Nächsten Donnerstag kommt in Solothurn eine Millionenliegenschaft unter den Hammer. Schuldner ist der Immobilienunternehmer Jürg M.* mit mutmasslichen Nebenaktivitäten im Sex-Geschäft. Wie in solchen Fällen üblich, dürften sich nächsten Donnerstag im Gantlokal viele Schaulustige einfinden. Im Steigerungssaal Platz nehmen werden auch Anwälte der Privatbank Notenstein (Ex-Wegelin) sowie eine Handvoll Bauhandwerker aus der Region.

Das Zusammentreffen ist der vorläufige Höhepunkt einer seit Monaten andauernden Auseinandersetzung, in der es um Millionenforderungen, Schlampereivorwürfe und leere Versprechen geht. Sogar der ehemalige geschäftsführende Teilhaber der Privatbank Wegelin und NZZ-Verwaltungsrat, Konrad Hummler, schaltete sich persönlich in die Angelegenheit ein, wie aus umfassenden Dokumenten hervorgeht, die dem «Sonntag» vorliegen.

Um das geht es: Der weitgehend mittellose Immobilienunternehmer Jürg M. bekam von der Bank Wegelin (heute Notenstein) Millionenbeträge zugesprochen und war kurz darauf pleite. Im Juni 2009 bewilligte die Bank für den Kauf der Liegenschaft zum Kaufpreis von 1,9 Millionen Franken eine Hypothek von 1 Million Franken. Einen Monat später genehmigte die Bank die Aufstockung der Hypothek auf 1,6 Millionen für den Umbau.

In den nächsten Monaten wurde das einfache Bauernhaus in ein luxuriöses Landhaus mit drei Küchen und Swimmingpool verwandelt. Die Kosten liefen aus dem Ruder: Im Januar 2010 verlangte Jürg M. eine weitere Erhöhung des Kreditrahmes um 400 000 Franken, um Rechnungen der Bauhandwerker zu begleichen. Nach einigem Hin und Her bewilligte die Bank den Zusatzkredit und bezahlte die Rechnungen.

Pikant: Der involvierte Berater bei Wegelin war Martin Schenk, der Leiter der Filiale in Bern. Schenk ist ein alter Freund von M. Gemeinsam besuchten sie die Grundschulen. Heute ist Schenk Leiter Privatkunden Schweiz und sitzt in der Geschäftsleitung von Notenstein.

Die alte Männerfreundschaft wurde im April 2010 auf die Probe gestellt, als weitere Kostenüberschreitungen im Umfang von 609 000 Franken festgestellt wurden. Wie es in einem internen Protokoll von Wegelin heisst, setzten zu diesem Zeitpunkt «intensive Diskussionen» mit Jürg M. ein. Der Bank gemachte Versprechen, dass er mit dem Verkauf einer Beteiligung an einer Hörberatungsfirma rund 1 Million Franken lösen könnte, entpuppten sich als leer. Im Wegelin-Protokoll wird von einem «Grounding» gesprochen. Später schreibt Konrad Hummler in einem Brief, dass sich «plausibel erscheinende Vermögensbestände» von Herrn M. später als «illusionär erwiesen» hätten.

Die Bankiers von Wegelin zogen die Notbremse. Per sofort stoppten sie die Bezahlung der Handwerkerrechnungen. Eine Aufstellung eines Revisionsunternehmens im Auftrag der Handwerker ergab später Ausstände im Umfang von knapp 800 000 Franken für fünf kleinere Bauhandwerkbetriebe.

Doch das war nicht alles. Der Revisor stiess bei M. auf weitere Schuldenberge. Allein bei der Mehrwertsteuer türmten sich 280 000 Franken auf. Hinzu kamen weitere Steuerschulden beim Kanton Bern im fünfstelligen Bereich. Die Schlinge um Jürg M. zog sich rasant zu. Wie aus etlichen hektischen E-Mails hervorgeht, versuchte er noch bei Raiffeisen – der Notenstein heute gehört – einen weiteren Kredit zu organisieren, doch die kleine Bank aus Subingen SO winkte ab.

Die Handwerker vertrauten darauf, dass Wegelin nur seriösen Kunden derart hohe Kredite gewähren würde. Lange hegten sie keinen Verdacht, weil die Bank sämtliche Rechnungen beglich. Als die Bank die Zahlungen einstellte, fielen sie aus allen Wolken.

Wie konnte es sein, dass die Bank offenbar auf einen dubiosen Pleitier hereinfiel? Das Erstaunen über die Kreditvergabe wird umso grösser, als Jürg M. 2008 auf ein steuerbares Einkommen
von 36 000 Franken kam. Gemäss Lohnausweis hatte er ein Salär von 84 000 Franken. Wie kann die Bank aufgrund dieser Einkommensangaben Hypotheken von 2 Millionen Franken gewähren?

Möglicherweise liegt die Antwort in den schlüpfrigen Nebengeschäften von Jürg M. So steht in offiziellen Wegelin-Protokollen, dass er über «weitere Eingänge aus Deutschland» verfüge. Dabei soll es sich um ein Sex-Etablissement in Nürnberg handeln, wie Muri behauptete. Diese Einkünfte waren auch nicht deklariert, wie M. in einem E-Mail schreibt.

Gab Wegelin Jürg M. also deshalb eine derart hohe Hypothek, weil dieser über undeklarierte Geldströme aus einem Bordell in Deutschland verfügte? Die Bank Notenstein, ihre Mutter Raiffeisen Schweiz sowie die alte Wegelin nahmen keine Stellung dazu. Jürg M. sagt auf Anfrage, dass die «Einkünfte aus Deutschland eine Notlüge waren, um Zeit für eine Lösung zu gewinnen».

In einem Brief an einen Handwerker schiebt Konrad Hummler jegliche Schuld von sich: «Auch bei durchaus selbstkritischer Überprüfung komme ich zum Schluss, dass der Bank in der Angelegenheit (. . .) keine vorwerfbaren Fehler unterlaufen sind.» Für die Handwerker ist klar: Wegelin hat unprofessionell gearbeitet und ihre Sorgfaltspflichten verletzt.

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