz zeigt: Der US-Konzern hat hierzulande keine eigene Forschungseinheit. Umso dringlicher stellt sich die Frage, was bei einer Übernahme mit der Forschungsstellen bei Actelion geschieht. Die Baselbieter Regierung zeigt sich erstaunlich gelassen. Man wolle keine «Übernahmegerüchte oder Kaufofferten» kommentieren, sagt Thomas Weber, Vorsteher der Volkswirtschaftsdirektion. Kommt die Übernahme, dürfte die Direktion jedoch noch nervöser werden. Denn: Actelion sei für den Standort Baselland ein sehr bedeutendes Unternehmen, sagt Weber. Deshalb sei es entscheidend, dass es hier weiterhin gute Rahmenbedingungen vorfinde und die Aktivitäten in Forschung und Entwicklung vor Ort blieben. Für den Ernstfall hat die Regierung aber keine Vorkehrungen getroffen. «Erfolgreiche Unternehmen laufen immer Gefahr, übernommen zu werden, dagegen kann man keine Vorkehrungen treffen», sagt Weber.

Wie hoch diese Gefahr für Actelion und seine Forschungsmannschaft ausfällt, dürfte sich in den kommenden Tagen verdeutlichen. Denn der US-Konzern J&J muss wohl noch vor Weihnachten Klarheit schaffen, was er mit dem Allschwiler Biotech-Unternehmen vorhat.

Mitarbeit: Rahel Koerfgen

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